«Wir hatten wahnsinniges Glück»

Horst Teltschik hat als Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl mit dazu beigetragen, dass die Berliner Mauer verschwunden ist. Es hätte aber auch alles anders kommen können, sagt er.

Auf dem Weg zur deutschen Wiedervereinigung: Horst Teltschik (1. v. r.) am Verhandlungstisch mit Bundeskanzler Helmut Kohl (3. v. r.) und Michail Gorbatschow (2. v. l.), dem Führer der Sowjetunion. Foto: Eastblockworld.com

Auf dem Weg zur deutschen Wiedervereinigung: Horst Teltschik (1. v. r.) am Verhandlungstisch mit Bundeskanzler Helmut Kohl (3. v. r.) und Michail Gorbatschow (2. v. l.), dem Führer der Sowjetunion. Foto: Eastblockworld.com

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am einstigen Checkpoint Charlie in Berlin machen Familien Fotos hinter den Sandsäcken. In den Souvenirläden, welche die Friedrichstrasse säumen, werden Mauerstücke verkauft – rote, blaue, grüne, hinter Glas oder vor einem Mauermodell. Man kann sie auch offen kaufen, Mauerbruch sozusagen, 19.95 Euro per hundert Gramm – graue, kalte, hässliche Betonstücke.

Horst Teltschik sieht andere Bilder, wenn er an den Übergang zwischen Ost- und Westberlin denkt. «Ich erinnere mich an eine Zeit, als sich am Checkpoint Charlie amerikanische und sowjetische Panzer auf Sichtweite gegenüberstanden und die Gefahr eines neuen Kriegs bestand», sagt der Mann, der mit dazu beigetragen hat, dass diese Mauer verschwunden ist: Als aussenpolitischer Berater des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl ist er bei jeder Verhandlungsrunde mit am Tisch gesessen.

Man erkennt ihn auf den Bildern sofort: ein engagierter Mann mit Brille und üppigem Haarschopf. So engagiert ist der 79-Jährige noch heute, und man erkennt ihn auch noch immer am markanten Haarschopf, der inzwischen weiss geworden ist.

Mit Michail Gorbatschow sei von Anfang an alles anders gewesen, sagt Horst Teltschik.

«Ich habe drei Generalsekretäre der Kommunistischen Partei der Sowjetunion erlebt, die alle todkrank waren. Da war Leonid Breschnew, der Fragen von Kohl nur beantworten konnte, wenn ihm Aussenminister Andrei Gromyko die Antworten auf einem Zettel zuschob», erzählt er. «Ich habe Juri Andropow kennen gelernt, der geistig zwar noch voll da war, aber praktisch nicht mehr gehen konnte. Ein Dreivierteljahr später war er tot. Und dann habe ich Konstantin Tschernenko erlebt, der noch kränker und nach einem Jahr tot war.»

Mit Michail Gorbatschow sei von Anfang an alles anders gewesen. Das erste Mal hat er ihn 1985 getroffen, am Tag nach der Beerdigung Tschernenkos. «Wir sind immer zu den Trauerfeiern gefahren. Wir wollten wissen, ob die wirklich tot sind.» Teltschik lacht. Um Ehrerbietung ging es dabei nicht, sondern darum, am nächsten Tag den Nachfolger zu treffen.

Horst Teltschik über das Kaukasus-Treffen von Helmut Kohl und Michail Gorbatschow im Juli 1990. Quelle: Youtube/Zeitzeugen-Portal

Ausgerechnet am 9. November 1989, dem Tag, als die Mauer fiel, war Teltschik mit Kohl in Polen. Über Monate hatte er mit Warschau verhandelt, nun sollte ein Dokument unterzeichnet werden, das Polen für Deutschland zu einem gleich wichtigen Partner machte wie Frankreich. Im Verlauf des Tages habe er mitbekommen, dass in Berlin etwas los ist, doch niemand wusste etwas Genaueres. «Man konnte damals nur innerhalb des Warschauer Pakts telefonieren. Helmut Kohl hatte in seiner Suite natürlich ein Telefon, damit konnte er Moskau anrufen, aber nicht Bonn.» Deshalb hatte die deutsche Delegation ein sogenanntes Standgerät dabei. «Das war so ein Holzkasten mit einer Kurbel dran. So bekamen wir eine Verbindung ins Bundeskanzleramt. Und Kohl hat dann erfahren, dass sich in Berlin Menschen an der Mauer versammeln.»

