«Zingas» Widersacher sitzt in der eigenen Partei

Nicola Zingaretti, Chef der Linken, verhandelt mit den Cinque Stelle.

Nicola Zingaretti, Vorsitzenderder Sozialdemokraten. Foto: AFP

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Nicola Zingaretti erzählte neulich, die Politik habe ihn so überraschend erfasst «wie eine grosse Welle an der Strandlinie». Plötzlich sei er «klatschnass» gewesen. Das ist mehr als dreissig Jahre her. Nun verhandelt «Zinga», wie Italiens Sozialdemokraten ihren Vorsitzenden nennen, mit den Cinque Stelle über eine neue Regierung für das Land. Das ist die komplizierteste Aufgabe, die ihm in seiner Karriere zufiel.

Doch wenn man einem zutraut, dass er es schaffen könnte, alte Animositäten abzubauen, Vertrauen zu schaffen und programmatische Schnittflächen zu finden mit den Populisten, ja, dann diesem 54-jährigen Römer, Gouverneur der Region Latium. Er trägt die Gutmütigkeit wie ein Manifest im Gesicht. Dieses immerwährende Lachen, es ist ein politischer Trumpf, es macht ihn populär. Und er hat einen prominenten Namen: Sein älterer Bruder, Schauspieler Luca Zingaretti, gibt seit Jahren den gefeierten Fernsehkommissar Salvo Montalbano aus der gleichnamigen Serie. «Zinga» lief lange unter «Montalbanos kleiner Bruder».

Renzi im Hintergrund

Den Partito Democratico übernahm Zingaretti im März nach gewonnener Primärwahl. Sein Vorgänger Matteo Renzi, der ehemalige Premier, trat nicht mehr an. Das heisst aber nicht, dass er den Nachfolger einfach walten liesse. Renzi zieht im Hintergrund noch immer die Fäden. Das zeigt sich auch in dieser Regierungskrise wieder. Renzi war es, der die Partei zu Verhandlungen mit den Cinque Stelle drang, und das war ein Überraschungscoup: Davor hatte er die Sterne oft mit Schimpf überzogen.

Zingaretti lenkte ein, obschon er zunächst für schnelle Neuwahlen plädiert hatte. Offenbar traute er sich zu, seine Partei trotz dürftiger Umfragewerte zum Sieg zu führen. Es ist dies ein alter Reflex bei Zingaretti, schliesslich hat er selbst noch nie gegen die Rechte verloren, weder bei Provinz- noch bei Regionalwahlen. Vor Zingaretti war es auch noch keinem Gouverneur von Latium je gelungen, ein zweites Mandat zu gewinnen. Er regiert die Region nun mit der Hilfe der Fünf Sterne, die ihm im Notfall immer zu einer Mehrheit verhelfen. Auch das ist ein Unikum. Die regionale Erfahrung, so sollte man meinen, prädestiniert ihn jetzt perfekt fürs Schmieden einer nationalen Allianz.

Zingaretti regiert die Region Latium mit der Hilfe der Fünf Sterne, die ihm im Notfall immer zu einer Mehrheit verhelfen – ein Unikum.

Aber eben, da gibt es diese Rivalität mit Renzi. Italiens Sozial­demokraten haben einen fatalen Hang zum Bruderkampf, und die beiden könnten kaum unterschiedlicher sein. Der scheue, nicht sehr charismatische Zingaretti wurde in der postkommunistischen Jugendorganisation Sinistra Giovanile gross, während der exponierfreudige, rhetorisch brillante Florentiner als Christdemokrat heranwuchs. «Zinga» steht für den linken Flügel der Partei, Renzi für den sozialliberalen.

Wichtiger noch als Ideologie sind nun aber Zahlen. Im sitzenden Parlament sind die meisten Sozialdemokraten «Renzianer». Wenn Renzi also will, kann er eine allfällige Koalition mit den Cinque Stelle jederzeit beenden. Um möglichst freie Hand zu behalten, möchte Renzi auch nicht Minister werden. Die Sterne hatten sein Draussenbleiben ohnehin gefordert, schon vor den Verhandlungen. Zingaretti ist ihnen viel lieber. Er hat einen Spitz­namen, den er wohl selbst nicht so toll findet: «Er saponetta» ist römisch für «Herr Seifenstück». Der Sinn: Gerade wenn man meine, Zingaretti fassen zu können, glitsche er einem aus der Hand. So aber kam er ziemlich weit, bis an die Strandlinie der Macht.

Erstellt: 25.08.2019, 19:56 Uhr

Giuseppe Conte steht bereit

Die Verhandlungen über eine neue italienische Regierungskoalition kreisen nun ganz um den Posten des Premiers. Die Cinque Stelle beharren auf Giuseppe Conte, dem bisherigen Ministerpräsidenten, während den Sozialdemokraten auch personell ein Zeichen der «Diskontinuität» lieber wäre. Conte selbst wäre bereit für ein Conte II. Am Dienstag beginnt die zweite Sondierungsrunde im Quirinals­palast. Staatspräsident Sergio Mattarella fordert eine schnelle Lösung, andernfalls würde er baldige Neuwahlen ansetzen. (om)

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