Als Eritrea noch das Land der Hoffnung war

Linke in der Schweiz begeisterten sich in den 80er-Jahren für den Befreiungskampf in Eritrea. Die Rebellen galten als diszipliniert, sparsam, geradezu schweizerisch.

Hilfsgüter für Eritrea. Das Bild wurde vermutlich 1986 aufgenommen. Archivfoto: Urs Wicki

Hilfsgüter für Eritrea. Das Bild wurde vermutlich 1986 aufgenommen. Archivfoto: Urs Wicki

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frühstück im «Coopi» am Werdplatz und dann los. So begann ein respektabler Zürcher Linker in den 70er-Jahren gerne seinen Tag. Doch das Vorhaben, das am 15. Januar 1980 im Restaurant Cooperativo, dem Stammlokal der Zürcher Revolutionäre, seinen Anfang nahm, war alles andere als alltäglich. Die Aktivisten an diesem Dienstag «verschwanden in einer Dieselwolke Richtung Sihlhölzli–Sihlhochstrasse–Allmend Brunau mit dem Ziel Sudan», schrieb damals der TA. Zwei Militärlastwagen, beladen mit Hilfsgütern wie Röntgenapparaten, Pingpongtischen und Schulmaterial, machten sich auf den Weg zu den Aufständischen in Eritrea, die seit Jahrzehnten für ihre Unabhängigkeit vom benachbarten Äthiopien kämpften.

Es war ein Befreiungskampf, der Linke in Europa elektrisierte: Da kämpfte eine kleine sozialistische, aber eben nicht stalinistische Guerillaarmee gegen den übermächtigen, von der Sowjetunion unterstützten Oberst Mengistu Haile Mariam, einen Diktator der übelsten Sorte. Organisiert hatte den Hilfs­transport das Schweizer Unterstützungskomitee für Eritrea unter der Leitung von Toni Locher – der heute Honorarkonsul Eritreas in der Schweiz ist.

Mit dabei waren Linke mit bis heute klingenden Namen: der Zürcher Peter Niggli etwa, bis vor kurzem Geschäftsführer des Hilfswerks Alliance Sud und schon damals als Ex-Anführer der Revolutionären Aufbauorganisation Zürich bekannt. Oder Koni Frei, heute Miteigentümer des Restaurants Volkshaus und einer der Gastro-Fürsten der Stadt. Oder die Bernerin Therese Frösch, später jahrelang Mitglied der Berner Stadtregierung und danach Nationalrätin der Grünen.

«Ich habe mich in meinen Jugendjahren sehr stark für Eritrea eingesetzt», sagt Frösch. Warum war Eritrea faszinierend? Obwohl sich die meisten Revolutionäre doch für Lateinamerika begeisterten – Kuba, Nicaragua, Chile? Immerhin nannte der spätere PR-Berater Klaus Stöhlker, ein Verehrer von Fidel Castro, seinen Erstgeborenen damals Fidel.

Auch die Frauen machten mit, als Soldatinnen, Lehrerinnen, Druckerinnen.

Eine Erklärung liefert der australische Autor Thomas Keneally, berühmt für seinen Roman «Schindlers Liste». 1987 besuchte er die Rebellen in Eritrea und geriet ins Schwärmen. «Als ich den ersten direkten Kontakt mit der Organisation der Eritreer hatte, löste sich der Gedanke von belagerten und hilflosen Afrikanern in Luft auf», schrieb Keneally in der «New York Times». Staunend beschreibt er das riesige Tunnelsystem, in das sich die Eritreische Volksbefreiungsfront (EPLF) eingegraben hatte. Dort gab es Autowerkstätten und Schulen, Labore für die Herstellung von Medikamenten, Spitäler mit Operationssälen, Befehlsbunker des Militärs. In einer Höhle wurde eine Zeitung gedruckt, anderswo gab es ein Filmarchiv, betrieben von einem Franzosen.

Auch Peter Niggli war beeindruckt von dem, was er in den befreiten Gebieten sah: «Die waren technisch versiert, hatten sogar einen eigenen Postdienst. Und militärisch stark.» Und überall wurde gelernt, studiert. «Kinder, die es kaum durch die Hungersnot 1985 geschafft hatten, duckten sich in Löcher, wenn die Jagdflugzeuge kamen – und wurden unterrichtet, als ob es um eine Zukunft der Boulevards und Computer ginge», schrieb Ke­neal­ly. Und Frauen machten mit, als Soldatinnen, Lehrerinnen, Druckerinnen.

Gleichberechtigte Frauen

Die EPLF, so scheint es, war eine idealtypische Befreiungsorganisation mit geradezu schweizerischen Tugenden: effizient, strebsam, sparsam, erfinderisch, aber auch wehrhaft und stolz. Sie schien die Gleichberechtigung von Frauen ernst zu nehmen, wandte sich gegen deren genitale Verstümmelung und respektierte trotzdem althergebrachte Traditionen. «Es war kein nationalistisches, sondern ein sozialistisches Projekt», erinnert sich Therese Frösch. «Die Gleichheit von Frauen, Religionsfreiheit – es waren emanzipatorische Ziele.» Hinzu kam (und kommt bis heute) eine anregende Prise Italianità: Eritrea war bis zum Zweiten Weltkrieg eine italienische Kolonie, geprägt auch vom italienischen Lebensstil.