«Die Sowjetunion wäre in der Lage ­gewesen, alles wieder dichtzumachen.»Horst Teltschik

Dass da gerade Historisches passiert, ahnte man noch nicht. Er habe die Dimension nicht abschätzen können, sagt der Mann, der sich mitten in dieser Wende befand. «Es hätte alles auch ganz anders kommen können», meint er nachdenklich. «Wir haben wahnsinniges Glück gehabt. Keiner der Volkspolizisten an der Grenze hat die Waffe gezogen und versucht, die Menschen aufzuhalten.» Die Männer hatten keine Weisung von oben, wussten nicht, was sie zu tun hatten, als die Ostberliner auf die Mauer zudrängten. «Wenn ein Polizist aus Angst oder Nervosität geschossen hätte, das hätte ein Blutbad geben können, bürgerkriegsähnliche Zustände.» Und schliesslich standen da auch noch 380'000 sowjetische Soldaten in der DDR.

Ob er denn den historischen Tag vor lauter Sorge gar nicht feiern konnte? Teltschik schmunzelt. Doch, doch, man habe angestossen. «Da stand so ein Kübel mit Eis und einer Flasche drin, Krimsekt oder so was. Ich habe gesagt: ‹Da müssen wir ein Glas drauf trinken!› Helmut Kohl war nicht so begeistert, zu sehr war er mit der Frage beschäftigt: Was mache ich jetzt?» Doch er selber habe sich zuerst einmal einfach gefreut: «Ich hatte Freunde in Ostberlin und dachte mir: ‹Mann, endlich, endlich frei!›»

Alle waren pleite

An eine Wiedervereinigung hat dabei aber noch niemand gedacht. «Machtpolitisch wäre die Sowjetunion in der Lage gewesen, alles wieder dichtzumachen, diese demokratischen Bewegungen wie zuvor in Prag oder Budapest einfach niederzuwalzen.» 1985 hatte Gorbatschow das Ende der sogenannten Breschnew-Doktrin verkündet und den Satellitenstaaten erklärt, sie müssten in Zukunft für sich selber sorgen. Doch das war nicht so einfach, denn die Länder brauchten Hilfe.

Teltschik erzählt, wie er mit Ungarn schon 1985 einen Kredit verhandelt hat, dann mit Bulgarien und der Tschechoslowakei. Die Polen konnten die Schulden nicht mehr bedienen und die DDR hatte von Bonn einen Kredit über zwei Milliarden Mark bekommen. «Die waren ja alle pleite!» Und Gorbatschow war mit der Krise im eigenen Land beschäftigt. «Bei aller Liebe: Der Kreml war nicht in der Lage, irgendwo zu helfen.»

Gemeinsames europäisches Haus

Hier hat Kohls Team angesetzt und Gorbatschow Hilfe bei den Reformen versprochen. Bei den Sitzungen im Kanzleramt sei es immer wieder darum gegangen: Was können wir für Moskau tun? Allein 1990 hat die BRD mit der Sowjetunion 22 Abkommen unterzeichnet – und für 1,5 Milliarden Mark Lebensmittel geschickt. Dann schlug Kohl Gorbatschow vor, einen Vertrag über die künftigen Beziehungen zu schliessen und darin auch sicherheitspolitische Garantien wie den Verzicht auf ABC-Waffen abzugeben. Das habe den Durchbruch gebracht, sagt Teltschik: «Sicherheitspolitik, das ist für Russland das Schlüsselwort – damals wie heute.»

Natürlich war auch die Nato ein Thema. Doch um die Osterweiterung sei es da noch gar nicht gegangen. «Die ­Frage war, ob das vereinte Deutschland Mitglied der Nato bleibt – ja oder nein. Nicht mehr und nicht weniger.» Der Gedanke an eine Osterweiterung wäre «abstrus» gewesen, sagt Teltschik. «Wer konnte sich im Frühling 1990 so etwas vorstellen? Da war ja die Einheit noch nicht absehbar. Wir haben intern mit fünf bis zehn Jahren gerechnet, bis wir Deutschland geeint haben. Wer konnte wissen, dass sich der Warschauer Pakt 1991 auflöst und dann sogar die Sowjetunion untergeht? Da hätten schon Propheten am Werk sein müssen!»

