Wir waren ein stolzes Königreich

Je länger, desto mehr fragt man sich im Vereinigten Königreich: War Britishness nur ein historisches Missverständnis?

Britisches Selbstverständnis, verkörpert von der Queen. Muss sie eine Verfassungskrise abwenden? Königin Elizabeth II. vor dem britischen Oberhaus in London. Foto: Getty Images

Britisches Selbstverständnis, verkörpert von der Queen. Muss sie eine Verfassungskrise abwenden? Königin Elizabeth II. vor dem britischen Oberhaus in London. Foto: Getty Images

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Wenn am 14. September, nach zwei Monaten und mehr als 70 Konzerten, die beliebte letzte Nacht der sommerlichen Promenadenkonzerte in der Royal Albert Hall, die «Last Night of the Proms», anbricht, wird vieles sein wie immer. Ausgelassene Stimmung, seltsam gekleidete Menschen mit lustigen Hüten, Schunkelklassik. Und wenn es am schönsten ist, werden alle gemeinsam «Rule, Britannia!» singen und sich in den Armen liegen. Oder doch nicht?

Die Ausweitung der Kampfzone, in welcher der Brexit ausgefochten wird, hat längst die populärsten Kulturgüter und die grössten Selbstverständlichkeiten im Königreich erfasst. Die Proms, die seit Ende des 19. Jahrhunderts Menschen aller Schichten, Bildungsgrade und Überzeugungen begeistern, sind ein grosser Spass. Sie sind mittlerweile aber auch ein Indikator dafür, wie es um die Einigkeit des Königreichs und die britische Identität steht – oder um das, was davon noch übrig ist.

Fähnchen als Stimmungsmesser

Nach dem Referendum von 2016 wurden die Proms zum Lackmustest: EU-Fans hatten Geld für EU-Flaggen aufgetrieben, die der europhile Teil des Publikums schwenkte, umgehend sammelten Euroskeptiker Geld für Union Jacks ein. Seither wird anhand der Zahl der Fähnchenschwinger – hier Blau mit Sternchen, dort die Kreuze in Rot, Weiss und Blau – der Puls der Nation gemessen.

In diesem Jahr fällt die Last Night of the Proms mitten in den September und damit in eine dramatisch aufgeheizte Zeit. Der neue Premier steuert das Land auf einen vertraglosen Austritt aus der EU zu. «Leben oder Tod», «unter allen Umständen» – die Rhetorik ist unversöhnlich. Boris Johnson hat bis heute in Brüssel kein Angebot vorgelegt, Brüssel signalisiert, man warte, bis die Briten kommen.

Das britische Parlament hat sich mehrheitlich gegen einen Crashkurs ausgesprochen; es wird nicht zuschauen, wie Johnson No Deal erzwingt. Gut möglich also, dass in drei Wochen bereits der erst kürzlich berufene Premierminister vom Parlament gestürzt worden ist. Denkbar, dass sich die Oppositionsparteien dann zusammenschliessen und einen Hinterbänkler zum Chef einer Regierung der nationalen Einheit machen, wie es sie zuletzt im Zweiten Weltkrieg gab.

Steht eine Verfassungkrise bevor?

Sehr gut möglich aber auch, dass sich das Land dann bereits im Wahlkampf befindet, weil Johnson es darauf ankommen lässt und nach einem Misstrauensvotum vorgezogene Neuwahlen ansetzt, die – so sickert es aus der Downing Street heraus – im Idealfall erst nach dem Crash, also nach dem No Deal, stattfinden würden.

Möglich sogar, dass eine verfassungsrechtliche Krise losbrechen wird, wie sie das Land so noch nie gesehen hat – wenn nämlich Johnson de facto vom Parlament gestürzt worden ist, aber nicht zurücktreten will. Dann könnte, wie derzeit mit wachsender Verzweiflung unter den Remainern diskutiert wird, die Queen ins Boot geholt werden; sie müsste, nie dagewesen und eigentlich undenkbar, in die aktuelle Politik eingreifen und Johnson feuern. Das Königreich – im Ausnahmezustand.

 Cummings hingegen wolle das Land mit No Deal gegen die Wand fahren. Zerstören und dann nach eigenen Vorstellungen wieder aufbauen.

Verfassungsexperten, Minister und Abgeordnete rechnen vor, warum die jeweils andere Seite auf eine Niederlage zusteuert. Der Kopf der No-Deal-Strategie in Downing Street, der ehemalige Vote-Leave-Vordenker Dominic Cummings, hat das Land wissen lassen: No Deal sei nicht zu stoppen. Wer es versuche, sei schlicht zu spät dran. Sorry, boys. Der ehemalige juristische Chefberater der Regierung und Tory-Abgeordnete Dominic Grieve wiederum, einer der bekanntesten Rebellen gegen den Kurs der eigenen Regierung, kontert: Im Zweifel müsse die Queen ran. Denn Johnsons anarchistische Vorgehensweise wäre ein Angriff auf die Demokratie und die Verfassung. Die Weigerung Johnsons, nach einem erfolgreichen Misstrauensvotum zu weichen, käme einem Putsch gleich.

