Zwischen Selbstzweifeln und Streiks

Nach den Anschlägen von Brüssel blieb in Belgien der nationale Schulterschluss aus. Dafür lähmt jetzt eine Streikwelle den Alltag.

In Brüssel demonstrieren seit Wochen verschiedene Berufsgattungen gegen geplante Sparmassnahmen. Foto: Olivier Hoslet (Keystone)

In Brüssel demonstrieren seit Wochen verschiedene Berufsgattungen gegen geplante Sparmassnahmen. Foto: Olivier Hoslet (Keystone)

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Das Logo der Kampagne ist schön surrealistisch und überhaupt sehr belgisch: Der «Chou de Bruxelles» oder Rosenkohl ist weltweit bekannt und soll helfen, Brüssels angeschlagenes Image aufzubessern. Ein Rosenkohl bestehe schliesslich aus vielen unterschiedlichen Blättern, symbolisch für die Diversität Brüssels, sagte einer der Initiatoren der Kampagne.

«Sprout to be Brussels», der Slogan der Kampagne, ist ein Wortspiel aus den englischen Wörtern «Brussels sprout» für Brüsseler Kohl und «proud» für stolz. Hinter der Kampagne, die vor allem auf die sozialen Medien setzt, stecken lokale Unternehmen, Kultureinrichtungen und die Brüsseler Tourismusförderung. Also alle, die seit den Anschlägen vom 22. März besonders darunter leiden, dass ausländische und einheimische Besucher ausbleiben.

Bei den Anschlägen vor zwei Monaten am Brüsseler Flughafen und in der Metro rissen drei Selbstmordattentäter 32 Menschen mit in den Tod. Seither lähmen Selbstzweifel und teils wilde Streiks das Land. Die Radiostationen meldeten gestern Morgen in der Stosszeit landesweit insgesamt 460 Kilometer Stau. Die Eisenbahner sind im Ausstand, schon seit vergangenem Mittwoch. Pendlern bleiben nur das Auto und noch mehr Geduld als sonst.

Soldaten in den Gefängnissen

Morgen soll an einem nationalen Streiktag der gesamte öffentliche Dienst seine Arbeit niederlegen. Der Protest der sozialistischen Gewerkschaften richtet sich gegen Sparpläne der konservativen Föderalregierung – doch so klar ist das nicht immer. Besonders ausdauernd ist das Gefängnispersonal, das schon seit vier Wochen streikt. Zuletzt hat die Regierung sogar Soldaten als Aushilfe in die Haftanstalten schicken müssen, da die Lage dort inzwischen sehr angespannt ist. Die Häftlinge haben seit Beginn des Ausstandes teilweise ihre Zellen kaum mehr verlassen können.

Auch das ist symptomatisch für die Lage im zerrissenen Land. Die Streikwelle erfasst fast nur das mehrheitlich französischsprachige Brüssel und die sozialistisch regierte Wallonie, während im konservativen Flandern die Aufrufe kaum beachtet werden. Selbst die frankofone Zeitung «Le Soir» kritisiert das «Streikfestival» inzwischen als schädlich und unverständlich: Die Gewerkschaften beschädigten mit ihren politisch motivierten Aktionen das Image des Landes zusätzlich und demonstrierten, dass der soziale Dialog verloren gegangen sei.

Keine kollektive Identität zwischen Flamen und Wallonen

Tatsächlich hat der Doppelanschlag vom März keinen nationalen Schulterschluss ausgelöst, im Gegenteil. Vielleicht rächt sich jetzt, dass Belgiern Nationalstolz eher fremd ist, zwischen Flamen und Wallonen im Laufe der Jahre die kollektive Identität verloren gegangen ist. So gab es diesmal auch keine Massendemonstrationen wie 1996 im Zuge der Affäre um den Kinderschänder Marc Dutroux, als die Belgier schon einmal an der Fähigkeit ihres Staates zweifelten, sie schützen zu können.

Dem Aufruf zur nationalen Kundgebung gegen Hass und Terror folgten in den Wochen nach dem 22. März nur ­wenige Tausend. Kein Regierungschef und anders als im letzten Jahr in Paris auch keine internationale Prominenz stellte sich an die Spitze, um dem Land in der Not Mut zu machen. Eine Rede des Königs im Fernsehen fand wenig Beachtung. Fast scheint es, als glaubten die Belgier selber nicht mehr an ihr Land.

In einigen internationalen Medien war Belgien nach dem Doppelanschlag vom März als gescheiterter Staat charakterisiert worden. Seither wird die Frage auch im Land selber offen diskutiert. An Nahrung für die These fehlt es nicht. Aus einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss sickern immer wieder neue Einzelheiten über Pleiten und Pannen im Vorfeld und während des Doppelanschlags vom März durch. Über Hinweise auf die Attentäter, die verloren gingen. Oder über die verpasste Chance, nach dem Anschlag am Flughafen die Metro noch rechtzeitig zu räumen.

Pannenserie in AKW

Doch auch Hiobsbotschaften von anderen Fronten verunsichern. Einmal ist es eine Pannenserie in zwei alten Atomreaktoren. Die Behörden wollen jetzt an alle elf Millionen Einwohner des Landes Jodtabletten für den Notfall verteilen. Das hat nicht wirklich beruhigt. Oder dann das Elend mit den Tunneln der Brüsseler Stadtautobahn. Weil die Behörden über Jahre die Instandhaltung vernachlässigt haben, drohen dort die Decken einzustürzen. Einige sind jetzt zwecks Notsanierung zu, was an der Oberfläche für noch mehr Verkehrschaos sorgt.

Geert van Istendael, Autor des Buches «Das belgische Labyrinth», hält trotzdem nichts von der These vom gescheiterten Staat. Syrien, Sudan oder der Irak seien gescheiterte Staaten, Belgien sicher nicht. Justiz und Sicherheitsbehörden seien zwar über Jahrzehnte vernachlässigt und die Kompetenzen des Bundesstaates zugunsten der Regionen zerstückelt worden. Das Land verfüge aber über ein hervorragendes Gesundheitssystem oder über gute Schulen.

Im Übrigen seien nach den Anschlägen in Paris, Madrid, London oder New York ebenfalls Pannen der Behörden bekannt geworden, sagt Schriftsteller Van Istendael. Auch werde niemand auf die Idee kommen, Deutschland als gescheiterten Staat zu bezeichnen, nur weil die Sicherheitsbehörden dort die Mordserie der nationalsozialistische Terrorzelle NSU nicht hätten stoppen können.

Erstellt: 30.05.2016, 22:17 Uhr

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