Aleppo stirbt

In der umkämpften syrischen Stadt leiden Hunderttausende Zivilisten. Einer von ihnen ist Mahmoud. Auf Nachrichten antwortet er nicht mehr. Vielleicht ist er tot.

Die einstige Wirtschaftsmetropole ist weitgehend zerstört. Foto: Ammar Abdullah (Reuters)

Die einstige Wirtschaftsmetropole ist weitgehend zerstört. Foto: Ammar Abdullah (Reuters)

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Mahmoud hat sich einen sarkastischen Humor bewahrt, trotz der Bomben und Granaten, die einschlagen rund um sein Haus. Mahmoud wohnt in Aleppo, im Viertel Salaheddin, im Osten der Stadt, der von Rebellen kontrolliert wird. «Sorry, gleiche Scheisse wie gestern», schreibt er am Samstag auf die Frage, wie seine Nacht war – und schickt ein grinsendes Smiley hinterher. «Die Situation hier ist miserabel.» Am Tag zuvor seien sieben Bomben und Raketen in der Nachbarschaft explodiert, abgefeuert von der Luftwaffe des Regimes und russischen Kampfjets. Am Morgen habe eine Fassbombe seine Strasse getroffen, Soldaten rollten sie aus einem Hubschrauber. Mehr als 100 Zivilisten harrten hier noch aus, sagt er.

Er schickt Bilder. Ein Haufen grauer Schutt, meterhoch zwischen den vier- bis fünfstöckigen Häusern. Geborstener Beton auch im Eingang zu seinem Haus. Balkone sind heruntergebrochen, die metallenen Rollläden der Geschäfte bizarr verbogen. In seiner Wohnung hat die Druckwelle der Bombe alle Fenster bersten lassen, sie traf ein Nachbarhaus. Andere sind obdachlos geworden in den vergangenen Tagen. Sie wissen nicht, wohin. «Wir benutzen die Keller, um die Frauen und Kinder zu verstecken», schreibt Mahmoud. Die Kommunikation ist schwierig, eine Verbindung kommt meist nur für ein paar Minuten zustande. Manchmal reicht es, um über Internet miteinander zu sprechen, manchmal gehen nur Textnachrichten durch.

Er versucht nur zu überleben

Nicht jedes Detail seiner Schilderungen lässt sich prüfen, doch sie stimmen überein mit dem, was Hilfsorganisationen, Menschenrechtler und auch die UNO berichten. Mahmoud, der als Freiwilliger in einem improvisierten Krankenhaus arbeitet, ist glaubwürdig, er ist kein Kämpfer, gehört nicht zu einer der bewaffneten Brigaden.

Er versucht nur zu überleben in seiner Stadt, die eingeschlossen ist von der syrischen Armee und schiitischen Milizionären der Hizbollah und irakischer Gruppen, die von Offizieren der iranischen Revolutionsgarden befehligt werden. Nach monatelangen Kämpfen hatten sie Anfang Juli die Castello-Road eingenommen. Sie war die letzte Verbindung zur türkischen Grenze, der letzte Weg, über den Hilfsgüter in dieses seit 2013 zwischen Rebellen und Regierung geteilte Viertel der Stadt kamen – und auch Waffen sowie Munition.

Versorgung bricht zusammen

Jetzt wollen Rebellengruppen die Belagerung durchbrochen haben, was die Regierung bestreitet. Sicher ist: Die Kämpfe werden heftig bleiben. Und so sitzen nach UNO-Schätzungen weiter 250'000 bis 300'000 Zivilisten in der Stadt fest, deren Versorgung nach und nach zusammenbricht.

Den Menschen gehe das Benzin aus, berichtet Mahmoud, es gebe keine Verkehrsmittel mehr, keinen Strom. Ohne Sprit laufen die Generatoren nicht. Die Leitungen sind schon seit 2013 tot. Die Wasserpumpen gehen noch, aber wie lange? Sauberes Trinkwasser haben sie ohnehin nicht, nur Brunnen, aus denen sie salziges, trübes Wasser schöpfen.

Grafik: Die Kampfparteien in AleppoZum Vergrössern klicken.

