An der Front ist der Teufel los

Afghanistan, Syrien, Irak oder Gaza: Die Berichte, die uns aus Krisenregionen erreichen, werden immer brutaler. Was sind das für Leute, die aus Kriegsgebieten berichten?

Der «Kriegsreporter» ist ein seltsamer Mensch: James Foley im September 2012 im syrischen Aleppo. Foto: AP Photo

Der «Kriegsreporter» ist ein seltsamer Mensch: James Foley im September 2012 im syrischen Aleppo. Foto: AP Photo

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Im Zoo von Kabul, vor dem Löwen­gehege. Da stürmt dieser Mann los, das runde Gesicht umrahmt von nachtschwarzen Locken und einem buschigen Bart. Was als Umarmung gedacht war, hatte mehr von einem Schraubstock. Der Taliban roch nach Kriegerschweiss. Wir waren uns zwei Jahre zuvor begegnet, an der pakistanischen Grenze. Inzwischen waren die Korankrieger in ­Kabul angekommen, hatten ihre Feinde vertrieben, entspannten sich. Junge Männer mit Gewehren alberten vor den Käfigen herum. Rundherum die Stadt, zertrümmert, zerbombt, ausgehöhlt wie ein kariöser Backenzahn. Die Taliban waren Hinterwäldler, empfanden selbst die Trümmerlandschaft um den Zoo als Cocktail aus Disneyland und dem Palast der Sünde. Und dann kommt auch noch der einzige Europäer, den er kannte: Für meinen dicken Taliban war das sehr ­aufregend.

Wir hatten uns kennen gelernt, als sich kaum einer interessierte für diese Gotteskrieger. Nur eine weitere Truppe frommer Kämpfer. Der Kommandeur, er sass beim Interview in Khost auf einer Blechkiste. Ab und an griff er hinein, reichte Bittstellern Bündel von Geld. Dann kam einer anderer herein, der war kein Bittsteller. Schwarzer Bart, schneeweisse Pluderhosen, Kajal dick um die Augen: Mullah Rocketi, der Grossmeister der Panzerfaust. Auch dieser «Commander» war überaus gastfreundlich. Es war vor dem 11. September. Als Reporter konnte man mit den Taliban reden, essen, bei ihnen wohnen.

Heute ist das anders. Der Jihad hat Fahrt aufgenommen, wird immer härter, gegen den Islamischen Staat (IS) wirken die frühen Taliban wie Aufwärmgymnastik. Kalif Ibrahim gibt keine Interviews. Täte er es, empfiehlt sich Zurückhaltung. Journalisten sind zum Ziel geworden, von ihren Regierungen werden Millionen gefordert. Zahlen sie, finanzieren sie die Entführer. Weigern sie sich, droht das Schwert. Jüngstes Beispiel ist der US-Journalist James Foley. Washington sagt Nein zu Lösegeld, einen festen Arbeitgeber hatte der freie Journalist nicht. Der Kalif liess ihn enthaupten, als «Botschaft an Amerika».

Die Medienkrieger des IS

Lange Jahre galt Peter Scholl-Latour als «der» deutsche Kriegsreporter. Mit 90 Jahren ist er nun gestorben, im Bett. Er flog um die Welt, schaute sich unerschrocken alles an. Zumindest in Indochina und Nahost wusste er, wovon er sprach. Ist der Journalismus heute ein anderer als seiner? Leider nein und leider ja. Der heutige Krisenjournalismus hat mit dem von Scholl-Latour wenig zu tun. Nicht nur der Jihad ist schneller geworden. Auch das Mediengeschäft dreht sich immer irrer um sich selbst. Der Klassiker Zeitung, Funk, Fernsehen ist von vorgestern. Heute machen Videojournalisten, Blogger, Internetjournalisten den «Mainstream-Medien» Druck, heizen das oft sinnlose Geschäft mit den «Frontline-News» an. Neue Medien und schnelle Technik machen manches einfacher: Mobiltelefone, BGAN-Satellitensender, Videoschalten per Skype.

Noch verrückter: Selbst der Islamische Staat mischt mit. Seine Medien-­krieger stellen ihre Schlachten ins Netz, die Hinrichtungen, Foleys letzte Minuten. Die Redaktionen verwenden bereits IS-Bilder, es gibt noch nichts anderes. Am Ende geben die Jihadis das Tempo vor, und das Schweizer Publikum schaut Kalifats-TV.

Jüngere Journalisten schreiben, drehen, bloggen, schiessen Bilder, am besten alles gleichzeitig. Schlecht bezahlt, riskieren sie einiges. Da schlägt sich einer durch nach Gaza, harrt aus im israelischen Bombenhagel. Die Texte, die er per E-Mail anbietet, sind undruckbar: Journalismus muss erlernt werden, auch wenn man schon bloggt.

Ein bisschen Landeskenntnis schadet auch nicht. 24 Stunden am Tag flimmern die Krisenspezialisten mit Weste, Helm und Mikro über den Bildschirm, ruckeln auf Youtube durchs Bild. Heute der Maidan in Kiew, morgen Kirkuk im Irak, dann Tripolis. Allzu ständige Bildschirmgesichter, die aus Städten berichten, deren Namen sie nicht aussprechen können. Wer hinsieht, begreift, was ­gestellt ist. Als Faustregel gilt, dass es halb so wild ist, solange der Korrespondent ins Mikro spricht und der Kameramann seine Bilder dreht, ohne zu wackeln. Sender wie CNN oder al-Jazeera leben davon. Wenn Krieg ist und Christiane Amanpour einfliegt, hat CNN die beste Quote.

