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«Zieglers Verhältnis zu Ghadhafi war damals kein Thema. Jetzt schon.»

Salzburgs Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) begründet, warum sie Jean Ziegler als Festspielredner erst ein- und dann wieder ausgeladen hat.

«Mit den Festspiel-Sponsoren hat meine Entscheidung nichts zu tun»: Jean Ziegler wurde wegen seinem undurchsichtigen Verhältnis zu Ghadhafi als Festredner der Salzburger Festspiele ausgeladen.
«Mit den Festspiel-Sponsoren hat meine Entscheidung nichts zu tun»: Jean Ziegler wurde wegen seinem undurchsichtigen Verhältnis zu Ghadhafi als Festredner der Salzburger Festspiele ausgeladen.
AFP

Frau Burgstaller, Jean Ziegler hat jetzt mehr Öffentlichkeit in Österreich, als er vermutlich mit einer Rede bei den Salzburger Festspielen je bekommen hätte. Das haben Sie mit Ihrer Absage wohl nicht beabsichtigt? Gut gemeint ist halt manchmal das Gegenteil von gut. Wobei ich nach diesen heftigen Reaktionen umso mehr überzeugt bin, dass meine Entscheidung richtig war. Niemand weiss, wie sich der Konflikt in Libyen weiterentwickeln wird. Der Grund, dass ich die Einladung nicht aussprach, war meine Sorge, dass Ghadhafi seine Drohung wahr machen und den Krieg nach Europa tragen würde. Dann hätte es bei den Festspielen nur ein Thema gegeben: Welche Beziehung hatte der Festspielredner zu Herrn Ghadhafi? Das wollte ich Jean Ziegler nicht antun.Als Sie Ziegler im Februar einluden, die Festrede zu halten, war sein Verhältnis zu Ghadhafi doch längst bekannt. Mir nicht. Ich bin seit Jahrzehnten Leserin seiner Bücher, ich kenne ihn persönlich. Ich war überzeugt, dass er eine gute Rede halten würde, um unser Gewissen aufzuwecken und die Politik wachzurütteln. Sein Verhältnis zu Ghadhafi war damals kein Thema. Jetzt ist es das schon.Dann wäre die Rede doch eine Chance gewesen, das Verhältnis von Intellektuellen und Politikern zum libyschen Regime zu thematisieren. Gerade österreichische Politiker hatten ja stets gute Beziehungen zur Familie Ghadhafi – vom Sozialisten Bruno Kreisky bis zum Rechtspopulisten Jörg Haider. Das wäre eine spannende Diskussion, aber die Festspiele sind dafür nicht der richtige Ort.Glauben Sie, dass Jean Zieglervon Ghadhafi einen Menschenrechtspreis erhalten hat? Er hat diese Behauptung dementiert. Und ich gehe davon aus, dass das stimmt, was er sagt.Die österreichischen Medien und Schriftsteller wie Elfriede Jelinek werfen jetzt Ihnen und den Festspielen mangelnde Courage vor. Das ist einfach zu widerlegen: Ich hatte schon 2008 die Courage, Ziegler den Zukunftspreis des Landes Salzburg zu verleihen. Ich sage auch klipp und klar: Mit den Festspiel-Sponsoren hat meine Entscheidung nichts zu tun. Es gab keine Intervention, weder der Sponsoren noch der Festspiele. Ich alleine habe diese Entscheidung getroffen, auf Basis von Informationen, die ich im Internet selbst recherchiert habe, und meiner Befürchtung, dass nur über Zieglers vermeintliches Verhältnis zu Ghadhafi und den Menschenrechtspreis diskutiert würde. Alles andere ist Erfindung.Ziegler beklagt sich, dass Sienie das Gespräch mit ihm suchten. Mein Büro hat in den vergangenen Wochen sehr oft versucht, Ziegler zu erreichen. Das war nicht möglich. Ich habe ihm in einer E-Mail meine Handynummer geschickt mit der Bitte um Rückruf. Der kam nicht. Ich hätte nie erwartet, dass er unsere interne Diskussion nach aussen trägt. Ich verstehe es bis heute nicht. Vielleicht geht es ihm ja darum, ein neues Buch zu bewerben. Da wünsche ich ihm viel Erfolg.Wurde Ziegler ein Opfer des Streits zwischen Ihnen und den Festspielen, wer den Festredner einladen darf? Ich werfe mir vor, ich hätte gründlicher recherchieren, mit ihm darüber diskutieren sollen. Aber es ist von Ziegler nicht korrekt zu behaupten, die Salzburger Festspiele hätten seine Ausladung verlangt. Es war eine Geschichte allein zwischen Jean Ziegler und mir.Finden Sie, dass Ziegler in seiner Kapitalismus-Kritik übers Ziel hinausschiesst? Das gehört schon dazu. Man kann nur wachrütteln, wenn man klar und deftig formuliert. Deshalb wollte ich ja, dass er seine Kritik an einem so etablierten Ort wie den Salzburger Festspielen artikulieren kann. Für mich ist Jean Ziegler ein unglaublich mutiger Mensch, der einen geraden Weg gegangen ist. Auch mit Fehleinschätzungen, die aber vielen anderen auch unterlaufen sind, zum Beispiel das Verhältnis zu Ghadhafi. Aber ich würde auch andere, die möglicherweise Nähe zu Ghadhafi pflegten, nicht als Redner einladen.Wissen Sie schon, wer statt Ziegler die Eröffnungsrede halten wird? Es sind mehrere Namen im Gespräch. Aber ich möchte das niemandem antun, jetzt öffentlich darüber zu sprechen.

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