Die Märkte sind geschlossen. «Wir müssen durch die ganze Stadt, um Lebensmittel zu suchen», sagt Mahmoud. Jeden Moment kann ihn eine Granate zerreissen, eine Bombe treffen. Bohnen haben sie noch und Auberginen, pro Familie gibt es jeden zweiten Tag rationiert sechs Fladen Brot – auch Bäckereien werden regelmässig zum Ziel von Angriffen. Was es noch gibt, ist doppelt so teuer wie vor der Belagerung. «Das Gas zum Kochen reicht bis Ende der Woche, dann müssen wir Holz verbrennen», sagt er.

Lebensmittel noch für vier Wochen

Andere Orte, etwa in Ghouta, dem Landwirtschaftsgürtel um Damaskus, können sich trotz Belagerung zum Teil selber versorgen. In Aleppo sei das unmöglich, sagt Mohammed Katoub, ein Arzt, der für die Syrian American Medical Society arbeitet. Es gibt keine Felder, kaum Holz. Er fürchtet, dass die Lebensmittel spätestens in vier Wochen ausgehen. Auch Schmuggelnetzwerke, über die noch Waren in andere Städte gelangten, würden in Aleppo nicht helfen. Das Problem sei die Zahl der Menschen. «Es ist etwas anderes, wenn 20'000 Leute versorgt werden müssen», sagt er. In Aleppo sind es 15-mal so viele. «Wenn die Belagerung bis in den Winter dauert, wird das eine Katastrophe.» Homs blockierte das Regime zwei Jahre lang.

Die von Russland und dem Regime vorgeschlagenen Fluchtkorridore würden die Menschen trotzdem nicht nutzen, sagt Katoub. Sie wollten in ihren Häusern bleiben, zudem sei die Flucht zu gefährlich. Im Durchschnitt fielen pro Tag 40 Fassbomben auf Aleppo, sagt er, auch in der Umgebung gebe es schwere Kämpfe. «Wie sollen da 300 000 Menschen geordnet die Stadt verlassen? Und wo sollen sie hin?» Die Regierung in Damaskus hat ein Auffanglager bereitgestellt – für 3000 Menschen.

Systematische Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen erhöhen den Druck. Das Regime und die russische Luftwaffe seien beide beteiligt am Bombardement, sagt Mahmoud. «Wir können ihre Flugzeuge sehen. Und wir hören, was sie über Funk mit ihren Kommandeuren besprechen.» 23 Angriffe habe es alleine im Juli auf Gesundheitseinrichtungen in Aleppo gegeben, sagt Katoub. Manche wurden mehrmals getroffen. Die improvisierten Operationssäle liegen unter der Erde, in Kellern von Krankenhäusern oder von anderen Gebäuden. Gerade werden einige verlegt oder befestigt, um sie besser vor Angriffen zu schützen.

Ärzte arbeiten rund um die Uhr

«Zugleich ist die Zahl der Menschen, die mit schweren Verletzungen kommen, wegen des Bombardements um 40 Prozent gestiegen», sagt Katoub, der sich in Gaziantep in der Türkei aufhält, aber ständig in Kontakt mit Mitarbeitern seiner Organisation in Aleppo steht. 35 Ärzte sind noch dort. 6 Chirurgen und 3 Orthopäden, die rund um die Uhr operieren. «Sie werden überwältigt vom Ansturm der Patienten», berichtet Katoub. Sie können nicht jedem helfen, müssen auswählen, wen sie operieren. Und entscheiden, wer vermutlich ohnehin nicht überlebt. Bald würden die Vorräte an Medikamenten und Verbandsmaterial zur Neige gehen, sagt Katoub.

Mahmoud entschuldigt sich. Er muss zurück ins Krankenhaus. Wieder ein Angriff, wieder werden Verletzte gebracht. Seit Samstagmittag hat er auf Nachrichten nicht mehr geantwortet. Niemand kann sagen, ob er nur gerade wieder tagelang durcharbeitet. Oder ob auch er tot ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2016, 22:52 Uhr

Die Hoffnung auf eine friedliche Lösung schwindet

Ohne Waffenruhe in Aleppo werden die Genfer Friedensgespräche kaum wieder aufgenommen.

