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«Wir sollten uns nicht der Hysterie der Rechten anschliessen»

Arabische Männerbanden haben in Köln geraubt und Frauen sexuell angegriffen. Die deutsche Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor warnt vor voreiligen Schlüssen.

Hat die Übergriffe miterlebt: Passantin in Köln. (Video: «Die Welt»)

Banden von Männern aus Nordafrika und dem Nahen Osten haben in der Silvesternacht in Köln Frauen ausgeraubt und sexuell angegriffen. Das erinnert an die massenhaften Übergriffe bei den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Gibt es eine Art muslimische Unkultur der sexuellen Belästigung durch Männergruppen? Ich habe ein Problem mit diesem Vergleich. In Ägypten ging es bei den sexuellen Übergriffen in erster Linie um die Einschüchterung von Frauen, die in den vorderen Reihen der Demonstrationen mitmarschierten. Dagegen standen in Köln systematische kriminelle Handlungen im Vordergrund. Den Tätern ging es vor allem um Diebstähle. Die sexuellen Übergriffe waren ein Ablenkungsmanöver, um die Frauen ausrauben zu können. Eine Gleichsetzung dieser sexuellen Übergriffe halte ich für sehr gefährlich. Das suggeriert, dass orientalisch geprägte Männer bestimmte Verhaltensmuster haben. Solche Stereotypen werden von der politischen Rechten missbraucht. Was passiert ist, ist schlimm. Es muss mit aller Härte bestraft werden, wie es der Rechtsstaat erlaubt.

Dennoch: Der kulturelle Hintergrund der Täter von Köln kann nicht einfach ausgeblendet werden. Diese Männer stammen aus Ländern mit sehr patriarchalischem Rollenverständnis. Dort werden problematische Frauenbilder in der Familie vermittelt, und sie sind in der Gesellschaft verankert. Aber das ist nicht nur für muslimische Kulturkreise typisch. Auch in Südamerika oder auf dem indischen Subkontinent sind ähnliche Frauenbilder vorherrschend. Im Übrigen: Wenn wir schon von massenhaften sexuellen Übergriffen sprechen, müssen wir feststellen, dass wir das in Deutschland schon längst kennen.

Woran denken Sie? Beim Oktoberfest in München oder beim Kölner Karneval kommt es gehäuft vor, dass stark alkoholisierte und enthemmte deutsche Männer Frauen sexuell bedrängen und belästigen. Aber das wird gerne als Kollateralschaden dieser Veranstaltungen abgetan. Es gibt keinen Unterschied zwischen der einen sexuellen Gewalt und der anderen.

Aber weder beim Oktoberfest noch beim Karneval passiert es, dass Gruppen von Dutzenden Männern auf Frauen losgehen. Ja, das stimmt. Die Ansammlung von derart vielen Tätern, wie es in Köln geschah, ist tatsächlich erschreckend. Die Behörden und die Gesellschaft müssen sich die Frage stellen, warum es möglich war, dass diese Männer andere Menschen berauben und belästigen konnten. Vor allem die Polizei muss sich Fragen stellen lassen. Warum war die Polizei vor Ort nicht in der Lage, die Übergriffe zu verhindern?

Wie sollte die Gesellschaft reagieren? Was in Köln passierte, ist offensichtlich ein neues Phänomen der kriminellen Gewalt in Deutschland. Aber bei einer Gegenstrategie darf es nicht darum gehen, alle muslimischen Männer unter Generalverdacht zu stellen und darum gesondert zu behandeln. Kriminelle sollen hart und gerecht bestraft werden, unabhängig vom kulturellen Hintergrund. Der Rechtsstaat ist für alle gleich. Sonst könnte zum Beispiel ein nordafrikanischer Täter vor Gericht sagen, dass er aufgrund seiner Herkunft gar nicht anders handeln könne, und er würde strafmildernde Umstände geltend machen. Das ist doch unsinnig. Das würde unseren Rechtsstaat ad absurdum führen.

In den sozialen Medien tobt schon längst der Streit um die Deutung der Gewaltexzesse von Köln. Die frühere Familienministerin Kristina Schröder (CDU) forderte, dass «wir uns mit den gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen in der muslimischen Kultur auseinandersetzen müssen». Was meinen Sie dazu? Frau Schröder ist vorbelastet, das ist ihr Lieblingsthema seit Jahren. Solche Aussagen sind sehr problematisch im Kontext einer Flüchtlingsdebatte, die ohnehin islamfeindlich geführt wird. Gerade eine frühere Ministerin der deutschen Regierung sollte mit Besonnenheit reagieren. Solche Diskussionen spalten unsere Gesellschaft. Wir sollten uns nicht der Hysterie der Rechten und Islamophoben anschliessen.

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