Wie der Strache-Skandal verpuffte

Ibiza-Video, Regierungskrise, Kanzlersturz – und die Partei im Zentrum des Sturms wird immer noch bejubelt. Wie kann das sein?

Kurz nach dem Ibiza-Video war die Aufregung gross. Aber die FPÖ und ihre Anhänger sagten sich: Jetzt erst recht – und schrieben die Geschichte um. Foto: Ronald Zak (AP, Keystone)

Kurz nach dem Ibiza-Video war die Aufregung gross. Aber die FPÖ und ihre Anhänger sagten sich: Jetzt erst recht – und schrieben die Geschichte um. Foto: Ronald Zak (AP, Keystone)

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Wer Würste mag, wird am Viktor-Adler-Markt aufs Allerbeste bedient. Hier gibt es die Metzgerei Gross, und wenn man in die Richtung weitergeht, in die alle gehen, strandet man vor der Fleischerei Schreiber und, gleich nebenan, beim ­Duran, der natürlich kein Imbiss ist, sondern ein Superimbiss. An diesem Freitag vor der Europawahl stehen Schnauzbärtige und gut Behütete und Dreivierteltätowierte und Bierflaschenträgerinnen und Jeansjackenträgerinnen vor den Ständen beisammen. Die Luftballonaufblasmaschine atmet kurz durch, pffff, dann ist der nächste Gummizipfel zum Ballon herangewachsen, so knallblau wie der Himmel über Wien-Favoriten.

Auf der Bühne heizt die John Otti Band denen ein, die schon da sind. Die Band spielt oft da, wo die FPÖ ihre Wahlkämpfer auftreten lässt, sie wärmt auf und glüht vor und schweisst z’samm, Sie spielt diesmal «Purple Rain». Sie spielt «Wir sind eine grosse Familie», und zwischendurch sprechen die Ottis immer wieder direkt mit dem Publikum. «Es wird wieder voll hier am Viktor-­Adler-Platz. Freunde halten zusammen. Ist das okay?» – «Jaa!» – «Egal, in was für einer Lage, wir halten zusammen. Ist das okay?» – «Jaaaa!»

Damit sind die Leute schon mal eingeschworen auf die Kernbotschaften. Freundschaft, Zusammenhalt; das Verbindende gegen das Bedrohende. Wir gegen die anderen. Auch schwitzige Wärme tut gut, wenns kalt ist. Der Wahlkampf wird zum Lebenskampf und Überlebenskampf der FPÖ aufgepumpt, und man braucht gar keine Luftballonaufblasmaschine dazu.

Das alles geschieht wenige Tage vor der Europawahl, und es geschieht wenige Tage nachdem das Ibiza-Video mit den vormaligen Ober-FPÖlern Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus aufgetaucht ist. Nach diesem Video geriet ja alles ins Rutschen, das ganze ­schöne Österreich. Jenes Video, in dem Strache mit oder im Beisein einer vermeintlichen steinreichen russischen Oligarchennichte über verschiedene Möglichkeiten des Lebens spricht. Über Zugriffe auf Teile der «Kronen-Zeitung» über Gegengeschäfte wie das Zuschanzen öffentlicher Aufträge, über versteckte Parteispenden. Der Nachrichtenkanal oe24.tv – wahrhaftig kein Feindsender von Strache – hat es in einem TV-Spot für eine Verlosung auf den Punkt gebracht, worum es am Ende ging: «Fliegen Sie vom 28. bis 30. Mai nach Ibiza, in die Villa, in der HC Strache und Johann Gudenus Österreich an die russischen Oligarchen verkaufen wollten.»

Österreich bebt und fiebert

Auch das ist Österreich, ein Land im Spätkapitalismus, da gerinnt der Politskandal des Jahrzehnts innerhalb weniger Tage zu einem Gewinnspiel. Und dass Red Bull dosenweise auf dem Tisch stand in dem berühmten Video, hat sich auch schon positiv in den Bilanzen bemerkbar gemacht, schreibt die «Kronen-Zeitung»: «Allein die Nennungen in den österreichischen Printmedien innerhalb der ersten Woche nach dem Platzen des Skandals ergab einen Werbewert von 1,32 Millionen Euro.»