Der irische Literaturkritiker und Publizist Fintan O’Toole, Autor des Brexit-Buches «Heroic Failure» und eindringliche Stimme in der Debatte auf der Nachbarinsel, ist überzeugt, dass es dem Team um Johnson genau darauf ankommt. Johnson sei ein Showman mit einer Vorliebe für extreme Ideen, aber ohne Plan, sagt O’Toole. Mastermind Cummings hingegen wolle das Land mit No Deal gegen die Wand fahren. Zerstören und dann nach eigenen Vorstellungen wieder aufbauen – das sei die Ideologie dahinter.

Der Ire hat daher unlängst in die Debatte mit einer originellen Idee eingegriffen: Er hat vorgeschlagen, die Iren sollten die Tory-Truppe in London stoppen. Gerade die Iren, wie das und warum? Der Partei Sinn Féin, republikanisch-katholisch und gesamtirisch organisiert, stehen in Westminster sieben Sitze zu, die Sinn Féin aber nicht besetzt – aus Prinzip: keine Mitarbeit im Parlament der Besatzer. O’Toole schlug nun vor, die gewählten Abgeordneten der Sinn Féin, die nie in Westminster waren, könnten gleichwohl zurücktreten; dann müssten die Sitze in Nachwahlen neu besetzt werden. Kandidaten könnten irische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sein, politisch unabhängig, aber gegen den Brexit.

Die Abspaltung droht

Eine der Persönlichkeiten, die O’Toole auf seiner Wunschliste hatte, ist Deirdre Heenan, Professorin an der Ulster University in Nordirland. Sie hätte bei der ungewöhnlichen Rettungsaktion durchaus mitgemacht. «Nordirland würde von einem No Deal am meisten beschädigt», sagt sie. «Es wäre eine Katastrophe für uns.»

Aber auch Heenan weiss: Hinter dem schnellen und kategorischen Nein der irischen Republikaner steht nicht nur die Weigerung, sich in einer Krise wie dieser auf die Gedankenspiele eines Intellektuellen aus Dublin einzulassen. Die irische Unabhängigkeitsbewegung profitiert schliesslich auch vom inneren Zerfall des Vereinigten Königreichs.

Was, wenn am Schluss, geplant oder ungeplant, ein Kleinbritannien übrig bleibt?

Profiteure, wenn man so will, eines No Deal und der darauffolgenden ökonomischen Wirren mit einer drohenden Rezession könnten zudem nicht nur die republikanische Bewegung in Irland, sondern auch die Unabhängigkeitsbewegung in Schottland sein. In Umfragen ist die Zustimmung für eine Abspaltung Schottlands seit dem drohenden No Deal in die Höhe geschnellt.

Und so ist es, nach drei Jahren Brexit-Wahnsinn, vor allem die neu entflammte Identitätsfrage, welche die Debatte und die Entscheidungen im Königreich prägt und verschärft. Was ist Britishness: die Gesamtheit seiner befreundeten Teile oder ein grosses, historisches Missverständnis? Eine Mehrheit der Tory-Mitglieder, die Johnson gewählt haben, hat in Umfragen zu erkennen gegeben, dass der Zerfall der Union ein erträglicher Preis wäre für die Wiedererringung der Kontrolle über das eigene Land.

Johnson will Grossbritannien «zum grossartigsten Land der Erde» machen, hat er in seiner Antrittsrede gesagt. Was, wenn ihm dabei zum Schluss, geplant oder ungeplant, ein Kleinbritannien übrig bleibt?

Nationalismus sprengt die Nation

England sei längst ein Nationalstaat mit eigenem Territorium, eigener Sprache, eigenen Gesetzen und einer funktionierenden Regierung gewesen, bevor die Nachbarn unterworfen, integriert und teils erst nach Jahrhunderten wieder in eine Teilfreiheit entlassen wurden, rechnet Fintan O’Toole vor. Erst mit dem Empire sei ein neues Identitätskonstrukt erwachsen: Britishness als einigendes Herrschaftsinstrument.

Nur: Das britische Empire ist Geschichte. Und was übrig bleibt, ist das drohende Ende der Union. Und: die Rückkehr der Englishness, des englischen Nationalismus – getarnt als Freiheitskampf Albions gegen die tyrannische EU.

Der Brexit, da stimmt auch Deirdre Heenan zu, sei in letzter Konsequenz ein Ergebnis des lange verdrängten englischen Nationalstolzes, der wieder sein Haupt erhebe. «Ist es nicht Ironie des Schicksals», fragt sie, dass ebendieser englische Nationalismus, der sich in der Sehnsucht nach alter Grösse und wiederkehrender imperialer Macht suhle – und nicht etwa die IRA oder die schottische Nationalpartei –, nun dabei sei, die politische Union im Vereinigten Königreich zu sprengen?

Erstellt: 21.08.2019, 17:47 Uhr

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