Angriff des Iran könnte die Lage beruhigt haben

Der US-Präsident deutet an, den Raketenbeschuss von US-Zielen nicht mit militärischen Aktionen zu kontern. Damit wäre die Kriegsgefahr vorerst gebannt.

Demonstration in Bagdad nach dem Raketenangriff. Foto: Khalid Mohammed, AP Photo, Keystone

Demonstration in Bagdad nach dem Raketenangriff. Foto: Khalid Mohammed, AP Photo, Keystone

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Ein Dutzend ballistische Raketen sind in der Nacht auf Mittwoch auf zwei von den USA genutzten Militärstützpunkten im Irak eingeschlagen. Abgefeuert hatten sie die iranischen Revolutionsgarden vom Territorium der Islamischen Republik aus. Das ist zunächst eine weitere Eskalation der ohnehin angespannten Lage. Doch wenn alle Seiten einen kühlen Kopf bewahren und sich die US-Regierung wie die iranische Führung tatsächlich ihren Aussagen verpflichtet fühlen, einen Krieg vermeiden zu wollen, kann dieser Angriff auch der Beginn für eine Stabilisierung der Lage sein. Dafür spricht, dass es den fundamentalen Interessen Irans ebenso wie der USA entspricht, es nicht auf einen unbegrenzten, offenen Konflikt ankommen zu lassen. Dafür sprechen auch Trumps Aussagen an der Pressekonferenz. Die USA sei bereit den Frieden zu umarmen, sagte er unter anderem.

Die Attacke hat die Kriterien erfüllt, die Irans Regime unter dem Obersten Führer Ayatollah Ali Khamenei aufgestellt hat für die Vergeltung des tödlichen Drohnenangriffs der USA auf General Qassim Soleimani, den wichtigsten Mann des iranischen Sicherheitsapparates. Ein militärischer Angriff auf ein militärisches Ziel sollte es sein, offen ausgeführt von den iranischen Streitkräften. Aussenminister Mohammad Dschawad Sarif erklärte, die Raketenattacke sei die gerechtfertigte Antwort Irans gewesen – wichtiger aber: Sie sei damit abgeschlossen.

Man braucht schon sehr grossen Optimismus sich vorzustellen, wie es in der gegenwärtigen Situation zu einem neuen Deal zwischen Amerika und Iran kommen könnte.

Zugleich haben die Revolutionsgarden die rote Linie von US-Präsident Donald Trump offenbar nicht überschritten, ob bewusst so geplant oder ungewollt: Offenbar sind keine US-Soldaten ums Leben gekommen – auch wenn iranische Medien von 80 toten Amerikanern berichten. Wenn Trump die Sache damit auf sich beruhen lässt, ist ein weiterer militärischer Schlagabtausch erst einmal zu verhindern. Damit wäre angesichts der akuten Kriegsgefahr fürs erste schon einiges gewonnen in einem Konflikt, der jederzeit ausser Kontrolle geraten kann.

Allerdings ist es nicht so, dass der zugrunde liegende Konflikt oder die Interessensgegensätze zwischen Iran und den USA damit beigelegt wäre. Khamenei hat Angriffe als «lediglich einen Schlag ins Gesicht der Amerikaner» bezeichnet. Die militärische Konfrontation allein sei nicht ausreichend, die USA müssten jetzt endgültig aus der Region vertrieben werden. Dazu wird Iran jedes verfügbare Mittel nutzen: politischen Druck auf die Regierung im Irak und andere Länder, die US-Truppen beherbergen – aber auch die bisher schon verfolgte Strategie militärischer Nadelstiche, sei es durch die Revolutionsgarden selbst oder durch von ihnen gesteuerten Handlanger, schiitische Milizen zum Beispiel. Iran wird alles tun, was die politischen und finanziellen Kosten der USA und ihrer Verbündeten in die Höhe treibt.

Man braucht schon sehr grossen Optimismus sich vorzustellen, wie es in der gegenwärtigen Situation zu einem neuen Deal zwischen Amerika und Iran kommen könnte. Schon direkte Verhandlungen sind wohl auf absehbare Zeit keine realistische Perspektive – zumindest solange nicht klar ist, ob Trump wiedergewählt wird oder die Iraner es mit einer anderen Person im Weissen Haus zu tun bekommen. Das heisst aber auch, dass nach wie vor die Gefahr besteht, dass es doch zum grossen Knall kommt. Die Europäer, Russland, China und die Regionalstaaten müssen weiterhin mit grösstem Nachdruck ihren Einfluss geltend machen, um die Krise einzudämmen.

Erstellt: 08.01.2020, 18:03 Uhr

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