Türken drohen mit Invasion: 6 Fragen zur möglichen Eskalation

Die USA machen der Türkei den Weg frei für einen Einmarsch in Syrien. Warum jetzt? Was plant Trump – und was erwartet die Kurden?

Angespannte Lage in der Region: Gepanzerte Fahrzeuge an der türkisch-syrischen Grenze. Foto: Baderkhan Ahmad/Keystone

Angespannte Lage in der Region: Gepanzerte Fahrzeuge an der türkisch-syrischen Grenze. Foto: Baderkhan Ahmad/Keystone

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Donald Trump hat der Türkei einen Freipass für einen Einmarsch in Nordsyrien gegeben. Was hat die Türkei vor?
Die Türkei werde eine «Militäroperation zu Luft und Land» starten, hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan angekündigt. «Wir haben unseren Operationsplan abgeschlossen, die nötigen Instruktionen sind erteilt.» Erdogan hat den Einmarsch, den er schon fürs Wochenende angekündigt hatte, am Sonntag mit Donald Trump per Telefon abgesprochen: Die Türkei werde bald ihre lange geplante Operation in Nordsyrien beginnen, heisst es in einer Erklärung des Weissen Hauses. Die USA würden sich nicht an dem Vormarsch beteiligen, die US-Truppen würden nicht länger in der Region sein. Der Abzug Hunderter amerikanischer Soldaten aus der Region hat begonnen.

Was ist das Ziel der Türkei?
Erdogan will die kurdische YPG-Miliz vertreiben, welche heute die Grenzregion kontrolliert. Ankara betrachtet die Kämpfer als Terroristen, sie seien ein Ableger der in der Türkei verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und eine Gefahr für das Land. Die USA und die Türkei hatten letzten Monat die Errichtung einer Sicherheitszone entlang der nordsyrischen Grenze vereinbart. Doch konnte man sich nicht über deren genaue Ausgestaltung einigen. Die Türkei verlangte ein Gebiet von 30 Kilometer Tiefe, die USA sprachen von fünf Kilometern. Zudem forderte Erdogan ultimativ die Vertreibung der Kurdenmilizen. In dem Gebiet will die Türkei bis zu drei Millionen Flüchtlinge ansiedeln. Derzeit beherbergt die Türkei 3,6 Millionen Menschen, die aus Syrien vertrieben worden sind.

Warum hat Trump der Türkei grünes Licht für einen Einmarsch gegeben?
Donald Trump hat schon im Dezember den Sieg über die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) erklärt und einen Abzug der Truppen aus Syrien angekündigt. Er will die Soldaten nach Hause bringen und die USA aus der kostspieligen Rolle des Weltpolizisten herausnehmen, das hatte er im Wahlkampf versprochen. Die Verantwortung für Syrien will er offenbar an die Türkei abgeben. Ankara soll auch verantwortlich werden für die IS-Gefangenen, die in der Region festgehalten werden, unter ihnen viele ausländische Kämpfer auch aus Europa. Die US-Regierung hat die Europäer immer wieder aufgefordert, ihre Bürger zurückzuführen. «Die USA werden sie nicht für viele Jahre gefangen halten unter grossen Kosten für die amerikanischen Steuerzahler. Die Türkei wird nun verantwortlich sein für die IS-Kämpfer, welche die letzten zwei Jahre festgenommen worden sind», erklärte das Weisse Haus.

Der Abzug Hunderter amerikanischer Soldaten aus der Region hat begonnen.

Gibt es Widerstand gegen Trumps Entscheid?
Ja, massiv. Experten im Aussen- wie im Verteidigungsministerium sind gegen den Abzug. Der Islamische Staat gewinne wieder an Stärke, sagen sie. Zudem sei eine US-Truppenpräsenz in Nordsyrien nötig zum Schutz der alliierten Kurden, aber auch als Gegengewicht gegen den Iran und gegen Russland, die den syrischen Machthaber Bashar al-Assad unterstützen. Die Türkei in den Norden Syriens zu lassen, bedeute ein Maximum an Destabilisierung für die ganze Region, kritisiert eine demokratischer Abgeordneter: «Die Kurden werden den USA nie wieder trauen. Sie werden sich neue Alliierte suchen.» Bereits die Ankündigung vom Dezember, sich aus Syrien zurückzuziehen, hatte zu Protest geführt. Trumps damaliger Verteidigungsminister Jim Mattis trat danach zurück.

Was bedeutet das für die Kurden?
Die USA überlassen ihre bisherigen, treuen Alliierten im Kampf gegen den IS ihrem Schicksal. Die US-Truppen würden abgezogen, um den Türken «aus dem Weg zu gehen», machte ein Beamter in Washington gegenüber der «New York Times» klar. Wenn es zu Kämpfen zwischen der Türkei und den Kurden komme, werde Washington sich aus dem Konflikt heraushalten. Dabei ist nicht nur die Türkei zum Kampf entschlossen, sondern auch die Kurden: «Wir werden nicht zögern, jeden unprovozierten türkischen Angriff in einen totalen Krieg zu verwandeln», heisst es in einer Erklärung.

Könnte ein Vorstoss der Türkei den Krieg in Syrien neu entfachen oder gar noch ausweiten?
Die Gefahr besteht. Der Einmarsch würde eine neue Front eröffnen, deren Verlauf noch unklar ist. Experten schliessen nicht aus, dass sich die Kurden mit dem syrischen Machthaber Assad gegen die Türkei verbünden könnten. Offenbar haben die letzten Monate entsprechende Gespräche mit Damaskus stattgefunden. Unklar ist auch, auf welche Seite sich Russland dann stellen würde: Moskau hat Assad vor dem Untergang bewahrt, ist aber auch mit der Türkei verbündet.

Erstellt: 07.10.2019, 12:16 Uhr

Hinweise auf türkischen Militäreinsatz in Syrien nehmen zu

Im Norden Syriens verdichten sich die Hinweise auf einen bevorstehenden Militäreinsatz der Türkei gegen die Kurden-Miliz YPG. US-Truppen räumten Beobachtungsposten in dem Grenzgebiet zur Türkei, wie ein US-Regierungsvertreter und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mitteilten. Erdogan erklärte am Montag, der Schritt folge auf sein Telefonat mit US-Präsident Donald Trump, in dem über die von beiden Seiten vereinbarte «Sicherheitszone» in dem Bürgerkriegsland beraten worden sei. Erdogan zeigte sich verärgert, dass der Aufbau der Zone nicht vorankomme. Das Präsidialamt in Washington erklärte, die USA würden sich nicht an dem von der Türkei geplanten Militäreinsatz beteiligen und ihn auch nicht unterstützen.
Erdogan hatte am Samstag erklärt, der Einsatz der Luftwaffe und von Bodentruppen im Gebiet östlich des Euphrats könne in den kommenden Tagen beginnen. Damit handelte es sich um Erdogans deutlichste Drohung mit einem Militäreinsatz, seit die Türkei und die USA im August die Einrichtung einer Sicherheitszone in Nord-Syrien verabredet hatten. Die Türkei will dort bis zu zwei Millionen syrische Flüchtlinge ansiedeln. Neben der Geschwindigkeit, mit der dieser Plan umgesetzt wird, entzweit die beiden Nato-Partner auch der Umgang mit der Kurden-Miliz YPG: Von der Türkei wird sie als Terror-Organisation einstuft, die USA aber haben das von der YPG angeführte Rebellenbündnis Syrische Demokratische Streitkräfte (SDF) im Kampf gegen die IS-Miliz in Syrien unterstützt. (Reuters)

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