Kalter Krieg um Lebensmittel

Die russischen Gegensanktionen treffen die einfache Bevölkerung härter als die Sanktionen selber.

Das Warenangebot hat sich spürbar verringert: Russisches Rentnerpaar im Frühling 2015 beim Verzehr von Süssigkeiten vor einem Lebensmittelgeschäft in Moskau. Foto: Bloomberg

Das Warenangebot hat sich spürbar verringert: Russisches Rentnerpaar im Frühling 2015 beim Verzehr von Süssigkeiten vor einem Lebensmittelgeschäft in Moskau. Foto: Bloomberg

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Im russischen Alltag ist das Wort «Sanktionen» zu einem Synonym geworden für die neue Konfrontation mit dem Westen. Es hat häufig nur noch ganz am Rand mit jenen Massnahmen zu tun, welche die USA, die Europäische Union und eine Reihe anderer Länder nach der Annexion der Krim durch Russland eingeführt und seit der Eskalation des Konflikts in der Ukraine vor einem Jahr entscheidend verschärft haben. In Shops für Patriotismusbedarf gibt es neben ­Putin-Shirts auch solche mit Atom­raketen des Typs Iskander und der ­Aufschrift: «Die Iskander fürchtet sich nicht vor Sanktionen».

Es war angesagt, über Brüssel zu lachen. Jetzt ist das anders.

Die vom staatlichen Fernsehen beeinflusste Einstellung zum Thema ist vor einigen Monaten stark umgeschwenkt. Erst hatten sich Parlamentarier frei­willig mit der Bitte gemeldet, auch auf die schwarze Liste zu kommen. Da war es angesagt, darüber zu lachen, wie ­Washington und Brüssel versuchen, die Russen zu beeindrucken. Inzwischen ist das anders. Ob hoher Beamter oder ­Taxifahrer – sie erzählen jetzt ungefragt, wie sehr sich Europa selber schadet mit den Sanktionen, dass sie Russland dagegen überhaupt nichts ausmachen. Und dass man es deshalb besser lassen sollte.

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Welche Sanktionen wer konkret verhängt hat, dass gerät in den Köpfen oft durcheinander. Das ist auch so gewollt: In den staatlich kontrollierten Sendern wird viel über die «antirussischen Sanktionen» berichtet, aber dabei nie erklärt, worin sie konkret bestehen. Was die Menschen im Alltag am eigenen Leib und im eigenen Geldbeutel spüren, hat meistens viele Ursachen, und die vom Westen verhängten Massnahmen sind darunter die geringsten.

Morgens zur Rush­hour im Autoradio: Westi FM bringt einen Sendungsschwerpunkt zu den Sanktionen. Eine halbe Stunde lang berichten Korrespondenten, wie hart Europa vom russischen ­Lebensmittelembargo getroffen sei. Lini­entreue «Experten» bestätigen das, und Abgeordnete aus linken und rechten Splitterparteien, die in ihren europäischen Heimatländern kaum jemand kennt, erzählen vom Unmut im Volk über die Sanktionen. Von immer mehr Protestkundgebungen ist die Rede. Wer es nicht besser weiss, muss den ­Eindruck bekommen, Europa steht vor ­einer ­Revolution.

Geteiltes Leid

Das macht es natürlich etwas leichter, die eigenen Entbehrungen hinzunehmen. Diese sind, abhängig vom eigenen Beruf und sozialem Stand, sehr unterschiedlich. Einreiseverbote und Kontensperrungen treffen nur einen engen Kreis von etwa 200 Personen – kaum mehr als ein symbolischer Akt. Genauso ist es mit den Beschränkungen für grosse staatliche Banken und Unternehmen, sich auf den internationalen Kapitalmärkten langfristige Kredite zu beschaffen. Rüstungstaugliche Güter importiert der gewöhnliche russische Bürger auch nicht.

Mit zwei Massnahmen aber hat die russische Führung dafür gesorgt, dass sehr viele Menschen den Konflikt am ­eigenen Leib spüren können: Polizisten, Richter, Justizangestellte, Angehörige des Militärs und Mitarbeiter von Mi­nisterien dürfen nicht mehr ins Ausland reisen. Begründet wird das mit der ­Gefahr, im Ausland festgenommen und an die USA ausgeliefert zu werden.

