Ägypten sperrt Palästinenser aus

Die Hamas ist zunehmend auf sich allein gestellt: Kriege und Krisen in der Region drängen den ­Palästinenserkonflikt in den Hintergrund.

Kein Durchgang: Der Grenzübergang Rafah zu Ägypten ist nur für Verwundete geöffnet. Foto: Ibraheem Abu Mustafa (Reuters)

Kein Durchgang: Der Grenzübergang Rafah zu Ägypten ist nur für Verwundete geöffnet. Foto: Ibraheem Abu Mustafa (Reuters)

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Anders als im Krieg vor zwei Jahren steht Gaza heute praktisch allein im Kampf gegen Israel. Besonders die fehlende Hilfe Ägyptens macht sich bei den Palästinensern schmerzhaft bemerkbar. Seit dem Sturz des Islamisten-Präsidenten Mursi und seiner Muslimbruder-Regierung in Kairo vor einem Jahr könnte es schlechter kaum laufen für die Hamas. Als Israel 2012 Luftangriffe fliegen liess, hatte Mursi noch seinen Premier Hisham Kandil in den Gazastreifen geschickt. Dessen Vermittlungserfolg galt als Beweis, dass auch das postrevolutionäre Ägypten seiner klassischen Aufgabe als Mediator im ältesten Nahostkonflikt gerecht werde – und als Beleg für die engen Beziehungen der beiden Islamisten-Organisationen: Die Hamas ist eine Tochter der Muslimbruderschaft.

Nur Monate später wurde eben dies zur Bürde: Der Sturz der Islamisten-Regierung in Kairo traf die Hamas ins Mark. Die neue ägyptische Regierung hat die meisten Tunnel in den von Israel abgeriegelten Gazastreifen zugeschüttet, also fehlt – neben Schnickschnack wie Poulet von Kentucky Fried Chicken – Zement, Benzin, Medikamente, kurz: alles. Ägyptens Medien dämonisieren die Hamas – und mit ihnen gleich alle Palästinenser – als Komplizen der Mursi-Regierung. Die Muslimbrüder und die Hamas, so die offizielle Lesart, hatten an der Zersetzung und Ausplünderung Ägyptens teilgenommen. Zahlreiche Prozesse gegen Muslimbrüder, darunter jener gegen Mursi selbst, drehen sich heute um die Kollaboration mit dem Feind, und dass dieser eigentlich ein arabischer Bruder, sogar ein Widerstandskämpfer gegen ­Israel war, fällt dabei unter den Tisch. Sowohl die Muslimbrüder als auch die Hamas sind für Ägypten heute Terror­organisationen.

Grenzübergang geschlossen

So war es für viele ein Zeichen stiller Übereinkunft mit Israel, dass Ägypten den aktuellen Schlag gegen die Hamas lange fast schweigend hinnahm. Man spreche mit allen Seiten, hiess es aus Kairo. In Gaza habe sich niemand gemeldet, entgegnete die Hamas. Der Grenz­übergang Rafah – für viele Palästinenser der einzige Weg hinaus – blieb bis Donnerstag geschlossen und wurde dann nur für Verwundete geöffnet. Ansonsten kreist Ägypten um sich selbst: Preiser­höhungen für Benzin und Strom, Proteste – und ein paar mässig böse Worte an die Adresse Israels.

Die tektonischen Verschiebungen in der arabischen Welt haben den Palästinenserkonflikt auf erstaunliche Art schrumpfen lassen. Syrien im Krieg, der Irak vom Zerfall bedroht, der Libanon und Jordanien von Flüchtlingen überwältigt. Da wirkt die Hamas fast wie eine alte Bekannte. Aber eine, deren Getöse der Rest der Region gerne mal überhört.

Die Hamas, immerhin, war eine Regierung

Vielleicht kommt eines Tages der ­Moment, an dem sich alle die Hamas ­zurückwünschen. Israel, weil ein diffuser Haufen noch radikalerer, frömmelnder Grüppchen im Gazastreifen die Oberhand gewinnt: unkontrollierbar und überhaupt nicht mehr ansprechbar. Ägypten, weil eben jene Extremisten die Jihadisten auf dem Sinai weiter erstarken lassen; dabei ist die Halbinsel schon jetzt eine Brutstätte der Folter, der Entführungen, der absoluten Staatslosigkeit. Ja, vielleicht sogar die Palästinenser. Die Hamas, immerhin, war eine Organisation, eine Regierung. Was danach kommen könnte, ist ungewiss. Ein Blick in die Region zeigt, dass der Sturz einer Regierung selten zu ruhigen Verhältnissen geführt hat.

Dieser Moment – ein Ende der Hamas-Regierung im Gazastreifen – wird seit geraumer Zeit mit wachsender Erwartung ventiliert, und dies keineswegs nur von Ägypten. Mit Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas im Westjordanland liegt sie im Streit über die Bezahlung der Hamas-Beamten, die Abbas – Einheitsregierung hin oder her – nicht übernehmen will. Der Nachschub an Waffen dürfte schwieriger werden, denn mit Syrien, einst Exilheimat für die Hamas-Spitze, hat sie sich nach dem Ausbruch des Aufstands überworfen. Dies wiederum trübt das Verhältnis der Palästinenser zum Iran, einem weiteren sonst zuverlässigen Verbündeten im Kampf gegen den Erzfeind Israel. Umso bemerkenswerter ist da die Sorglosigkeit, mit welcher sich die Islamisten in diese neue Konfliktrunde mit Israel geworfen haben.

Erstellt: 10.07.2014, 22:44 Uhr

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