«Sicherheitspolitik, das ist für Russland das Schlüsselwort – damals wie heute»: Horst Teltschik. Foto: Reuters

Die Debatte über die Osterweiterung der Nato, die viele Russen als Verrat des Westens empfinden, hat erst später begonnen. Da hatte Teltschik der Politik bereits den Rücken gekehrt und in die Wirtschaft gewechselt. Doch er hätte es anders gemacht: «Es wäre besser gewesen, zuerst eine EU-Mitgliedschaft anzugehen. Erst mal europäische Gemeinschaft, die ja auch eine Bündnisverpflichtung vorsieht. Und parallel hätte man mit Russland reden müssen.»

Dabei hätte man auf der Charta von Paris für ein neues Europa aufbauen können, eine von 34 Staats- und Regierungschefs unterzeichnete politische Absichtserklärung, die eine Friedens- und Sicherheitsordnung von Vancouver bis Wladiwostok vorsah. «Gorbatschow nannte es das gemeinsame europäische Haus, in dem jedes Land, auch Russland, die gleiche Sicherheit geniesst. Leider ist das Theorie geblieben. Das bedaure ich ausserordentlich!» Man spürt es, er wäre hier gerne die treibende Kraft gewesen. «Teltschik, was soll ich denn noch alles tun?», habe ihn Kohl einmal angefahren, als er einen Vorstoss lancierte. Die Politik hatte damals anderes zu tun: die deutsche Einheit, der EU-Vertrag, der Krieg im Irak.

Statt die Trennlinie zu überwinden, sei sie einfach ein paar Hundert Kilometer nach Osten verschoben worden, beklagt Teltschik. Man sei bei einem «Kalten Frieden» angekommen, wie er die Beziehungen mit Russland in seinem neuen Buch «Russisches Roulette» nennt. Doch soll man Moskau einfach alles durchgehen lassen? Die Okkupation der Krim durch Russland sei völkerrechtswidrig, stellt Teltschik klar. Dennoch müsse die Politik wie vor 30 Jahren nach Kooperationsmöglichkeiten suchen. «Man muss miteinander reden – ganz egal, ob man sich mag oder nicht», sagt der Verhandlungsexperte. «Andropow hat uns damals mit dem dritten Weltkrieg gedroht. Trotzdem sind wir wieder nach Moskau gefahren.»


30 Jahre Mauerfall – Serie zur Wende von 1989


Erstellt: 06.11.2019, 17:36 Uhr

Serie zur Wende von 1989

Vor 30 Jahren, am 9. November 1989, fiel die Berliner Mauer. 28 Jahre lang hatte sie Berlin in Ost und West geteilt, die Mauer war Brennpunkt und Symbol des Kalten Kriegs. Ihr Fall markierte dessen Ende. Inzwischen ist die damalige Euphorie Ernüchterung gewichen, erneut ist die Rede von einem Kalten Krieg. (chm)

Artikel zum Thema

«Da wurde Bush plötzlich ganz still»

Serie John Sununu war Stabschef von George H.W. Bush, als die USA nach dem Berliner Mauerfall plötzlich als Sieger des Kalten Kriegs dastanden. Mehr...

Der Doppelagent, der das Eis brach

Serie Im Kalten Krieg war Oleg Gordijewski der ranghöchste KGB-Überläufer. Dank ihm wurde Gorbatschows London-Besuch 1984 zum wegweisenden Erfolg. Mehr...

«Der Gedanke, die DDR könnte kollabieren, kam uns absurd vor»

Serie Als die Berliner Mauer fiel, war Marianne Birthler Bürgerrechtlerin. Die spätere Hüterin der Stasi-Unterlagen blickt zurück – und sorgt sich um die Zukunft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Rioja fasziniert mit neuer Vielfalt

Die Winzer aus der Region Rioja glänzen mit stetig zunehmender Finesse und Vielfalt. Neben Weissweinen sind auch Einzellagen, Orts- und Gebietsweine auf dem Vormarsch.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Gute Laune trotz Lichtmangels

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...