Noch ist unklar, wer Strache in die Falle gelockt hat: Ausschnitte aus den Ibiza-Aufnahmen von 2017. Video: Süddeutsche Zeitung

Österreich bebt gerade, Österreich glüht, fiebert, trotzt, trauert. Es sind irre Zeiten. Ibiza-Video, Rücktritt des Vizekanzlers, Entlassung des Innenministers, Wahlkampf, Europawahl, Riesenerfolg für Kanzler Kurz’ ÖVP. Dann Misstrauensvotum gegen Kurz und seine Regierung, Sturz des Kanzlers. Erst rauf zum Wunderwuzzi und dann zum Kurzzeitkanzler runter.

Manchmal verdichtet sich Geschichte, schnurrt zusammen, quetscht sich in einen aberwitzig schmalen Zeitkorridor. Die Schweiz musste 2001 binnen Wochen mit einem Feuer im Gotthardtunnel, der Pleite der Swissair, einem Attentat im Parlament von Zug fertigwerden. So viel auf einmal? Zufall. Dass den Österreichern ausgerechnet jetzt auch noch ihr Niki Lauda stirbt, einer der schnellsten Österreicher aller Zeiten, ist natürlich ebenfalls Zufall, aber wer glaubt an Zufälle, manchmal ist alles eine Frage des Timings. Laudas Schicksal war immer eng verwoben mit dem Schicksal seiner Heimat. Am 1. August 1976 stürzte die Wiener Reichsbrücke ein, nur wenige Stunden später hatte Lauda seinen Feuerunfall auf dem Nürburgring.

Die FPÖ gibt dem Bild einfach einen neuen Rahmen: Aus den Tätern werden die Opfer.

Wie sich auch die FPÖ von den Folgen des Strache-Videos schneller erholt hat als erwartet, das merkt man auf dem Viktor-Adler-Markt. «Immer wieder Österreich», röhrt die Band. Vizekanzler Strache sitzt also im T-Shirt in einer neureich eingerichteten Villa auf Ibiza und raucht und trinkt Wodka/Red Bull, genannt Gummibärli, und denkt laut über dreckige Deals nach und darüber, wie man die Journalistenhuren endlich in den Griff kriegt, und das ist dann auch noch alles schön auf Video. Aber die Partei zerhaut es nach diesem Video nicht, und das ist schon mal eine Erkenntnis, die den Moment überdauern wird. Wie Strache binnen weniger Tage zum Märtyrer umdekoriert wird. Wie seine Parteifreunde kaum noch von dem reden, um das es ja wesentlich geht: Straches unfassbares Reden und Fantasieren in dem Video. Das ist den FPÖlern alles nicht mehr wichtig. Wichtig allein ist ihnen, wer das Video produziert hat und auf welchen Wegen es publik gemacht wurde und warum gerade jetzt. Sie reframen also das Bild, so sagen die Experten, und mit neuem Rahmen sieht ein Bild ganz anders aus. Im neuen Rahmen können Täter zu Opfern ­werden.

Auf dem Viktor-Adler-Markt spricht Dominik Nepp, Vizebürgermeister von Wien: «Ich sage euch auch eins: Diese kriminelle Energie für die Falle, das ist der eigentliche Skandal. Diese Abhörpartie, diese Auftraggeber – die werden dafür bezahlen!» Später sagt Herbert Kickl, der ehemalige Innenminister: «Wahlbeeinflussung aus dem Ausland, das ist das Allerletzte, was wir brauchen können, liebe Freunde!» Applaus. Gejohle. Immer wieder Österreich. Weiter Stärkung an den Imbissständen.

Zwei Tage später holt die FPÖ bei der Europawahl 17,2 Prozent, 2014 waren es 19,7 Prozent gewesen. Sie verlieren nur 2,5 Prozent, nach diesem Video. Es ist eigentlich unfassbar.