Die Sanktionen bekommt die russische Bevölkerung vor allem bei den Lebensmittelpreisen zu spüren. Foto: A. Shcherbak (Tass, Keystone)

Breiter noch wirkt das Embargo für Lebensmittel aus Staaten, die sich an den Sanktionen gegen Russland beteiligen. Als das Einfuhrverbot vor einem Jahr eingeführt wurde, verschwand zuerst die Milch. Milch aus Finnland war die einzige in Moskau, die stets in gleichbleibender, hoher Qualität erhältlich war. Weil russische Produzenten immer noch Schwierigkeiten mit Hygiene und Logistik haben, wird ihre Milch ent­weder schnell schlecht. Oder sie ist stark mit Antibiotika belastet.

Der Käsetrick

Der Nobelsupermarkt Asbuka Wkusa (ABC des Geschmacks) füllte seine Gemüseregale erst einmal mit Kohl, Randen und Zwiebeln auf, bevor nach und nach andere Produzenten für Paprika, Salat und Äpfel gefunden wurden. Mit dem Käse ging es hin und her: Als die ­Bestände ausverkauft waren, dauerte es eine Weile, bis die Händler darauf­kamen, dass laktosefreie Produkte vom Embargo ausgenommen sind, viele Käsesorten aber ohnehin laktosefrei sind. Das Comeback der Ausländer währte jedoch nur kurz; mit der Verlängerung der Gegensanktionen Ende Juni hat die Regierung die Ausnahme gestrichen.

Die breite Masse trifft vor allem der Preisanstieg.

Das aber ist ein Luxusproblem der Reichen und der schmalen Mittelklasse. Die meisten Menschen – vor allem in der Provinz – können sich Parmesan oder Brie nicht leisten. Die breite Masse trifft vor allem der Preisanstieg: Lebensmittel wurden 2014 laut Statistik­behörde Rosstat fast 17 Prozent teurer. Seither sind die Preise weiter gestiegen. Die Realeinkommen der Russen fielen ebenfalls deutlich. Weil die Kunden sparen, sparen jetzt auch die Hersteller bei den Zutaten, ersetzen etwa im Käse Milch durch Pflanzenöl.

Das ist keine Folge der westlichen Sanktionen, sondern des russischen Embargos und des schwachen Rubels. Denn so einfach funktioniert der Ausstieg aus der Globalisierung nicht: Bei einer in Russland geernteten Kartoffel fallen 80 Prozent der Kosten in fremder Währung an – für Saatgut und Dünger, die beide im Ausland gekauft werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.07.2015, 23:03 Uhr

Die Krise ist spürbar

Folgen der Sanktionen in Russland

Am 31. Juli 2014 verhängte die EU im Gleichschritt mit den USA Wirtschaftssanktionen gegen Russland – als Reaktion auf die Eskalation der Gewalt in der Ostukraine. Zuvor waren lediglich Kontensperrungen und Einreiseverbote gegen Personen verhängt sowie Unternehmen auf eine schwarze Liste gesetzt worden. Die Sanktionen zielen vor allem auf den Finanz-, den Rüstungssektor sowie die Öl- und Gasindustrie. Im Gegenzug verhängte Russland ein Embargo für Lebensmittel aus dem Westen.

Die Folgen der Sanktionen für Russland sind schwierig zu messen, da im gleichen Zeitraum auch der Ölpreis einbrach. Russland bezieht einen grossen Teil seiner Staatseinnahmen aus dem Verkauf dieses Rohstoffes. Fakt ist, dass die russische Wirtschaft, die während mehr als eines Jahrzehnts mit durchschnittlich über 5 Prozent gewachsen war, 2014 noch um 0,6 Prozent zulegte und 2015 je nach Prognose zwischen zwei und vier Prozent schrumpfen wird.

Mit dem Einbruch des Ölpreises verlor auch der Rubel deutlich an Wert. Die Teuerung beträgt 2015 rund 15 Prozent. Die Exporte sind um ein Viertel, die Importe um ein Drittel eingebrochen. Der private Konsum sowie die Industrieproduktion gingen ebenfalls stark zurück. Die Reallöhne sanken zwischen Mai 2014 und Mai 2015 um 14 Prozent. Laut einer aktuellen Umfrage spüren drei Viertel der Russen die Wirtschaftskrise. Prä­sident Putin vertrauen trotzdem noch 87 Prozent. (ldc)

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