Linke aus Grossbritannien, Frankreich, Deutschland oder der Schweiz erkannten in den EPLF-Anführern zudem Gleichgesinnte: Viele von ihnen waren ins Exil gegangen, als Eritrea bis 1974 noch gegen den alten Kaiser Äthiopiens, Haile Selassie, rebellierte. Als Studenten an europäischen Universitäten hatten die Eritreer die revolutionäre Lehre der 68er übernommen. Dazu gehörten auch die notorische Zerstrittenheit in Fraktionen und Tendenzen, die sich nicht selten gegenseitig bekämpften, das weit verbreitete Misstrauen gegen «Abweichler». Als in Äthiopien stalinistische Offiziere die Macht übernahmen, musste die EPLF ihre Ideologie jedoch nicht neu definieren – sie hatte sich schon vorher an China orientiert.

Die Aktion «Ein Lastwagen für Eritrea» war ein voller Erfolg. Die beiden Militärlastwagen, günstig gekauft aus ausgemusterten Beständen der deutschen Bundeswehr, erreichten Eritrea über Port Sudan im März 1980. Es folgten mehrere weitere Hilfslieferungen aus der Schweiz. «Ich habe für Eritrea wohl am meisten Zeit auf der Strasse verbracht», erinnert sich Therese Frösch. «Wir haben immer wieder Container gefüllt und verschickt.»

Die Unterstützung aus Europa lief gut – und der Befreiungskampf ebenfalls. Die EPLF erzielte beachtliche Erfolge, kontrollierte bis Ende der 1980er-Jahre den grössten Teil des Landes. Doch die eigentliche Wende brachte das Ende des Kalten Krieges: Das sowjettreue Regime in Äthiopien wurde gestürzt – dabei spielte die EPLF eine entscheidende Rolle. Diktator Mengistu Haile Mariam flüchtete (er lebt bis heute unbehelligt in Zimbabwe), Äthiopien bekam eine neue Verfassung. Und EPLF-Chef Isayas Afewerki übernahm im Mai 1991 mit seiner Armee die Hauptstadt Asmara. Zwei Jahre dauerte es noch, bis Eritrea 1993 formal als unabhängiges Land anerkannt wurde. Äthiopien gab seinen Anspruch auf das Territorium auf.

Viele Hoffnungen konzentrierten sich nun auf Eritrea. Seine Anhänger erwarteten die Gründung eines linken Musterstaates, der beweisen würde, dass es ein echte Alternative zu den korrupten Unrechtsstaaten gab, die in Afrika zu Dutzenden entstanden waren. Das neue Land wurde offizieller Empfänger von staatlicher Entwicklungshilfe, auch aus der Schweiz. In dieser Zeit entstand die sogenannte Diasporasteuer: ein damals freiwilliger Beitrag von Exil-Eritreern, die den jungen Staat aus der Ferne unterstützen wollten.

Doch über die Jahre wurden die Erwartungen enttäuscht. Afewerki liess eine neue Verfassung ausarbeiten. Doch sie wurde nie in Kraft gesetzt. Bis heute regiert der frühere Rebellenchef als Alleinherrscher, seine Partei ist die einzige zugelassene, Opposition wird nicht geduldet, nationale Wahlen fanden nie statt. Das Parlament, ein von der Partei einberufenes Gremium, trat zuletzt 2001 zusammen. Eine freie Presse existiert nicht – auf dem globalen Index der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt Eritrea den letzten Platz.

«Diffamierungskampagne»

Honorarkonsul Toni Locher räumt Mängel ein. Doch Berichte von Amnesty International oder der UNO, die von weit verbreiteten Misshandlungen, von Folter und dem Verschwinden von Oppositionellen schreiben, tut Locher als Teil einer «Diffamierungskampagne» ab. Eritrea brauche viel Zeit: «Der Aufbau einer neuen Nation ist ein langes Projekt; Eritrea setzt die Priorität nicht bei den westlichen Menschenrechten wie Pressefreiheit, sondern bei den sozialen Menschenrechten, etwa bei der Gesundheit.»

Tatsächlich hat Eritrea im afrikanischen Vergleich geringe Kindersterblichkeit, hohe Alphabetisierung und niedrige Infektionsraten bei Krankheiten wie Aids oder Malaria. Auch deshalb blieben einige Hilfsorganisationen bis vor wenigen Jahren trotz aller Kritik dort aktiv. Doch die zunehmende Repression kostete Eritrea auch die Unterstützung dieser Helfer. «In Eritrea können Nichtregierungsorganisationen heute nicht mehr frei arbeiten», klagte 2011 das Hilfswerk der evangelischen Kirche (Heks). «Heks-Projekte sind in einem Ausmass vom Staat vereinnahmt, das nicht mehr akzeptierbar ist.»