In Linz sitzt Walter Ötsch auf der Terrasse des Kaffeehauses Traxlmeyer, Ötsch ist Professor für Ökonomie und Kultgeschichte, Experte für Rechtspopulismus. Gemeinsam mit Nina Horaczek von der Wiener Stadtzeitung «Falter» hat er das Buch «Populismus für Anfänger» geschrieben, in dem alles Wesentliche schon drinsteht, was man wissen muss zum Umgang der FPÖ mit diesem Video. Der Demagoge trenne in «Wir» und «die anderen», schreibt Ötsch. Wir sind die Guten, die anderen sind die Bösen. Wir sind die Opfer, die anderen sind die Täter. «Und immer gilt: Ja keine Zwischentöne. Jedes ‹Ja, aber› ist der grosse Feind der Demagogie.»

Die «Krone» hofiert die Straches

Auf dem Kaffeehaustisch liegt die «Kronen-Zeitung», kurz «Krone», in der ablesbar ist, wie wie man vorgeht, wenn man Täter zu Opfern machen will. Die «Krone» war dem Vizekanzler lange aufs Allerherzlichste zugetan, noch zum Muttertag gab es eine Homestory aus dem Haus Strache. In dem Ibiza-Video bekam dann die «Krone» auf einmal mit, dass sie Teil der Verhandlungsmasse war, über die da in Ibiza bei Zigaretten und Gummibärli diskutiert worden war. Nur Tage danach bietet dieselbe «Krone» dem gefallenen Strache eine Plattform, das grosse Interview. Einmal immerhin setzt die Krone nach, die Härte der Frage wird sicherheitshalber typografisch deutlich gemacht durch ein doppeltes Fragezeichen. «Krone»: «Wie kamen Sie auf die Idee, dass Sie die Krone an die Russen verkaufen können??» Strache: «Das war ein absurdes, dummes Hirngespinst.»

Der Protest gegen die FPÖ war von begrenzter Wirkung, in der Europawahl büsste die Partei nur wenig Stimmen ein. Foto: Keystone

Die «Krone» hat auch ein Kurzinterview mit Straches Frau Philippa im Blatt. Im Video hatte ja Strache «Bist du deppert, die ist schoarf» gesagt und offensichtlich nicht Philippa damit gemeint. Die «Krone» stellt Frau Strache eine Frage, die nur der «Krone» in solcher Lage einfällt: «Wie geht es Ihrem Mann?» Philippa Strache: «Jeder Tag kostet ihn irrsinnig viel Kraft, um kämpferisch zu wirken. Für mich ist das sehr bewundernswert.»

Walter Ötsch kennt diese Art Berichterstattung, er ist Österreicher, der Boulevard mitsamt den Gratisblättern ist meinungsstark in Österreich. Ötsch sagt zum ausgebreiteten Melodram der Familie Strache: «Das Thema wird völlig verlagert, von der politischen Ebene auf die private: Da sind zwei Leute, die ein Problem haben, das hat ja jeder mal. Jeder hat seinen Kampf in der Beziehung führen müssen. Und auf diese Weise wird dann automatisch die scheinbare persönliche Bindung zwischen den Lesern und der Person Strache gestärkt.

Bei der Europawahl war die Beteiligung in Österreich enorm hoch, fast 60 Prozent, eine bemerkenswerte Entwicklung. Bei der Europawahl haben aber auch weit über 30'000 Wähler dem soeben abgetretenen Strache ihre Vorzugsstimme gegeben, trotz des Videos. Strache könnte damit direkt ins EU-Parlament einziehen, der Zusammenhalt in der FPÖ-Familie ist beständiger als gedacht. Mehr als 11'000 Vorzugsstimmen für Strache kommen aus Wien.

Als es Montagabend endlich regnete in Wien und die brütende Wärme des Wochenendes weitergezogen war, hatten viele irgendwie gewonnen, aber keiner so richtig. Sebastian Kurz hat zwar jetzt das Kunststück fertiggebracht, sich mit 32 Altkanzler nennen zu können, aber Kurz kommt im Herbst schon wieder, und wenn Professor Ötsch richtigliegt, kommen auch die Blauen irgendwie zurück, was viele wahnsinnig machen würde, aber einige würde es auch freuen. Österreich ist ein zerrissenes Land, und damit ist es zeitgemäss. Die halbe Welt ist gerade zerrissen.

Erstellt: 28.05.2019, 18:52 Uhr

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