Geschundenes Griechenland

Das Flüchtlingsproblem gefährdet die kleinen Erfolge im Kampf gegen die Schuldenkrise. Von Europa fühlen sich die Griechen verlassen.

Im Hafen von Piräus gestrandete Flüchtlinge. Foto: Milos Bicanski (Getty Images)

Im Hafen von Piräus gestrandete Flüchtlinge. Foto: Milos Bicanski (Getty Images)

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Für viele Flüchtlinge, die griechischen Boden erreichen, ist das Land nicht die Rettung. Es ist reine Zeitverschwendung. Wer morgens mit dem Gummiboot ans Ufer der Ferieninsel Lesbos gespült wird, will abends auf der Fähre nach Athen sitzen. Tickets verkaufen Reisebüros im Lager. Im Flüchtlingslager Kara Tepe auf Lesbos hängt eine Karte. Sie zeigt, wie man aufs Festland kommt und von dort aus Richtung mazedonische Grenze und weiter nach Deutschland. 2015 kamen so etwa eine Million Flüchtlinge in Griechenland an. Sie waren bald wieder fort. Transitland Griechenland eben. Aber das ist nun vorbei. Griechenland bekommt auf einmal zu spüren, was es heisst, Flüchtlinge tatsächlich aufzunehmen. Das bedeutet noch eine Krise im geschundenen Krisenstaat Griechenland. Eine humanitäre Katastrophe bahnt sich an.

Österreich und die Balkanländer haben sich gegen Athen verbündet, Mazedonien hat die Grenze fast komplett dichtgemacht. Am Grenzübergang in Idomeni können nur noch einige Hundert Glückliche am Tag passieren. Afghanen verweigert Mazedonien die Einreise. Auch Syrer und Iraker ohne gültige Papiere sitzen fest. Die «Zeit des Durchwinkens» sei vorbei, heisst es lapidar bei den nördlichen Nachbarn. Tausende stecken fest. Und auf den Inseln im Süden kommen weiterhin täglich im Schnitt 3000 Flüchtlinge an.

Die Regierung hat versprochen, 50 000 Unterkunftsplätze zu errichten. So viele Flüchtlinge sollen zwar lange noch nicht im Land sein, aber schon jetzt bricht Chaos aus. Entlang der Autobahnen laufen Flüchtlinge in Trecks Richtung Norden. Sie reissen die Zäune der Notunterkünfte ein, weil sie nicht bleiben wollen. In Athen campieren Verzweifelte im Freien. In ein paar Tagen könnte das Land kollabieren.

Hohes Risiko für die Wirtschaft

Im vergangenen Jahr haben nur 13 197 Migranten Asyl in Griechenland beantragt. Allein in diesem Januar waren es 1171. Es hat sich bis zu den Verzweifelten herumgesprochen, dass es wohl kaum ein ungeeigneteres Ziel gibt, wenn man in dieser Krise Halt und Sicherheit sucht. Griechenland hat genug Probleme mit sich selbst. Solange in Syrien der Krieg tobt, kämpft Athen mit der Schuldenkrise.

Im vergangenen Sommer hatte Athen mit den europäischen Kreditgebern um den Verbleib in der Eurozone gerungen. Damals halfen die Partner mit Milliarden und auferlegten Athen wieder einmal ein hartes Sparprogramm. In der Flüchtlingskrise haben die Griechen den Eindruck, Europa habe sie schon fallen gelassen. Absprachen, wie jene, keineswegs im Alleingang Grenzen zu schliessen, werden ignoriert. «Verträge sind einzuhalten. Wir können nicht vergessen, wie das andauernd wiederholt wurde. Aber das gilt nicht für alle», empört sich Premier Alexis Tsipras im Parlament. Sein Land könne nicht zu Europas Warenhaus für Flüchtlinge werden.

Wie die Türkei befindet sich Griechenland geografisch an einer Schnittstelle.

Die Flüchtlingskrise sei ein hohes Risiko für die Wirtschaft, erklärt derweil die griechische Zentralbank. Sie sieht 2016 Kosten von 600 Millionen Euro auf das Land zukommen. Zaghafte Erfolge bei der Bewältigung der Schuldenkrise stehen auf dem Spiel. Gibt die Flüchtlingskrise Griechenland den Rest? «Ich hoffe nicht», sagt die frühere griechische Aussenministerin Dora Bakoyannis, die für die konservative Nea Dimokratia im Parlament sitzt. Es gebe aber eine sehr grosse Angst. «Zum ersten Mal stehen wir vor dem Ende der Europäischen Union, so wie wir sie kennen gelernt haben.»

Wie die Türkei befindet sich Griechenland geografisch an einer Schnittstelle. Aber in der Strategie der deutschen Kanzlerin Angela Merkel fallen der Türkei und Griechenland unterschiedliche Rollen zu. Der EU-Beitrittskandidat Türkei wird als «Schlüsselland» zur Lösung hofiert. Zwischen Milliardenhilfe seitens der EU und besserem Grenzschutz wird eine Verbindung hergestellt. Im Fall Griechenlands ist keine Rede von Erleichterungen beim Reformprogramm, damit Athen Luft bekommt, mit der Flüchtlingskrise fertig zu werden. Das Land steht vor einer Zerreissprobe: Griechenland soll weitere 1,8 Milliarden Euro einsparen. Das bedeutet Aufruhr. In seiner Verzweiflung bittet Tsipras ausgerechnet jene Frau um Hilfe, die Griechenlands Probleme zuletzt aus den Augen verloren hat: ­Angela Merkel.

Die EU bereitet sich aufs Schlimmste vor. Ein neues Amt für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz ist geplant. Es soll nicht nur ausserhalb Europas eingreifen, sondern auch in der EU selbst. Bisher koordiniert «Echo» die Hilfe bei Katastrophen weltweit. Mit derselben Schnelligkeit und Effizienz will die EU nun auch auf Notlagen in Europa reagieren können. Dafür wird die EU-Kommission einen konkreten Vorschlag präsentieren – in zehn Tagen. Spätestens.

Erstellt: 26.02.2016, 19:49 Uhr

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Am Donnerstag hatte Griechenland bereits seinen Botschafter aus Österreich abgezogen. Anlass war eine Konferenz in Wien mit Balkanstaaten, auf der die Teilnehmer Massnahmen zur Begrenzung des Flüchtlingszuzugs beschlossen. Obwohl Griechenland unmittelbar betroffen ist, war es nicht eingeladen. Österreich wirft der Regierung in Athen vor, die EU-Aussengrenze nicht effektiv zu schützen. Daher müssten sich die Länder entlang der sogenannten Balkanroute wappnen. (Reuters)

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