Achtjähriges Mädchen wird zum Symbol gegen jüdischen Fanatismus

In Israel haben die Spannungen zwischen orthodoxen und säkularen Juden einen neuen Höhepunkt erreicht. Angefangen hat alles mit einer Attacke gegen das achtjährige Mädchen Naama Margolese.

Einst aus den USA nach Israel ausgewandert: Naama Margolese und ihre Mutter Hadassa. Bild: Keystone

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Israelische Frauenrechtlerinnen riefen in den letzten Tagen zu einem gewaltigen Protest auf. Tausende Menschen demonstrierten gegen die Diskriminierung von Frauen durch ultraorthodoxe Juden und skandierten Schriftzüge wie «Israel soll nicht wie der Iran werden» oder «Die Mehrheit bricht ihr Schweigen».

Dass ihr Marsch ausgerechnet durch Beit Shemesh, in der Nähe Jerusalems führte, ist kein Zufall. Denn in der konservativ-jüdischen Hochburg ereignete sich jüngst jener denkwürdige Vorfall, der den Stein erst ins Rollen brachte: Naama Margolese befand sich auf dem Schulweg, als sie plötzlich von mehreren Männern ultraorthodoxer Herkunft angefallen wurde. Sie bespuckten das achtjährige Mädchen und nannten sie eine «Prostituierte», wie die «New York Times» berichtet.

Grund für die Beschimpfung war die Kleidung von Margolese, die den religiösen Fanatikern zu freizügig erschien. TV-Crews, die über den Vorfall berichten wollten, wurden anschliessend in die Flucht geschlagen. Die weiblichen Reporterinnen bezeichneten die Ultraorthodoxen als «Shiksen», eine jüdische Bezeichnung für Dirne. Soldaten, die eingreifen wollten, wurden als «Nazis» abgetan.

Entsetzte Mutter

Hadassa Margolese zeigt sich gegenüber der Nachrichtenagentur AP entsetzt: «Es sollte doch möglich sein, dass jemand in einem ärmellosen T-Shirt und Hosen die Strasse entlang gehen kann, ohne dass er dabei schikaniert wird», sagt die Mutter von Naama, die mit ihrer Familie einst von Chicago nach Beit Shemesh auswanderte. «Das Einzige, was ich will, ist, dass ich friedlich zur Schule laufen kann», sagt das Mädchen.

Es dürfte nicht das erste Mal sein, dass ultraorthodoxe Juden jemanden aufgrund seiner Kleidung verurteilen. Doch seit die Aufmachung der Achtjährigen als «unanständig» beschimpft wurde, ist die Intoleranz der Religionsfanatiker das dominierende Thema in der israelischen Presselandschaft. Das Foto von Namaa zierte seither die Titelseiten sämtlicher grossen Tageszeitungen.

Das Mädchen befindet sich im Zentrum eines innerreligiösen Zwists, der mit den Demonstrationen dieser Woche einen neuen Höhepunkt erreichte. Die Auseinandersetzung hat sich längst zu einer Staatsaffäre ausgeweitet: Selbst Israels Präsident Shimon Peres rief am Dienstag seine Landsleute dazu auf, religiöse Fanatiker in die Schranken zu weisen. Die gesamte Nation müsse mobilisiert werden, um die Mehrheit aus den Händen einer kleinen Minderheit zu befreien, sagte er.

«Wir wollen unsere Stadt und Häuser retten»

Die Haredim genannten ultraorthodoxen Juden griffen bei mehreren Gelegenheiten die Polizei an, als diese in der Hauptstrasse von Beit Shemesh versuchte, Schilder zu entfernen, die zur Trennung der Geschlechter aufforderten. «Wir wollen unsere Stadt und Häuser retten», sagt Dov Lipman, ein 40-jähriger Rabbi und Aktivist, gegenüber der «New York Times». Die selbsternannten «Rettungsaktionen» gipfeln meist in Attacken auf das weibliche Geschlecht. Israelische Medien berichteten zuletzt wiederholt von Attacken auf Frauen. Etwa, dass Frauen sich weigerten, die in manchen Buslinien geltende Geschlechtertrennung einzuhalten und deshalb angegriffen wurden.

Die in den 1980er-Jahren auf Druck der Ultraorthodoxen eingeführte Regelung sieht vor, dass sich Frauen hinten hinsetzen. Frauenrechtlerinnen beobachten mit Sorge, dass die Ultraorthodoxen zunehmend aktiv für die Anwendung der religiösen Geschlechtertrennung eintreten.

(mrs)

Erstellt: 29.12.2011, 13:03 Uhr

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