Wo der Westen endet

Ganz im Osten Estlands wird Russisch gesprochen. Die Region ist in der Krise. Europa gegen Putin eintauschen will trotzdem niemand.

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Sie ist 17 Jahre alt. Krieg kennt sie nicht, vor etwas geflohen ist sie auch nicht. Sie hat nie anderswo als in Estland gelebt. Und doch ist Nonna Andriasowa staatenlos, wie ihre Mutter, wie viele ihrer Freunde – auch sie sind alle keine Migranten, wohnten schon immer hier in der Stadt Kohtla-Järve. Nichtbürger werden sie in Estland genannt.

Über 80'000 Einwohner der Ex-Sowjetrepublik haben 25 Jahre nach der Unabhängigkeit keinerlei Staatsbürgerschaft. Die Zahl nimmt ab, jedoch nur langsam. Von Russland und europäischen Institutionen wird das kritisiert. Auch Nonna sagt: «Jeder, der hier geboren ist, sollte den Pass einfach erhalten.»

An diesem Sonntag sitzt sie zusammen mit einem Dutzend anderer Nichtbürger unterschiedlichen Alters in einem Staatskundekurs. Denn wer einen Pass will, muss auf Estnisch eine Prüfung zur Verfassung bestehen – und einen Sprachtest. Beides ist bis heute für viele eine Hürde. Die ältere Generation hat Estnisch zu Sowjetzeiten nicht gelernt, die jüngere ausserhalb der Schule kaum Möglichkeiten, es anzuwenden.

Leere Häuser, leere Schulen

Die Bergbaustadt Kohtla-Järve liegt in der Region Ida-Viru ganz im Osten Estlands, unweit der russischen Grenze. In Ida-Viru wurde im Sozialismus der Grossteil der estnischen Industrie angesiedelt und mit ihr Tausende russischsprachige Arbeiter. Sie sind bis heute klar in der Mehrheit. Damals erhielten sie mit die höchsten Löhne der Sowjetunion, im modernen Estland gibt es für diese Form von Arbeit kaum noch Bedarf.

Die Ähnlichkeit zum Donbass – der Bürgerkriegsregion in der Ostukraine – fällt auf. Auch Kohtla-Järve hat seit der Unabhängigkeit fast nur Niedergang erlebt. Es hat heute noch knapp die Hälfte der einst über 60'000 Einwohner. Vor kurzem hat einer der letzten grossen Arbeitgeber, eine Düngemittelfabrik, aufgegeben. Noch einmal 500 Jobs fielen weg. Ersatz ist nicht in Sicht.

Karte von Estland. TA-Grafik kmh

Dafür stehen ganze Wohnblocks und Schulen leer. Während die Hauptstadt Tallinn nach 12 Jahren EU mit ihren Bürotürmen, Shoppingcentern und einer sanierten Altstadt fast nicht mehr von anderen westlichen Grossstädten zu unterscheiden ist, scheint für Ida-Viru vom Glanz der neuen Zeit nur hie und da etwas abgefallen zu sein. Hier werden Fabriken nicht wie in der Hauptstadt in schicke Wohn- und Geschäftsviertel umgewandelt. Hier rotten sie vor sich hin.

Auf die Regierung in Tallinn ist Andrus Tamm schlecht zu sprechen. Der Geschäftsmann aus Narwa, dem grössten Ort von Ida-Viru, sitzt im regionalen Vorstand der Zentristen, der wichtigsten Oppositionspartei des Landes. Sie wird vor allem von russischsprachigen Esten gewählt. Ida-Viru ist ihr Stammland. Die politischen Ereignisse der letzten zwei Jahre haben hier die leise Hoffnung auf einen Aufschwung zunichtegemacht. «Unserer Region ging es immer dann gut, wenn die Beziehungen zu Russland gut waren», sagt Tamm.

Seit dem Beginn der Ukrainekrise sind die Beziehungen sehr schlecht. Die Regierung des Nato-Mitglieds Estland trägt die westlichen Sanktionen gegen Russland mit. Ida-Viru, das wirtschaftlich stark mit dem Nachbarn und vor ­allem mit der nahen Metropole St. Petersburg verflochten ist, treffen die russischen Gegensanktionen hart.

Der Graben zwischen den Sprachgruppen ist grösser geworden.

Der Politologe Raivo Vetik, Professor an der Universität Tallinn, untersucht mittels Umfragen die Befindlichkeit der estnischen Bevölkerung. Er hat fest­gestellt, dass der Graben zwischen den Sprachgruppen wieder grösser geworden ist. Es handle sich um zwei Parallelgesellschaften, zwischen denen kaum Austausch stattfinde. Auch politisch seien die Differenzen enorm. So würden drei Viertel der Estnischsprachigen, aber nur zehn Prozent der Russischsprachigen in Russland eine Gefahr sehen.

Die Angst vor einer Rückkehr der Besatzer ist bei der estnischsprachigen Mehrheit wieder da, und mit ihr das Misstrauen gegenüber der russischsprachigen Minderheit. Viele Bewohner von Ida-Viru getrauten sich deshalb nicht, die estnische Regierung zu kritisieren. «Sie befürchten, dass Kritik mit dem Verrat Estlands gleichgesetzt wird», sagt Politiker Tamm, ein Estnischmuttersprachler, der vor vielen Jahren in die Region gezogen ist.

