«Wir werden uns noch wundern»

Präsident Erdogan liess sich von einer Million Menschen feiern. Eine eindrückliche und auch beängstigende Show. Wie ist das zu deuten? Dazu Türkei-Experte Bernd Liedtke.

Die grosse Polit-Show: Präsident Erdogan zelebrierte sich und seine Politik vor rund einer Million Menschen. (Video: Stefanie Hasler; 7. August 2016)

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Was halten Sie von der gestrigen Show von Erdogan?
Massendemonstrationen sind in der Türkei nichts Neues. Sie werden von allen Parteien inszeniert. Deswegen hat mich diese Veranstaltung nicht überrascht. Für uns in Westeuropa mag sie befremdlich wirken, aber sie ist typisch für die Kultur des Landes und passt zur Tradition der türkischen Republik.

Die Bilder erinnerten an Veranstaltungen von totalitären Regimes. Wie sehen Sie das?
Das sehe ich nicht so. Beispielsweise kursiert der Vergleich mit den Aufmärschen während der Hitler-Zeit. Diesen halte ich für falsch. Das war so einmalig schrecklich, dass man es mit gar nichts gleichsetzen kann. Aber die Türkei ist von Grund auf eine autoritäre Gesellschaft, in der das Motto «Vater Staat» gilt. Die Türken mögen starke Anführer, egal wie sie heissen. Das, was Erdogan im Moment macht, passt zur türkischen Tradition.

Wie schafft er es, die Massen zu begeistern?
Erdogan ist charismatisch und gibt sich als stolzer und grosser Führer – genau das, was das Volk sehen will. Es verlangt nach einem starken Präsidenten, der den Europäern die Stirn bietet. Denn es definiert sein Selbstbewusstsein über den Nationalismus. Zudem spielt der sogenannte Volksislam eine wichtige Rolle. Die Mehrheit des Volkes ist sunnitisch-islamisch ausgerichtet und hat in Erdogan jemanden, der den Islam wieder in die Öffentlichkeit rückt und ihm auch die notwendige Geltung verschafft. Daher hat er eine so breite Unterstützung.

Welche Interessen stecken hinter Erdogans Auftreten?
Die Türkei geht in Richtung eines islamischen Staates. Erdogan verabschiedet sich von den Grundfesten der Atatürk-Republik und wird den laizistischen Staat sukzessive aufgeben. Er hat jetzt alle Machtmittel in der Hand. Er unterstellt das Militär komplett seiner Befehlsgewalt, baut den Geheimdienst um, und er wird das Bildungswesen vollständig verändern, indem er neue Lehrer mit islamisch-konservativem Gedankengut einstellt.

Wozu braucht er denn solche Veranstaltungen überhaupt noch?
Als Machtlegitimation braucht er sie nicht. Aber Erdogan betreibt einen sehr starken Personenkult. Er hat narzisstische Züge, will im Mittelpunkt stehen. Die türkische Regierung und Ministerpräsident Yildirim sind mittlerweile Marionetten des Staatspräsidenten, handeln nicht mehr eigenständig. Erdogan kann es sich sogar leisten, die seit 1982 gültige Verfassung der Türkei permanent zu brechen.

Entwickelt sich die Türkei zu einem Ein-Mann-Regime?
Eindeutig. Sie ist jetzt schon ein Ein-Mann-Regime, ein Ein-Mann-Staat und eine Ein-Mann-Gesellschaft. Es handelt sich um einen andauernden Prozess, und wir werden uns noch wundern. Erdogan selbst hat gesagt: «Im Moment haben wir erst ein Komma gesetzt, der Punkt kommt noch.» Das bedeutet: Der Durchgriff geht noch weiter

Wie muss man den vermeintlichen Zusammenschluss von Regierung und Opposition an der Massenveranstaltung deuten?
Der Auftritt der oppositionellen Parteien hat noch einmal klargemacht, dass sie keine Rolle mehr spielen. Eine parlamentarische Opposition existiert de facto nicht mehr. Die wenigen Kritiker Erdogans trauen sich mittlerweile nicht mehr, etwas zu sagen. Sie haben Angst vor der zunehmenden staatlichen Überwachung und auch vor Übergriffen von Erdogan-Anhängern. Der Staatspräsident hat eine Mobilisierung und Polarisierung in der Türkei ausgelöst, die es in den letzten Jahrzehnten nicht gegeben hat. Als Erdogan 2002 an die Macht kam, beschuldigten ihn die Kemalisten als Täuscher. Er komme im Gewand des Reformers daher, in Wirklichkeit aber wolle er den Staat islamisch umbauen. Leider hatten sie recht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2016, 13:12 Uhr

Bernd Liedtke gilt als ausgewiesener Türkei-Experte. Der ehemalige Polizeidirektor hat über Entwicklung, Wandlung und Perspektiven innerer Sicherheit in der Türkei promoviert und war unter anderem Lehrbeauftragter an der Fachhochschule in Köln. Laut dem deutschen Bundesamt für Migration sind seine Fachgebiete Demokratisierung, Rechtsstaatlichkeit und Europäisierung mit Schwerpunkt Türkei.

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