Interview

«Al-Qaida ist wieder sehr stark verankert»

In Benghazi starb der US-Botschafter, in Sanaa, Kairo und Teheran kocht die Volksseele. Wie die wütenden Proteste in der muslimischen Welt zu werten sind, erklärt der Nahostexperte Henner Fürtig.

Feindbild USA: Auch im Jemen kam es am Donnerstag vor der US-Botschaft zu Protesten.

Feindbild USA: Auch im Jemen kam es am Donnerstag vor der US-Botschaft zu Protesten. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Fürtig, kommt es wegen eines islamfeindlichen Trash-Movies zum Flächenbrand?
Es erinnert ganz fatal an die Reaktionen auf die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Presse. Was das Ganze etwas komplizierter macht, ist die Nähe zu 9/11, die Tatsache, dass die ersten Anschläge in der Nacht zum 11. September erfolgt sind und dass man gerade im Fall von Libyen durchaus den Verdacht haben darf, dass das Datum ganz bewusst gewählt wurde.

Die US-Geheimdienste glauben, es habe sich in Benghazi um einen gezielten Anschlag der al-Qaida gehandelt. Wie plausibel ist das?
Es ist durchaus nachvollziehbar, dass man diesen Verdacht hegt. Ich kann nicht verhehlen, dass ich ihn letztendlich auch habe, wobei es auf der anderen Seite in Libyen auch sein kann, dass sich eine spontane Gruppe zusammenfand – bei der enormen Verbreitung von Handfeuerwaffen bis hin zu Panzerfäusten, die de facto in jedem Keller lagern. Ich will also nichts ausschliessen, aber es spricht einiges für einen geplanten Anschlag.

Zu Ghadhafis Zeit trat die al-Qaida in Libyen praktisch nicht in Erscheinung. Wie stark ist al-Qaida heute?
Sie ist auf jeden Fall wieder sehr stark im politischen Geschehen des Landes verankert und aktiv. Natürlich ist Ghadhafi sehr intensiv und brutal gegen den islamistischen Untergrund vorgegangen, aber er war in Libyen traditionell eine starke Grösse. Man darf nicht vergessen, dass die Libyer nach Saudiarabien das grösste arabische Detachement in Afghanistan stellten. Sie waren ein wichtiger Bestandteil der Mujahedin in den Afghanistankämpfen. Nach dem Ende des Krieges haben sie natürlich versucht, wieder nach Libyen zurückzukommen. Jetzt, nach dem Tod Ghadhafis, haben sie andere, bessere Existenzbedingungen. Sie sind einfach stark.

In Kairo werden neue Krawalle vor der US-Botschaft gemeldet. In Sanaa wurde das Botschaftsgelände gestürmt. Im Iran sind 500 Demonstranten vor der Schweizer Botschaft aufmarschiert. Wie sind diese Proteste zu werten?
Im Iran ist aufgrund der schiitischen Staatsreligion eine Al-Qaida-Verbindung auszuschliessen. In Jemen ist al-Qaida sehr stark und könnte durchaus die Hände im Spiel haben. In Ägypten ist das eher fraglich, vor allem in der Hauptstadt Kairo. Ich sehe die Proteste gegenwärtig eher in der Tradition der Proteste auf die Karikaturen in der dänischen «Jyllands-Posten».

Der Stein des Anstosses, der Billigfilm, der den Propheten verunglimpft, blieb ja angeblich lange unbeachtet, bis ihn ein christlicher Ägypter auf Youtube gestellt haben soll. Schauspieler sagen jetzt, sie seien getäuscht worden, der angebliche Filmemacher ist untergetaucht. Was ist von all dem zu halten? Handelt es sich um eine gezielte Provokation?
Eine Verbreitung auf Youtube ist natürlich amorph. Man kann mit einem kleinen Anstoss eine enorme Wirkung erzielen. In den USA gibt es eine ganze Reihe von evangelikalen Predigern, die ganz offen ihren Islamhass leben und wir wissen, dass es da Verbindungen gibt. Wenn diese Leute auf die Idee kommen, das verbreiten zu müssen, gibt es kaum legale Mittel, um sie daran zu hindern. Dann gewinnt die Sache ein Eigenleben. Ich vermute da weniger eine lenkende Hand als vielmehr die Windgeschwindigkeit, welche die elektronischen Medien heute möglich machen.

Weshalb kann ein drittklassiger Film die Leute dermassen in Rage bringen?
Das Gleiche konnte man sich bei den Karikaturen fragen. Weil hinter diesen sehr geschmacklosen Äusserungen tatsächlich in der Region selber immer eine Absicht vermutet wird. Und damit hängt natürlich der ganze Rattenschwanz, die ganze Erfahrung mit westlichen Dominanzbestrebungen zusammen, dass man dem Westen solche Dinge zunächst erstmal immer zutraut und dann erst die Frage stellt, ob es wirklich geplante Aktionen waren oder ob da nicht Einzelne auf die Idee kamen. Wie gesagt, der Grundverdacht ist in der Bevölkerung des Nahen und Mittleren Ostens verbreitet und da kommt es bei einigen zu solchen Reaktionen.

Wie gefährdet sind jetzt US-Einrichtungen in islamischen Ländern? Und wie gefährlich ist es für Westler generell, sich in diesen Ländern zu bewegen?
Wenn es nicht zu weiteren Provokationen kommt, die das Geschehen weiter verschärfen und den Volkszorn anfachen, dann wird sich das in den nächsten Tagen wieder beruhigen. Der Anlass ist letztendlich doch zu nichtig, und es werden neue Ereignisse kommen, gerade im sehr schnelllebigen arabischen Frühling, die diese Dinge übertönen. Wenn es jetzt zu einer Zuspitzung kommt – wir wissen, zwei amerikanische Zerstörer sind vor die libysche Küste beordert worden – weiss man nicht, was in diesem Zusammenhang alles passieren kann. Aber, wenn es zu keiner weiteren Zuspitzung kommt, dann wird das Ganze wohl in Kürze im Sande verlaufen.

Erstellt: 13.09.2012, 17:08 Uhr

«Im Iran ist aufgrund der schiitischen Staatsreligion eine Al-Qaida-Verbindung auszuschliessen»: Henner Fürtig, Nahostexperte vom Giga-Institut in Hamburg.

Artikel zum Thema

Kairo: 200 Verletzte bei anti-amerikanischen Protesten

Ein islamkritischer Film hat im arabischen Raum für Ausschreitungen gesorgt. In Kairo wurden bei Tumulten rund um die US-Botschaft 200 Menschen verletzt – darunter auch etliche Polizisten. Mehr...

Albanischer Pass löste Panik in US-Botschaft in Berlin aus

Heute wurden Teile des US-Konsulats in Berlin geräumt. Es handelte sich um einen Fehlalarm. Nun ist bekannt, weshalb es überhaut zur Evakuierung kam. Mehr...

Wer ist der Macher des Mohammed-Films?

«Innocence of Muslims» löste in Ägypten und Libyen schwere Proteste aus. Der Filmemacher stand bald fest: Sam Bacile, ein 56-jähriger in Israel geborener Jude aus Kalifornien. Nun kommen Zweifel auf. Mehr...

Bildstrecke

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Blogs

Sweet Home Kindermenüs für Erwachsene

Wettermacher So wird der Winter

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...