Mit fünf Koffern in die Ferien auf die griechische Insel

Ein Zürcher Student sammelt sackweise Kleider und Schuhe für die Flüchtlinge auf der Insel Lesbos, der eine Krise droht.

Flüchtlingshilfe in den Ferien: Wirtschafsstudent Sean Hofland berichtet von seinen Erfahrungen. Video: Mirjam Fuchs und Lea Blum

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Eigentlich wollte Sean Hofland nur seinen ehemaligen WG-Mitbewohner auf Lesbos besuchen, Sonne und Strand auf der griechischen Insel geniessen. Jetzt hilft der 22-Jährige Flüchtlingen vor Ort. In einer spontanen Aktion vor seiner Abreise sammelte der Wirtschaftsstudent aus Zürich sackweise Kleider und Schuhe. «Als ich hörte, wie viele Flüchtlinge es zurzeit auf Lesbos gibt, wollte ich nicht mit leeren Händen anreisen», erzählt Hofland via Skype aus Lesbos.

Griechenland erlebt einen Ansturm von Flüchtlingen und Migranten. Seit ­Januar sind bereits 160'000 Menschen über das Meer gekommen. Im vergangenen Jahr waren es laut UNO 43'500. Die meisten der Flüchtlinge stammen aus Syrien und Afghanistan. Wie auf anderen Inseln ist ihre Anzahl auf Lesbos dramatisch gestiegen. Im Juni erreichten laut der griechischen Küstenwache 15'254 Menschen die Insel, im selben ­Monat ein Jahr zuvor waren es noch 921 gewesen.

270 Euro für den Transport

Die griechischen Behörden bringt der Andrang an den Anschlag. Das Land steckt in seiner eigenen Krise, die Arbeitslosenquote beträgt über 25 Prozent. Um die vielen Flüchtlinge auf der Insel kümmern sich Freiwillige. Sowohl Einheimische als auch Touristen wie ­Hofland. Auf Facebook fand der Student die Seite einer Familie, die im Norden der Insel in Molyvos ein Restaurant ­betreibt. Mit Spendengeldern versorgen die privaten Helfer Flüchtlinge mit ­Essen, Kleidung und einer Schlafstelle. In der Facebook-Gruppe «Help for Refugees in Molyvos» steht eine Liste mit ­Dingen, die Feriengäste in ihre Koffer packen könnten. Turnschuhe sind gefragt, aber auch Trainerhosen, Windeln oder Schlafsäcke.

Hofland startete die Sammelaktion in seiner Studenten-WG, rief Freunde über Soziale Medien zu einer Spende auf, stellte einen Container in der ASVZ-Turnhalle Polyterrasse auf. «Die Reaktionen haben mich umgehauen: Alle wollten helfen», sagt Hofland. Nach zwei Wochen stapelten sich in seinem Keller 300 Kilogramm Kleidung und Schuhe – deutlich mehr als die erlaubten 32 Kilogramm. Der Student bemühte sich bei der Fluggesellschaft vergeblich um einen kostenlosen oder vergünstigten Transport. Schliesslich packte er die Hälfte der Spenden in fünf Koffer und zahlte 270 Euro für den Transport.

«Kauft lieber in Griechenland. So ­erspart ihr euch den logistischen Albtraum, den gute Absichten mit sich bringen», spöttelt ein Kommentator in der Facebook-Gruppe. Andere klagen, dass ein paar Turnschuhe das Problem nicht lösen würden. Hofland ist anderer ­Meinung: «Warum sollten Touristen nicht mit etwas zusätzlich Gepäck in die ­Ferien reisen?»

Nur eine Zwischenstation

Derweil warnt eine Hilfsorganisation vor einer Flüchtlingskrise in Lesbos. Die ­Insel stehe «am Rande des Zusammenbruchs», erklärte das Hilfswerk Inter­national Rescue Committee (IRC) am Dienstag gemäss Agenturen. Die Behörden kommen mit der Registrierung der Ankömmlinge kaum nach. Am Montag waren nach Angaben der IRC rund 6500 Flüchtlinge auf Lesbos. Die Fähren zum Festland seien aber bis Mitte kommender Woche ausgebucht, sagte der IRC-Koordinator auf Lesbos, Kirk Day. Wenn nicht bald weitere Schiffe zur Verfügung gestellt würden und der Andrang weiter anhalte, könnten bis zu 20'000 Flüchtlinge auf der 90'000-Einwohner-Insel stranden, auf der sich im Sommer zudem Tausende Touristen aufhalten.

Gemeinsam mit seinem griechischen Freund hat Hofland gestern eines der beiden Flüchtlingscamps auf der Insel besucht und sich dort mit zwei jungen Syrern länger unterhalten. Die Männer seien drei Tage mit dem Bus in die Türkei unterwegs gewesen, dann hätten sie die fünfstündige Überfahrt im Schlauchboot gewagt. «Lesbos ist für sie nur eine Zwischenstation, sie möchten weiter, nach Holland oder Deutschland.»

Erstellt: 20.08.2015, 20:44 Uhr

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Die Lösung

Asylgesuche

Bern hält an Prognose fest

Im Gegensatz zu Deutschland hat das Schweizer Staatssekretariat für Migration (SEM) die Prognose der Asylgesuche für dieses Jahr nicht verändert. Gerechnet wird weiterhin mit insgesamt 29'000?Anträgen, was 0,36 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen würde.

SEM-Sprecherin Gaby Szöllösy sagt: «Die Situation in der Schweiz lässt sich nicht mit derjenigen in Deutschland vergleichen.» Deutschland erhalte mehr Asylgesuche von Personen aus Syrien und dem Westbalkan als die Schweiz. «Ausserdem hat das sogenannte 48-Stunden-Verfahren, also die rasche Behandlung von Asylgesuchen aus Ländern des Westbalkans, dazu geführt, dass diese Personen die Schweiz tendenziell meiden. Bei uns bilden Asylbewerber aus Eritrea die grösste Gruppe.»

Anfang August hat das SEM die Prognose für das aktuelle Jahr zum letzten Mal überprüft. Mit Schwankungen von 2500?Personen darüber oder darunter hält es an seiner Schätzung fest. Für ­dieses Jahr werde es keine weitere Überprüfung der Prognose mehr geben. Die nächste kommt im Spätherbst, dann ­allerdings für das Jahr 2016. Szöllösy betont zudem, dass der Anteil der Asylgesuche in der Schweiz im Vergleich zum europäischen Total gesunken sei.

Tatsächlich ist der Anteil der Schweizer Gesuche so klein wie noch nie seit Beginn der Statistik im Jahr 2000. Nur 3,8?Prozent aller Gesuche in Europa wurden in der Schweiz eingereicht. In der Schweiz steigt die Anzahl der Asylgesuche deutlich langsamer als in anderen Ländern: Von 2013 auf 2014 wurden hierzulande 11 Prozent mehr Gesuche eingereicht. In Deutschland waren es hingegen 58 Prozent und in Österreich um 60 Prozent mehr. (sly)

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