Am 13. September beginnt in New York die UNO-Generalversammlung. Sie galt lange als das Forum, um auf höchster Ebene eine diplomatische Lösung für Syrien zu vereinbaren, die nach mehr als fünf Jahren Bürgerkrieg Frieden schafft. Vom 1. August an, so hatten es die UNO-Vetomächte, wichtige EU-Länder und Regionalstaaten Ende 2015 in Wien unter der Führung der USA und Russlands vereinbart, sollte in Syrien der politische Übergang beginnen, ein Jahr später waren Wahlen unter UNO-Aufsicht vorgesehen. Davon ist keine Rede mehr – derzeit ist nicht einmal sicher, ob die Friedensgespräche zwischen Regime und Opposition unter Vermittlung des UNO-Sondergesandten Staffan de Mistura in Genf überhaupt noch wieder aufgenommen werden.

Der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier, der lange dafür geworben hat, Russland einzubinden, sprach am Wochenende aus, was alle wissen: «Wenn eine militärische Lösung gesucht wird, dann ist Genf gestorben.» Es müsse sofort eine Waffenruhe geben für die umkämpfte Stadt Aleppo und Hilfslieferungen für die laut UNO bis zu 300'000 Eingeschlossenen.

Der Ostteil der Stadt wird von Rebellen kontrolliert, gemässigte unter ihnen von der Freien Syrischen Armee, aber auch radikale Islamisten. Und mutmasslich auch wenige Hundert Kämpfer der als terroristisch eingestuften Fateh al-Sham, der Nachfolgeorganisation der Nusra-Front. Das Regime von Bashar al-Assad und Schiitenmilizen unter iranischem Kommando belagern diese Stadtteile; im Juli hatten sie nach schweren Kämpfen die letzte Versorgungsroute abgeschnitten. Die russische Luftwaffe unterstützt die Angriffe. Viele der Bomben treffen Zivilisten, Wohnhäuser, Märkte, Bäckereien, Krankenhäuser.

Pessimistischer Obama

Deutlicher noch als Steinmeier wurde US-Präsident Barack Obama: «Ich bin mir nicht sicher, dass wir den Russen und Wladimir Putin trauen können, daher müssen wir sie testen», sagte er. Moskaus Vorgehen werfe «sehr ernste Fragen auf», ob es die Waffenruhe wiederherstellen und zu einer Verhandlungslösung beitragen wolle. Aussenminister John Kerry hatte seinem Kollegen Sergei Lawrow die lange geforderte weitreichende Militärkooperation in Syrien angeboten – dafür müssten aber Luftangriffe auf Rebellen aufhören, die von der Waffenruhe umfasst seien. Moskau hatte argumentiert, die USA müssten Daten liefern, welche Rebellen nicht bombardiert werden sollten und wo sich die Nusra-Front aufhalte.

Russlands Präsident hatte die Intervention in Syrien damit begründet, dem Terrorismus Einhalt bieten zu müssen – macht sich aber Assads Lesart zu eigen, dass die gesamte bewaffnete Opposition Terroristen sind. Aus Moskau hiess es, Vertrauen könne nur wiederhergestellt werden, wenn Washington bilaterale Themen «ehrlich» und «verantwortungsbewusst» angehe. Die USA seien weit davon entfernt, stets auf Augenhöhe mit Russland zu verhandeln, klagte Vizeaussenminister Sergei Riabkow. Im Westen sehen viele Verantwortliche darin eine Verzögerungstaktik, um in Aleppo militärisch Tatsachen zu schaffen. Gelände von den Rebellen zurückzugewinnen, sei Assads Priorität und auch die der Russen, sagt ein Nachrichtendienstler, der die Lage beobachtet. Obama liess zugleich erkennen, dass er kaum Optionen in Syrien sieht und sich nicht stärker engagieren wird: Ein Scheitern der Friedensgespräche werde nur dazu führen, dass Syrien noch tiefer im Krieg versinke, sagte er.
Paul-Anton Krüger, Kairo

(Tages-Anzeiger)

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