Marine Le Pen in der Schwächephase

Eben noch war Marine Le Pen kurz davor Präsidentin Frankreichs zu werden. Nun muss sie um die Vorherrschaft im Front National zittern.

Von der medialen Bildfläche so gut wie verschwunden: Marine Le Pen.

Von der medialen Bildfläche so gut wie verschwunden: Marine Le Pen. Bild: AFP

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Ein paar Hundert begeisterte Front-National-Anhänger prosten sich mit Kirschbier zu. Das Mittagessen wird an langen Tafeln serviert, Fahnenwimpel stehen zur Deko herum und als Entertainment-Programm mitten in der französischen Provinz gibt es: Marine Le Pen.

«Schaut nur nach Calais, was da schon wieder passiert. Es sind Szenen wie bei einem Bürgerkrieg – und Macron tut nichts», tönt die Front-National-Chefin durch die Halle in Le Crest im zentralfranzösischen Puy de Dôme, die Menschen klatschen begeistert. Le Pen ist unter Ihresgleichen, hier läuft das altbekannte Programm so erfolgreich wie eh und je. Sie muss nur die Zusammenstösse unter Flüchtlingen Anfang Februar in der Stadt am Ärmelkanal ansprechen, ein bisschen gegen den Präsidenten austeilen und schon kann sie punkten.

Dabei hatte ihr Jahr ganz und gar nicht gut angefangen. Die Bank Société Générale kündigte dem Front National (FN) alle Konten, die Partei soll nun pleite sein. Wieder einmal. Marine Le Pen selbst leide unter Rückenschmerzen, flüstern Vertraute Medien zu. Sie sei nicht mehr sie selbst nach der herben Niederlage im vergangenen Jahr. Zitterte Anfang 2017 noch das ganze liberale Europa vor der Möglichkeit, die Rechtsradikale könnte Präsidentin Frankreichs werden, ist sie seit Monaten von der medialen Bildfläche so gut wie verschwunden.

Nun will sich die Partei neu aufstellen, ein anderer Name soll wieder Strahlkraft bringen, alle paar Wochen tourt Le Pen durch französische Kleinstädte, um die Basis zu besänftigen. Das Motto: «Vorwärts für einen neuen Front.» Und so ist Le Pen an diesem Tag im Februar im Puy de Dôme gelandet, um ihren Getreuen zu zeigen, dass sie durchaus noch über die alte Grösse verfügt.

Intern mehren sich Kritiker

Für die FN-Chefin geht es jetzt um die Vorherrschaft. Anfang März steht der Parteitag an – und auch wenn niemand gegen Le Pen kandidieren wird, so steht sie längst nicht mehr unangefochten da. Die parteiinternen Spannungen sind gross, die Niederlagen bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von vergangenem Frühjahr schmerzen noch.

«Der Front National ist eine Partei, die in Zyklen funktioniert. Derzeit durchlebt er eindeutig eine Schwächephase», sagt Frankreich-Experte Stefan Seidendorf vom Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg. «Macron hat geschickterweise den gesamten Wahlkampf als eine Abstimmung für oder gegen ein weltoffenes Frankreich zugespitzt. Die Mehrheit hat sich für ihn entschieden – was Le Pen nachhaltig geschwächt hat.»

In der Partei mehren sich die Kritiker, die ihr fehlende Führungsstärke attestieren. Der interne Richtungskampf zwischen Pragmatikern und nationalistischen Hardlinern ist wieder aufgeflammt. Ganz vorne dabei: der eigene Vater, der zwar aus der Partei ausgeschlossen wurde, aber immer noch Ehrenpräsident ist. Jean-Marie Le Pen will im März seine Memoiren veröffentlichen – und hat vorab angekündigt, durchaus auch gegen die Tochter auszuteilen.

Steht dem Front National eine Zerreissprobe bevor? «Es kann immer zu einer Spaltung der Partei kommen, das gab es in der Vergangenheit auch schon. Allerdings ist der Front National ein Familienunternehmen und dient hauptsächlich der Bereicherung der Le Pens», erklärt Seidendorf. Ganz ohne die Familie sei die Partei nicht vorstellbar. Aber sicher ist Marine Le Pen damit noch lange nicht – schliesslich werden auch ihrer Nichte Marion Maréchal-Le Pen Ambitionen nachgesagt. Diese soll im kleinen Kreis bereits scherzhaft angemerkt haben: «Wenn man die Partei umbenennt, muss man auch Marine umbenennen. Oder können Sie sich Marine Le Pen an der Spitze einer Partei der Blumen vorstellen?»

Tatsächlich stösst die geplante Namensänderung einer Umfrage zufolge auf wenig Gegenliebe in der Partei. Und auch sonst ist zumindest nach aussen hin unklar, wie die Erneuerung des FN ablaufen soll. In wenigen Wochen sollen beim Parteitag in Lille Le Pen als Chefin bestätigt und das neue Programm nach einer Mitgliederbefragung verabschiedet werden. Bei den Themen Europa und der Sozialpolitik gehen die Positionen aber auseinander. Aus der Eurozone austreten will man zumindest nicht mehr. Bei der inneren und äusseren Sicherheit kann sich Le Pen noch am besten profilieren, hier herrscht in den eigenen Reihen Einigkeit.

«Das Ende wurde schon oft ausgerufen»

«Le Pen will sich ausserdem gesellschaftlich breiter aufstellen und Frauenthemen besetzen. Deshalb vermarktet sie sich selbst als moderne, berufstätige Frau», führt Seidendorf auf. Allerdings verknüpfe sie Gewalt gegen Frauen immer mit der Einwanderungsfrage, wenn sie beispielsweise muslimische Flüchtlinge als Gefahr für Französinnen anprangert.

Jegliche inhaltliche Neuausrichtung dürfe also nicht darüber hinwegtäuschen, dass der rechtsradikale Kern der Partei gleich bleibe. Ebenso das Personal. «Das Skelett des Front National ist immer noch das alte», sagt Seidendorf.

Dass Le Pen durchaus mit den alten Parolen Stimmung machen kann, zeigt ihr Besuch in Puy de Dôme. Der Applaus klingt auf den Videos von der Veranstaltung fast so laut wie zu Zeiten des Wahlkampfs. Und das Wählerpotenzial ist trotz Schwächephase weiterhin da: Einer Umfrage zufolge würde der Front National bei den nächsten Europawahlen 17 Prozent holen – auf Platz zwei hinter Macrons La République en Marche.

«Das Ende des Front National wurde schon oft ausgerufen», sagt Experte Seidendorf. «Aber die Gefahr ist nicht gebannt: Die Grundlage für den Erfolg der Partei ist die gesellschaftliche Spaltung in Frankreich – und die hat auch Macron trotz guten Starts nicht wieder gekittet.»

Erstellt: 17.02.2018, 18:29 Uhr

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