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«Wir werden dich vermissen»

Zehntausende haben Papst Benedikt XVI. auf dem Petersplatz zugejubelt. Dieser sprach zum vorletzten Mal den Sonntagssegen. Inzwischen sind die ersten Kardinäle aus dem Ausland im Vatikan eingetroffen.

Hören Papst Benedikt XVI. zu: Gläubige auf dem Petersplatz. (17. Februar 2013)
Hören Papst Benedikt XVI. zu: Gläubige auf dem Petersplatz. (17. Februar 2013)
Alessandro Bianchi, Reuters

Wenige Tage nach seiner Rücktrittsankündigung hat Papst Benedikt XVI. vor einer aussergewöhnlich grossen Menschenmenge den Sonntagssegen erteilt. Von einem Fenster aus sprach Benedikt auf dem Petersplatz zum vorletzten Mal vor seinem Rückzug den Segen. Zehntausende Gläubige jubelten dem Kirchenoberhaupt zu; auf Bannern war zu lesen: «Wir lieben dich» und «Wir werden dich vermissen».

Unter dem grossem Jubel trat der 85-Jährige an das Fenster seines Arbeitszimmers und winkte in die Menge. «In den entscheidenden Momenten im Leben, im Grunde genommen sogar in jedem Moment, stehen wir am Scheideweg: Wollen wir dem Ich folgen oder Gott?», sagte Benedikt in einer kurzen Ansprache, «den individuellen Interessen oder dem wirklich Guten?» Er forderte die Gläubigen zur Erneuerung und zur entschiedenen Hinwendung zu Gott auf. Benedikt dankte den Menschen für ihre Unterstützung in diesen «besonderen Tagen für mich und für die Kirche».

Kostenlose Busse

Zehntausende kamen zu seinem vorletzten Angelus-Gebet auf den Petersplatz; laut Vatikan waren es rund 50'000, Bürgermeister Gianni Alemanno sprach sogar von mehr als 100'000. Rund 1000 Sicherheitskräfte und etwa 200 Freiwillige sicherten den Platz ab. Die Strassen rund um den Petersplatz wurden für den Verkehr gesperrt, zusätzliche öffentliche Verkehrsmittel waren im Einsatz. Normalerweise kommen jeden Sonntag einige tausend Gläubige zum traditionellen Angelus-Gebet mit dem Papst.

Die Stadt Rom hatte bis zu 150'000 Menschen auf dem Petersplatz erwartet, um den Papst bei einem seiner letzten öffentlichen Auftritte zu sehen. Die Stadtverwaltung stellte zusätzliche Busse und U-Bahnen bereit und bot älteren Menschen einen kostenlosen Transport mit Pendelbussen an. «Wir wollen ihm alles Gute wünschen», sagte Amy Champion, eine Touristin aus Wales. «Es erfordert viel Courage, diesen Job zu machen und noch viel mehr Courage, ... ihn aufzugeben», sagte sie anerkennend.

«Spirituellen Kampf gefordert»

«Danke, dass ihr so zahlreich erschienen seid», sagte Benedikt nach dem Gebet. «Auch das ist ein Zeichen der Zuneigung und der geistigen Nähe, die ihr mir in diesen Tagen zeigt.»

Die katholische Kirche und ihre Mitglieder rief er zur Erneuerung auf. Kirche und Gläubige sollten «sich neu Gott zuwenden, um Hochmut und Egoismus zu begegnen», sagte Benedikt. Dies bedeute einen «spirituellen Kampf, weil der Geist des Bösen versucht, uns vom Weg zu Gott abzubringen», sagte Benedikt.

