Youtuber prügeln sich für Klicks – ganz analog

In Frankfurt und in Berlin haben verfeindete Internetstars ihren digitalen Streit in reale Gewalt überführt. Die Fans legten eine Strasse und einen Platz lahm, bis die Polizei sie stoppte.

Über 100 Polizisten waren in Berlin im Einsatz, um die Massenschlägerei auf dem Alexanderplatz zu stoppen. Foto: Monika Wendel (DPA, Keystone)

Über 100 Polizisten waren in Berlin im Einsatz, um die Massenschlägerei auf dem Alexanderplatz zu stoppen. Foto: Monika Wendel (DPA, Keystone)

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Bummelnde Passanten dachten wohl erst an einen Flashmob, eine dieser zuweilen fantasie­vollen Choreografien grösserer Menschengruppen, die sich online verabreden, zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort gleichzeitig einen Fechter zu mimen oder in die Luft zu springen. Auf der Zeil, einer der beliebtesten Einkaufsstrassen in Frankfurt am Main, rannten am vergangenen Samstagabend nämlich auf einmal Hunderte junger Männer wild hin und her.

Weil sie dabei zunehmend rücksichtsloser vorgingen, trat die Polizei auf den Plan. Einen 21-Jährigen, den die Beamten als Veranstalter identifizierten, forderten sie dazu auf, dem wilden Treiben Einhalt zu gebieten und den Ort zu verlassen. Doch da eskalierte die Lage erst recht. Aus der Menge griff ein 17-Jähriger einen Polizisten an und schlug ihm ins Gesicht. Als dessen Kollegen den Angreifer überwältigten, begannen die Umstehenden mit Steinen nach den Ordnungshütern zu werfen. Erst ein grösseres Polizeiaufgebot wurde des Mobs schliesslich Herr.

Wie später bekannt wurde, bildete eine virtuelle Fehde zweier bekannter Frankfurter Youtuber den Hintergrund des realen Auflaufs: Kaan Yavi, dessen Filmchen auf Youtube 300'000 Jugendliche regelmässig sehen, und Mohamed Satiane, der sich Momo nennt und auf Facebook mehr als 1,3 Millionen Anhänger hat. Anhänger von Momo hatten kürzlich auf der Zeil Yavi angepöbelt und ein Ei auf seinem Kopf zerschlagen – der Vorfall wurde von beiden Youtubern gefilmt. Yavi rief daraufhin seine Anhänger dazu auf, am Samstagabend auf die Zeil zu kommen, um Momo zu konfrontieren. Etwa 600 junge Männer folgten.

Stundenlange Schlägerei

Nach dem Polizeiaufmarsch forderte Yavi seine Anhänger auf, nach Hause zu gehen: «Es ist ein bisschen eskaliert, ihr braucht nicht mehr zu kommen.» Momo und seine Anhänger waren ohnehin nicht erschienen. Der Rivale hatte stattdessen Yavis Heimatort besucht, unweit von ­Leverkusen. Beide Youtuber veröffentlichten ihre Erlebnisse sogleich auf ihren Kanälen.

Zwei Tage zuvor war es in Berlin noch eine Stufe gewalttätiger zugegangen. 400 Anhänger zweier verfeindeter Youtuber trafen sich auf dem Alexanderplatz unter dem Fernsehturm. Etwa 50 von ihnen gingen mit Schlägen, Fusstritten und Pfefferspray aufeinander los. Eine Gruppe blockierte eine Zeit lang sogar eine U-Bahn-Station und lieferte sich ein Gefecht mit Schottersteinen. Mehr als 100 Polizisten brauchten viereinhalb Stunden, um die Lage zu beruhigen. Es gab 9 Festnahmen, 13 Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet.

Auch in Berlin hatten You­tuber zur Konfrontation auf­gerufen: Der Stuttgarter Bekir (260'000 Abonnenten) hatte seine Fans aufgefordert, in Berlin gegen Bahar al-Amood (14'000 Abonnenten) seine Ehre zu verteidigen. Die beiden Internetstars hatten sich zuvor bereits seit Monaten auf ihren Kanälen als «Hurensöhne» beleidigt. Bahar al-Amood soll Mitglied einer berüchtigten arabischen Grossfamilie sein, zum Treffen auf dem Alexanderplatz begleiteten ihn offenbar viele polizeibekannte Clan-Jugendliche. Auch diese beiden Youtuber mimten im Nachhinein Zerknirschung, als sie sahen, welch analoge Strassenschlacht sie digital angezettelt hatten. In Frankfurt wie in Berlin prüft die Polizei nun, ob die Kosten der Polizeieinsätze den Youtubern in Rechnung ­gestellt werden können.

Dass Youtuber mit ihren pubertären Tollereien und dem aggressiven Ehre-Macho-Gesabber auch ausserhalb ihrer medialen Blasen für Unruhe sorgen, ist nicht neu. Aber zu ausgedehnter Gewalttätigkeit richtiger Menschen auf richtigen Strassen wie jetzt in Frankfurt und in Berlin haben sie in Deutschland bislang noch nicht geführt.

Es geht um Klicks

Kenner sagen, dass es auch bei diesen öffentlich ausgetragenen Streitigkeiten kaum um die «Ehre» gehe, sondern vor allem um Klicks und Aufmerksamkeit. Youtuber haben die Reaktionsmuster der Rap-Kultur verinnerlicht: Wer sich aggressiv mit anderen Stars anlegt, unterhält nicht nur sein Publikum, sondern vergrössert auch seine Bekanntheit. Solange Follower nur digitale Massen namenloser Fans sind, haben sie wenig reales Gewicht. Wird aus dem Spiel aber Ernst, mutieren die vom Star mobilisierten Anhänger auf der Strasse schnell zum realen Mob.

Die Polizeigewerkschaft hat vor solchen Aktionen gewarnt: «Wir sehen in der Rapperszene und zunehmend auch bei andere Influencern, dass sie teilweise sehr fahrlässig mit ihrem Einfluss umgehen und es scheinbar Mode wird, ganz bewusst Pulverfässer aufzumachen, um mehr Follower, Abonnenten und Klicks zu generieren», sagte der Berliner Vorsitzende Norbert Cioma. Es gebe Sinnvolleres, als seinen Bekanntheitsgrad dazu zu nutzen, jungen gewaltbereiten Menschen eine öffentliche Plattform zu bieten.

Erstellt: 25.03.2019, 21:07 Uhr

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