Wo in Europa Flüchtlinge am meisten Geld bekommen

Dänemark ist grosszügig, in Griechenland gibts nichts: Die Übersicht zur Flüchtlingshilfe – inklusive Schweiz.

Die Unterschiede bei den finanziellen Leistungen für Asylbewerber sind gross: Sie reichen von 0 bis 800 Euro im Monat. Grafik: Die Welt/EU-Kommission, Frontex


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In der Flüchtlingskrise ist Europa bisher noch zerstrittener als während des Griechenlanddramas. Besonders deutlich wird das nicht nur beim Umgang mit Flüchtlingen an den Grenzen, sondern auch bei den finanziellen Leistungen für Asylbewerber. Denn mit der Aufnahme in Notunterkünften und der Verteilung von Nahrungsmitteln allein ist es nicht getan. Stattdessen haben die Flüchtlinge in den meisten europäischen Ländern Anspruch auf eine Art Taschengeld, über das sie mal mehr, mal weniger frei verfügen können.

Die Unterschiede bei den finanziellen Leistungen für Asylbewerber sind erheblich, wie ein Europavergleich der deutschen Zeitung «Die Welt» zeigt:

  • In Griechenland können Flüchtlinge auf keine finanzielle Unterstützung hoffen. Das Land leistet sich noch nicht einmal Sozialhilfe für seine ärmsten Bürger.
  • Auch die osteuropäischen Länder wie die Slowakei, Slowenien, Polen oder Bulgarien bieten über die reine Notversorgung hinaus relativ wenig zusätzliche Finanzhilfe für die Asylsuchenden. Diese liegt zwischen 12 und 33 Euro im Monat.
  • Unter den westlichen Staaten ist ausgerechnet das wohlhabendste Land der Eurozone, Luxemburg, besonders knauserig. Dort gibt es den Daten zufolge gerade einmal 25 Euro Taschengeld im Monat bei voller Unterbringung und Verpflegung. Unbetreut kann der Betrag auf 225 Euro steigen.
  • Deutlich besser sieht es in Deutschland und Frankreich aus, wo es mit 350 beziehungsweise 330 Euro Sätze knapp unter dem jeweiligen Existenzminimum gibt. Das reine Taschengeld beträgt in Deutschland 140 Euro im Monat, diese Barleistungen können aber je nach Unterkunft und Verpflegung auch höher ausfallen.
  • Am grosszügigsten ist den Daten von Frontex zufolge Dänemark. Hier gab es, als die Liste erstellt wurde, rund 1400 Euro pro Flüchtling, die allerdings noch versteuert werden mussten. Seit dem 1. September hat das Land die Summe allerdings drastisch reduziert. Nun gibt es noch 800 Euro, die aber ebenfalls versteuert werden müssen. Zudem werden von diesem Betrag die Kosten für die Unterbringung abgezogen.

Genau solche Einschränkungen und Sonderregelungen machen es schwer, einen einheitlichen Überblick zu schaffen. So wird häufig auch unterschieden, ob die Flüchtlinge in einem Wohnheim oder privat untergebracht sind, ob sie mehrfach am Tag verpflegt werden oder sich selbst versorgen müssen, ob sie schulpflichtige Kinder haben oder allein reisen.

  • Deutlich macht das unter anderem das Beispiel Belgien, wo es im Falle einer Unterbringung und Versorgung in einem Flüchtlingsheim ein Taschengeld von 29 Euro gibt, bei einer anderweitigen Unterbringung und Selbstversorgung hingegen etwa 280 Euro.
  • Auch in Zypern liegt die Spanne zwischen 80 bis 450 Euro. Um die Unterschiede möglichst gering zu halten, konzentriert sich die «Welt»-Übersicht auf einen alleinstehenden Erwachsenen von über 25 Jahren.
  • In der Schweiz sind die finanziellen Leistungen für Asylsuchende kantonal geregelt (zur Übersicht). Im Kanton Aargau etwa erhalten erwachsene Asylsuchende in Gemeinschaftsunterkünften pro Tag 9 Franken plus 1 Franken Taschengeld in bar, womit sie Essen, Trinken und Hygieneartikel bezahlen müssen. Im Kanton Schaffhausen stehen im Durchgangszentrum lebenden Asylsuchenden gemäss der Übersicht pro Tag lediglich 3 Franken Taschengeld zu, da für Essen, Schlafmöglichkeit und Gesundheit gesorgt wird. Gemäss Staatssekretariat für Migration (SEM) belaufen sich die Sozialhilfeleistungen für Asylsuchende insgesamt auf ungefähr 1200 Franken pro Person und Monat – darin inbegriffen Unterkunft, Verpflegung, Toiletten- und Haushaltartikel, Kleidung, Taschengeld, Gesundheitsversorgung und Betreuung. Wenn möglich, wird die Unterstützung in Sachleistungen ausgerichtet. Laut SEM sind die an Asylsuchende ausgerichteten Sozialhilfeleistungen im Vergleich zu denjenigen an Schweizer Sozialhilfeempfänger um etwa 20 Prozent niedriger.

Mit der Tabelle hausieren gehen

Eine einheitliche Übersicht gibt es im sonst so statistikwütigen Europa nicht, weshalb ein trennscharfer Vergleich kaum möglich ist. Das Thema ist ein Politikum, die Daten sind in vielen Ländern Verschlusssache – offenbar nicht unbegründet: Mehrfach wurden bereits Menschenhändler aufgegriffen, die zuvor offenbar mit einer handlichen Tabelle hausieren gegangen waren, auf der die vermeintlich grosszügigsten Aufnahmeländer Europas fein säuberlich aufgelistet waren. Neben Deutschland und den Niederlanden fanden sich darauf die skandinavischen Nationen Dänemark, Schweden und Norwegen. Die Liste sorgte insbesondere im Königreich Dänemark für Aufruhr, nachdem die Integrationsministerin das Papier ins Internet gestellt hatte.

Brisant war nicht nur der Inhalt, sondern auch die Herkunft der Leistungsübersicht. Diese war ursprünglich von der Europäischen Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Aussengrenzen der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, kurz Frontex, erstellt worden. Das als vertraulich eingestufte Papier sollte originär dazu dienen, die Risikoanalyse der Frontex in Bezug auf die Flüchtlingsströme zu erleichtern. Auch die «Welt»-Übersicht für die EU-Länder greift darauf zurück sowie auf eine Umfrage des Europäischen Integrationsnetzwerks, das im Auftrag der britischen Regierung bereits 2013 das Leistungsgefüge innerhalb Europas erheben wollte, um herauszufinden, wo Grossbritannien dabei steht. Damals war die heutige Flüchtlingskrise noch überhaupt nicht absehbar, doch schon zu diesem Zeitpunkt gaben sich mehrere Länder zugeknöpft oder wollten wie Österreich ihre Antworten nicht publiziert wissen.

Erstellt: 21.09.2015, 12:37 Uhr

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