Eine Woche Meditation

Nun wird sich Benedikt für eine Woche zur Meditation aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Der Papst hatte am vergangenen Montag seinen Rückzug vom Heiligen Stuhl zum 28. Februar erklärt. Danach erklärte der Vatikan, das Konklave zur Wahl des neuen Papstes werde 15 bis 20 Tage später zusammentreten. Am Samstag sagte Vatikansprecher Federico Lombardi, das Konklave werde möglicherweise schon früher einberufen. Die Verfassung des Vatikans werde derzeit darauf geprüft, ob dies möglich sei, sagte er.

Unterdessen trafen die ersten Kardinäle aus dem Ausland in Rom ein, um sich auf die Wahl des neuen Kirchenoberhaupts vorzubereiten. Erzbischof Robert Sarah aus Guinea sagte bei seiner Ankunft am Flughafen, der neue Papst solle mit «Gelassenheit und Vertrauen» gewählt werden.

Konklave zur Papstwahl bald beginnen

Nach dem angekündigten Rücktritt von Papst Benedikt XVI. könnte das Konklave zur Wahl eines neuen Kirchenoberhaupts bereits vor dem 15. März zusammenkommen. Verschiedene Kardinäle hätten ein vorgezogenes Datum ins Spiel gebracht, sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi.

Die Regeln für die Zusammenkunft des Konklaves seien für den Fall konzipiert, dass ein Papst stirbt, sagte Lombardi. Mit dem Rücktritt Benedikts XVI. stelle sich die Situation aber anders dar, und es sei möglich, die geltenden Regeln anders «zu interpretieren». Entscheidend sei, dass alle Kardinäle versammelt seien, mit der Rücktrittsankündigung hätten sie dazu nun mehr Zeit.

Gemäss den Regeln, die Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. im Jahr 1996 festgelegt hatte, müsste das Konklave aus 117 Kardinälen zwischen dem 15. und dem 20. März beginnen. In den Vorgaben heisst es, ab dem Tag, an dem das Papstamt vakant sei, müssten die im Vatikan versammelten Kardinäle «volle 15 Tage» auf die abwesenden Kardinäle warten.

Benedikt XVI. will am 28. Februar zurücktreten. Der Vatikan erklärte bislang, das Konklave werde vermutlich ab dem 15. März zusammentreten.

Diskussion über Nachfolger

Zu diskutieren gab am Wochenende erneut die Benedikts Nachfolge. Der italienische Kardinal Velasio De Paolis sagte der Tageszeitung «La Stampa» vom Samstag, die Kardinäle sollten europäische Kandidaten bei der Wahl des neuen Papsts nicht ausschliessen, auch wenn die meisten katholischen Gläubigen in Asien, Afrika und Lateinamerika lebten. Das Konklave werde «auf Basis der Person abstimmen, nicht woher sie kommen».

Der Bischof von Speyer, Karl-Heinz Wiesemann, sprach sich für einen Papst von ausserhalb Europas aus. «Es wäre für die Weltkirche sicherlich kein Schaden, wenn der neue Papst aus einer Weltregion käme, in der das kirchliche Leben wächst», sagte er der «Bild am Sonntag». Der Trierer Bischof Stephan Ackermann sagte, die Kirche werde «immer internationaler, und der Papst sollte das auch sein.»

Die Amtsführung Benedikts war in einigen Gegenden als zu «eurozentrisch» kritisiert worden. Vatikan-Beobachter fordern zudem, dass nun anderen Kontinenten grösseres Gewicht gegeben werden müsse. Von den 117 Kardinälen des Konklaves stammt mehr als die Hälfte aus Europa.

Küng befürchtet «Schattenpapst»

Der Schweizer Theologe und Kirchenkritiker Hans Küng befürchtet nach dem Rücktritt des Papsts einen Machtkampf im Vatikan. «Es droht mit Benedikt XVI. ein Schattenpapst, der zwar abgedankt hat, aber indirekt weiter Einfluss nehmen kann», sagte Küng dem Magazin «Spiegel». Als Nachfolger wünschte sich Küng «einen Papst, der geistig nicht im Mittelalter lebt».

(sda/AP)

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