Normalerweise verläuft die Migration in umgekehrter Richtung. Ida-Viru hat bis heute mit einer starken Abwanderung zu kämpfen, noch mehr als andere Randgebiete Estlands. Insgesamt hat sich in Estland die Bevölkerungs­entwicklung zuletzt fast stabilisiert. Die Hauptstadt wächst. Kulturell sind die meisten Bewohner von Ida-Viru stark mit Russland verbunden. Trotzdem findet die Abwanderung vor allem in eine Richtung statt: nach Westen. Nach Tallinn und ins EU-Ausland. Auch Nonna aus dem Staatskundekurs will dorthin.

«Wer will nach dem Studium bleiben?»

Besuch einer Klasse am College von Narwa. Es ist in einem mit EU-Geld ­sanierten Gebäude untergebracht und einer der wenigen optischen Lichtblicke in einer ansonsten sehr grauen Stadt. Und der Stolz der ganzen Region, die in den letzten 25 Jahren bei der Vergabe von öffentlichen Geldern offensichtlich zu kurz gekommen ist. «Wer will nach dem Studium bleiben?» Die russischsprachigen Studenten, die fast alle von hier stammen, sehen ihre Zukunft nicht in Ida-Viru. «Und wie hält ihr es mit Russland?» Die EU, Europa sei wichtiger. Sie seien «offener und toleranter» als die Russen – «europäischer».

Eine «Sackgasse» sei Ida-Viru, sagt später Kristina Kallas, die Rektorin des College, «von russischer wie europäischer Seite». Die Region gehöre nirgends richtig dazu. Wer die Möglichkeit habe, ziehe weg. Zurück bleibe eine enttäuschte, aber auch sehr passive und politisch desinteressierte Bevölkerung.

Wut ist in den Gesprächen mit Bewohnern von Ida-Viru tatsächlich selten zu spüren. Eine Abspaltung von Estland, der Anschluss an Russland, ist kein Thema. Auch wenn seit der russischen Annexion der Krim und dem Ausbruch des Kriegs in der Ostukraine in diversen Medienberichten die These aufgeworfen wurde, dass Narwa, nur durch einen kleinen Fluss von Russland getrennt, der nächste Krisenherd sein könnte. Schliesslich gab es 1993 ein Referendum, in dem sich eine Mehrheit für Auto­nomie ausgesprochen hatte. Estland ­anerkannte es nicht an, Russland hatte damals andere Sorgen. Heute sei das ­Referendum praktisch vergessen, sagt Rektorin Kallas. Es gebe keine ernsthafte Bewegung für eine Abkehr von Estland.

Das Leben ist einfacher als in Russland, das Sozial­paket besser, der Anschluss an Europa geschafft.

Wahrscheinlich sind die Russischsprachigen für so ein Experiment einfach zu pragmatisch. Sie haben sich in Estland längst eingerichtet. Das Leben ist trotz der wirtschaftlichen Probleme einfacher als in Russland, das Sozial­paket besser, der Anschluss an Europa geschafft. Das ist es, was Ida-Viru trotz vieler Ähnlichkeiten von den Krisen­gebieten in der Ukraine unterscheidet.

Viel Pragmatismus zeigt sich auch in den Gesprächen mit den Teilnehmern des Kurses in Kohtla-Järve. Die meisten hätten sich schon vor Jahren um die Staatsbürgerschaft bemühen können. Sie sahen keinen Grund dafür. Im Alltag habe man mit dem Grauen Pass, dem Ausweis der Nichtbürger, keine Nachteile. Beim Reisen sogar Vorteile: Wie die Esten haben die Nichtbürger visafreien Zugang zum Schengen-Raum, für Russland gilt das nur für Letztere.

Politologe Vetik stört diese Entwicklung. Die politische Elite Estlands habe es zugelassen, dass für einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung die Staats­bürgerschaft zu einer rein praktischen Sache geworden ist. Auch für den Kurs hat sich niemand aus patriotischen ­Gefühlen entschieden. Es geht um Handfestes: Eine ältere Dame will zu ihren ­erwachsenen Kindern nach Grossbritannien ziehen. Die 17-jährige Nonna hofft auf einen Studienplatz im Ausland. Dazu reicht der Graue Pass nicht aus.

Erstellt: 19.04.2016, 20:26 Uhr

Leben ohne Pass

Estlands Nichtbürger

Von den 1,3 Millionen Einwohnern Estlands sind rund 30 Prozent russischsprachig. Sie leben vor allem in der Hauptstadt und im östlichen Grenzgebiet. Estland schuf 1991 ein strenges Bürgerrechtsgesetz: Nur Einwohner, die vor 1940 in Estland geboren waren, sowie deren Nachkommen erhielten automatisch die Staatsbürgerschaft. Mehrere Hundert­tausend Russischsprachige wurden so staatenlos. Heute gibt es noch über 80'000 sogenannte Nichtbürger. Obwohl für Rentner und unter 15-Jährige der Weg zum Pass inzwischen einfacher ist.

Kinder spielen in Narwa Fussball: Hinter des estnischen Stadt endet die EU – und beginnt Russland. Foto: Frank Rothe (Alamy)

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