Wird Angela Merkel mit dem Nobelpreis gestraft?

Die Kanzlerin könnte mitten in der Flüchtlingskrise den Friedensnobelpreis erhalten. Politisch könnte es eine schwere Bürde sein.

Angela Merkel begegnet den Spekulationen äusserlich ungerührt, auch wenn sie innerlich hoffen mag, die Ehre möge an ihr vorbeigehen. Foto: Keystone

Angela Merkel begegnet den Spekulationen äusserlich ungerührt, auch wenn sie innerlich hoffen mag, die Ehre möge an ihr vorbeigehen. Foto: Keystone

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Der Norweger Kristian Berg Harpviken leitet das Osloer Friedensforschungsinstitut Prio und wagt jedes Jahr eine Prognose, wer den Friedensnobelpreis erhält – bislang hat er sich jedes Jahr geirrt. Diesmal erhalte ihn Angela Merkel, ist er sich ganz sicher. Mit der Einreiseerlaubnis für Zehntausende vor allem syrische Flüchtlinge aus Ungarn habe sie «moralische Führungsstärke» gezeigt und mit ihrem «Wir schaffen das» der Europa­debatte einen neuen Dreh gegeben.

Berg Harpviken ist der einzige Experte, der sich auf Merkel festlegt. Aber dass die Flüchtlingskrise die Wahl bestimmen könnte, das sehen auch andere so. Historiker, die die norwegische Website «Nobeliana» betreiben, nennen etwa das UNO-Flüchtlingshilfswerk als möglichen Gewinner. Allerdings wurde es bereits 1954 und 1981 prämiert. Nutzniesser könnte ein katholischer Priester aus Eritrea sein, Mussie Zerai. Der Geistliche, der eine Zeit lang in der Schweiz lebte, hat über sein Handy Hunderte Bootsflüchtlinge in Not gerettet. Daneben nennt «Nobeliana» viele andere mögliche Preisträger: Papst Franziskus oder den kongolesischen Arzt Denis Mukwege, der vergewaltigte Frauen behandelt. Merkel kommt auf der «Nobeliana»-Shortlist nicht einmal vor.

Beifall findet die Aussicht auf eine mögliche Kür Merkels wenig überraschend vor allem in Deutschland, und da vor allem in ihrer CDU. Heiner Geissler, früherer Generalsekretär der Partei, findet: «Merkel hätte den Friedens­nobelpreis verdient. Nächstenliebe ist keine Gefühlsduselei und kein Gutmenschentum, sondern eine Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind.» Die mächtigste Politikerin Europas wurde beim Nobelkomitee von Mitgliedern ihrer eigenen Partei nominiert – interessanterweise schon Anfang 2015, für ihren Beitrag zur Befriedung der Ukraine. Seither ist da freilich nicht wirklich Frieden eingekehrt, und die Flüchtlingskrise hat die Entwicklung in der Ukraine mittlerweile völlig in den Hintergrund gedrängt.

Bei den Wetten liegt sie vorn

Unabhängige deutsche Beobachter beurteilen eine mögliche Wahl Merkels skeptisch und geben vor allem zu bedenken, dass es heikel sei, mitten in einer Krise jemanden mit dem höchsten Friedenspreis auszuzeichnen, bevor überhaupt klar sei, wie die Krise ausgehe. Sie nennen als abschreckende Beispiele die Prämierung von US-Präsident Barack Obama 2009, als dieser gerade mal achteinhalb Monate im Amt war, oder der Europäischen Union 2012, inmitten der schwelenden Eurokrise.

Selbst ein Parteimann von Merkel, Aussenpolitiker Roderich Kiesewetter, warnt. Zwar würde eine Wahl die Kanzlerin zweifellos ehren, und er hielte die Ehrung auch für verdient, sagte er dem «Handelsblatt»: «Allerdings sollte solch ein Preis eher das Lebenswerk eines Menschen würdigen. Wenn politisch-operativ motivierte Entscheidungen ­getroffen werden, wie seinerzeit bei Obama, wird jegliche weitere Entscheidung und jeder weitere Lebensschritt ­eines Preisträgers an so einem Preis gemessen.» Die Erwartung, die sich daraus ergebe, könne niemand erfüllen, schon gar nicht ein Politiker, der sich notwendigerweise an Sachzwängen abarbeite.

Sicher scheint Kommentatoren, dass der Preis politisch eine grosse Bürde wäre. Er würde Merkel an ihre Entscheidung, die Grenzen zu öffnen, moralisch binden und alle Zugeständnisse an die wachsende Skepsis und Kritik in Deutschland als Verrat am Nobelpreis erscheinen lassen.

Merkel selbst begegnet den Spekulationen äusserlich ungerührt, auch wenn sie innerlich hoffen mag, die Ehre möge an ihr vorbeigehen: «Ich sage dazu, dass die Presse den Friedensnobelpreis nicht vergibt und ich mich auf die politische Arbeit konzentriere. Und da haben wir alle Hände voll zu tun.» Der britische Wettanbieter Ladbrokes sah die Kanzlerin gestern mit 2:1 an der Spitze des Kandidatenfelds. Vielleicht glückt Berg Harp­viken sein erster Treffer.

Erstellt: 07.10.2015, 20:49 Uhr

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