«Wir sind keine Naivlinge, die Bäume umarmen»

Die Friedensnobelpreisträger sehen sich nicht als Träumer: Die Chefin der Anti-Atomwaffen-Organisation Ican redet Klartext.

Freude über den Nobelpreis: Ican-Chefin Beatrice Fihn. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Freude über den Nobelpreis: Ican-Chefin Beatrice Fihn. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Gespräch ist eigentlich schon beendet, da sagt Beatrice Fihn noch diesen einen Satz, er scheint ihr sehr wichtig zu sein: «Wir sind keine Naivlinge, die einfach durch die Gegend rennen, Bäume umarmen und fernab der Realität von Frieden träumen.»

Am vorletzten Freitag in einer schmucklosen Cafeteria in Genf, exakt eine Woche vor der Bekanntgabe des Friedensnobelpreises, nahm sich Fihn viel Zeit für das Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet, sie redete über ihre Organisation und ihr Bestreben in Dutzenden Staaten auf der ganzen Welt. Und über ihr Ziel, endlich eine Welt ohne Nuklearwaffen auf den Weg zu bringen. Und dann, im Gehen, sagte die Chefin der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (Ican) noch dies: Natürlich werde sie in sieben Tagen auf ihr Handy starren und gespannt auf einen Anruf aus Oslo hoffen.

Grosse Freude bei Ican: Die Anti-Atomwaffen-Bewegung bekommt den Nobelpreis. Video: Tamedia/SDA

Die Hoffnung hat sich erfüllt. Die Schwedin Beatrice Fihn hat gestern den Anruf bekommen. Ican, ein Zusammenschluss von etwa 450 Organisationen in mehr als 100 Ländern, erhält den Friedensnobelpreis, «für ihre Arbeit, mit der sie die Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Konsequenzen eines jeglichen Einsatzes von Atomwaffen lenkt, und für ihre bahnbrechenden Bemühungen, ein vertragliches Verbot solcher Waffen zu erreichen», wie das norwegische Nobelkomitee mitteilt.

Radikalität, die polarisiert

Ican hat in den letzten Jahren in mühevoller Kleinarbeit eine globale Kampagne auf die Beine gestellt und immer wieder für einen Deal gekämpft, der zunächst fernab von grosser medialer Aufmerksamkeit ausgehandelt worden ist. Bei der UNO haben sich dafür mehr als 120 Staaten zusammengesetzt und über ein Verbot von Atomwaffen gesprochen. Am 20. September gipfelte dies am Rande der UNO-Generalversammlung in New York dann in einer feierlichen Zeremonie – der Vertrag wurde im Beisein von UNO-Generalsekretär António Guterres zur Unterschrift ausgelegt. Sobald ihn 50 Staaten ratifizieren, tritt er in Kraft. Dieser Prozess könnte noch bis Ende 2018 dauern. Der Deal untersagt den Unterzeichnern Besitz, Erwerb und Weiterverbreitung von Atomwaffen.

In dieser Radikalität fällt er je nach Betrachtungsweise aus der Zeit – oder er passt perfekt in ebendiese Zeit. Die nukleare Bedrohung hat auf globaler Ebene massiv zugenommen. Die Atommächte, allen voran Russland und die USA, haben die Gespräche boykottiert und setzen wieder verstärkt auf nukleare Abschreckung: Sie modernisieren ihre Arsenale. Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un hat sein Atomwaffenprogramm vorangetrieben und legt sich mit den USA an. Kim hat in Donald Trump einen Gegenspieler, der den nuklearen Fehdehandschuh dankbar aufnimmt.

Ican und die Unterzeichnerstaaten wollen zu diesem rhetorischen und realen Rüsten ein Gegengewicht aufbauen. Sie wollen die Logik durchbrechen, dass nur die Atomwaffenstaaten die globale nukleare Ordnung bestimmen. Schliesslich, betont Fihn, gehe das Thema alle an, auch Staaten, die nicht im Besitz der Massenvernichtungswaffen seien.

Ican folgt als Preisträger dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, der bereits 2009 das Ziel ausgerufen hatte, eine Welt ohne Atomwaffen auf den Weg zu bringen, und damit gescheitert war. «Der Vertrag zum Atomwaffenverbot ist jetzt eine Realität, die sich nicht mehr ausblenden lässt», sagt Ican-Chefin Fihn. Und er führe dazu, dass viele Länder Farbe bekennen müssen – für oder gegen Atomwaffen. So habe sich etwa auch Deutschland als Nato-Mitglied in den Gesprächen gegen den Verbotsvertrag gestellt, obwohl die Bundesregierung doch ebenfalls das Ziel einer nuklearwaffenfreien Welt propagiere. Natürlich sei ihr bewusst, sagt Fihn, dass es noch einige Zeit dauern werde, «bis jeder Staat in der Welt den Vertrag auch unterzeichnet».

«Die Arbeit fängt erst an»

Fihn verweist auf andere internationale Normen, etwa die Verbote von Streumunition oder Chemiewaffen. In beiden Fällen habe es jahrelang gedauert, bis sie sich in der Praxis durchgesetzt hätten. Staaten oder Akteure, die diese Waffen nun einsetzten, stehen «am Pranger», sagt Fihn. Und genau diesen Effekt erhofft sich Ican auch von dem Atomwaffenverbot.

Ican hat die Verhandlungen für das Atomwaffenverbot begleitet, nun gibt es den entsprechenden Vertrag. Ist die Arbeit der Organisation damit nun beendet? Fihn verneint das vehement. «Sofort nachdem der Vertrag zur Unterzeichnung auslag, habe ich gemerkt: Die Arbeit fängt jetzt erst richtig an.» Sie meint die Arbeit für eine Welt ohne Atomwaffen, die noch längst nicht Realität ist. Daran ändert auch der Friedensnobelpreis nichts.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2017, 20:28 Uhr

Artikel zum Thema

Die Welt ein wenig besser machen

Kommentar Mit dem Nobelpreis kann Ican eine weltweite Koalition gegen Atomwaffen schmieden. Mehr...

Nobelpreis für Anti-Atomwaffen-Kampagne mit Sitz in Genf

Video Den diesjährigen Friedensnobelpreis empfängt die Internationale Kampagne Ican zur Abschaffung von Atomwaffen. Mehr...

«Der Nobelpreis ist auch eine Botschaft an die Schweiz»

Der Friedensnobelpreis 2017 geht an die internationale Anti-Atomwaffen-Bewegung Ican in Genf. Die Reaktion von Annette Willi, Präsidentin Ican Schweiz. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Punktlandung: Eine russische Raumkapsel mit drei Raumfahrern der Internationalen Raumstation (ISS) an Bord landet in der Steppe von Kasachstan. Nach fünf Monaten ist die Besatzung wieder auf die Erde zurückgekehrt. (14. Dezember 2017)
(Bild: Dmitry Lovetsky) Mehr...