Empfindlicher traf das Regime in Eritrea vermutlich der Rückzug von Medico International, einer linken Hilfsorganisation, die schon seit den 1970er Jahren dort aktiv war. «Dieser Entscheid fiel uns nicht leicht, hatte doch unsere Zusammenarbeit mit der Eritreischen Befreiungsfront 1973 hoffnungsvoll und in solidarischer Verbundenheit mit den FreiheitskämpferInnen begonnen», schrieb die Organisation 2011. Doch die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen sei immer intransparenter, die Gesellschaft immer autoritärer geworden.

Immerwährender Krieg

Jeden Monat verlassen Tausende junge Leute Eritrea und versuchen, auf dem gefährlichen Weg durch die Sahara und über das Mittelmeer Europa zu erreichen. «Die Jungen haben nicht mehr den langen Atem, den die Alten hatten», sagt Locher. Früher hätten die Menschen klaglos über Jahrzehnte in kleinen Schritten den Befreiungskampf vorangetrieben. Heute geben die jungen Migranten an, vor dem Militärdienst zu fliehen. Die ehemaligen Verbündeten Äthiopien und Eritrea sind völlig zerstritten seit es 1998 einen blutigen Grenzkrieg gab. So befindet sich Eritrea in einem permanenten Kriegszustand, den die Regierung auch nutzt, um den eigentlich auf 18 Monate begrenzten Wehrdienst endlos auszudehnen.

Gleichzeitig sind die Exil-Eritreer eine wichtige Einkommensquelle – wie in anderen Ländern auch, die viele Arbeitsmigranten haben, etwa Nepal oder die Philippinen. Das Geld, das die Exilanten an ihre Familien nach Hause schicken, ist für die Volkswirtschaft unerlässlich. Wer Eritrea illegal verlassen hat, kann inzwischen für Besuche wieder zurückkehren, wenn er sich freikauft – durch die Unterzeichnung eines «Letter of Regret», einer Art Schuld­erklärung, und die Zahlung der Diasporasteuer, die direkt in die Staatskasse fliesst.

Für Therese Frösch begann die Ernüchterung schon bald nach Eritreas Unabhängigkeit, als ein enger Freund Opfer einer parteiinternen Säuberungsaktion wurde. Peter Niggli hatte sich schon vor der Unabhängigkeit von der EPLF abgewandt. «Das war eine diktatorische Organisation mit einem starken internen Geheimdienst», erzählt er. «Ich habe nie gedacht, dass das wunderbar wird.»Heute sieht Frösch das Land am Horn von Afrika als Teil einer ganzen Serie von Ländern, auf welche die 68er grosse Hoffnungen gesetzt hatten. «Emotional mag Eritrea für mich wichtiger gewesen sein», sagt sie. «Aber wir haben auch Mugabe in Zimbabwe unterstützt, wir haben für Nicaragua gekämpft. Rein intellektuell ist es das Gleiche: eine Reihe von Enttäuschungen.»

Locher hingegen sagt: «Ich habe eine längere Sicht. Die Regierung hat ein Modell der Entwicklung, das ich unterstützen kann. Ich fühle mich dem Land und seinen Menschen eng verbunden.» Locher macht weiter. Sein Unterstützungskomitee für Eritrea besteht nach wie vor. Er sammelt Spenden.

Erstellt: 03.09.2015, 21:45 Uhr

Artikel zum Thema

Eritreas wunderbarer Zug

Mit grossem Einsatz hat Eritrea die historische Bahnstrecke zwischen der Küste am Roten Meer und dem Hochland wieder aufgebaut. Heute ist sie nur noch eine Touristenattraktion. Mehr...

Darum misstraut Eritrea der Schweiz

Die Schweiz kritisiere die eritreische Regierung zu scharf, sagt Honorarkonsul Toni Locher. Das sei ein Fehler, denn Gespräche über Rückführungen wären möglich. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Robo-Adviser gehen offline

Das Wohnzimmer staubsaugen zu lassen, ist etwas andere, als das Vermögen anzuvertrauen: Robo-Adviser in der Schweiz sind auf dem Rückzug. Die Gründe.

Kommentare

Der geheime Eritrea-Bericht

Ein integral publizierter Bericht des Bundes zeugt von grosser Skepsis gegenüber Zusagen aus Asmara. Zu Recht, wie sich zeigt. Mehr...

Bund will Eritreer weiter aufnehmen

Fachleute der Migrationsbehörden ziehen nach einer Reise ins afrikanische Land eine ernüchternde Bilanz. Mehr...

«Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt»

Interview Mario Gattiker, Staatssekretär für Migration, ist nach einer neuen Erkundungsreise in Eritrea ernüchtert. Mehr...