Damit wird der Reporter zum Schauspieler, er steht hauptberuflich im Kugelhagel. Er tritt auf, als sei er Teil des Kriegs, wie der Peshmerga im Erdloch. Wenn der Moderator fragt: «Wie geht es dir, ist es gefährlich?», wird der Journalist selbst zur Nachricht, zur Geschichte. Deshalb gib es den «War-Reporter» schon als Barbiepuppe. Oder, wie ein ­Diplomat in Arbil beim Anblick eines ­gerade angereisten Journalisten sagte: «Kriegsreporter achten darauf, stets so auszusehen, als kämen sie gerade von der Front.»

Anekdoten aus dem Krieg

Dass mit dem Dresscode kann zwanghaft werden. Manche spazieren in der Hotellobby mit der Splitterweste umher. Wahrscheinlich würden sie am liebsten damit aus dem Flugzeug steigen oder ihr Kevlar-Jäckchen nach dem Duschen anziehen: Stahlgewitter im Frühstücksraum. Und dann die Anekdoten. Aus dem Krieg. Wie die vom dicken Taliban. Sie langweilen erst, wenn man sie vor demselben Publikum das dritte Mal zum Besten gibt. Bagdad, Grosny, Aleppo, Gaza: Zu hören ist solches Zeug immer, wenn die Medienmenschen zusammensitzen im Hotel. Was da geschossen wird und gebombt, wie da gerade noch mal überlebt wird an der Front. Alle drehen, bloggen, senden.

Der «Kriegsreporter» ist ein seltsamer Mensch. Er riskiert angeblich sein Leben, sucht nach der Wahrheit im Krieg. Er will «Zeugnis ablegen» über fürchterliche Dinge. Wobei die Wahrheit schlicht ist. Im Krieg wird geschossen, Menschen sterben, werden verletzt, vertrieben. Andere, fast immer junge Männer, verrohen. Sie begehen Verbrechen, die sie sonst nicht ungestraft begehen könnten. Das zu dokumentieren, ist wichtig. Es gehört zum journalistischen Kerngeschäft, ist aber nicht wichtiger als Parlamentsberichterstattung oder Opernkritik.

Und die Gefahr? Fotografen und Kameraleute – gut, sie gehen hohe Risiken ein, weil sie sehr, sehr nah dran sein müssen. Deshalb beklagen sie Tote und Verletze. Aber die Schreiber, die Funk- und Fernsehkorrespondenten: Luft rauslassen, tiefer hängen. Nüchtern betrachtet hält sich die Notwendigkeit eines Frontbesuchs in Grenzen. Die Aussagen der meisten Kämpfer ähneln denen von Fussballern: Es wird hart, wir geben unser Bestes, sind bereit zu sterben. Dennoch tragen viele Journalisten auch weit vom Geschehen vor der Kamera das Equipment, als wären Helm und Splitterweste festgewachsen. Dabei entwickeln sich die die gefährlichsten Lagen oft erst abends in der Hotelbar.

Ohne Sherpas geht hier nichts

Was die Krisenritter selten erzählen: Ohne einen fähigen Fixer ist fast jeder verloren, da kann er die Landessprache noch so gut sprechen. Der Einheimische kennt sich aus, hat Telefonnummern, kennt Strassen ohne Checkpoints, bringt einen überall hin. Das Verhältnis zwischen Fixer und Reporter ähnelt dem zwischen Sherpa und Bergsteiger – der eine macht die Arbeit, der andere erntet den Beifall. Dafür verlangt der Fixer viel Geld. Man kann es ihm nicht verübeln, sein Job folgt einer Konjunktur. Die Einnahmen aus drei Wochen Gazakrieg müssen seiner Familie für fünf Jahre Frieden reichen.

So trifft man an den Krisenplätzen die seltsamsten Vögel. Der Mann von der Wochenzeitung, ziemlich bekannt. Wo er auftaucht, wird geschossen. Tritt er aus dem Flughafen, wirft er sich auf den Boden, schreibt hochverdichtet Weltgeschichte. Oder der geachtete Kollege, der aus dem Haus eines Ghadhafi-Funktionärs einen alten Koran mitgehen lässt: ein Bibliophiler auf Dienstreise. Und die knallhart investigativen Rechercheure, die nach dem Sturz von Saddam Hussein ein ausgebombtes Islamistenlager in Kurdistan besuchen. Im Hotel erzählen sie von Chemikalien. Eine Giftgasfabrik? Angeblich haben sie aus den Pulvern einen Sud angerührt, ihn einer Katze vorgesetzt: «Das Zeug roch nach Mandeln.»

Der Reiz ist gross, jeder macht seltsame Sachen. Die Tour mit der US-Armee in Bagdad. Der Kommandeur der Einheit war berüchtigt. Er hatte zu Beginn des Kriegs mehrere tote Iraker auf die Kühlerhaube gebunden, war durch Tikrit gefahren. Wir kamen dennoch gut miteinander aus, er machte viele Zugeständnisse. Nur bei der Frage nach einer nächtlichen «Operation» schüttelte er den Kopf. Am Ende gab er nach. Also frühmorgens mit der US-Armee auf die Strasse. Durch das ungewohnte Nachtsichtgerät sind nur grüne Schlieren zu sehen. Irgendwann knallt es, alle rennen, schreien. Mitgerannt, im Dunkel einem Soldaten vor sein Gewehr gestolpert, und der Kommandeur schreit: «Where is the fucking journalist?» Dann treten sie die Tür ein, stürmen das Haus, nehmen einen Iraker gefangen. Angeblich al-Qaida, möglicherweise aber auch nur der friedliche Hausherr, wie er flehend beteuert.

Die Angst der Soldaten

Das Interessante daran sind die Menschen. Die GIs waren nervös. Vor dem Ausrücken hatten sie ihren Kriegstanz getanzt. Behängt mit Gepäck und Waffen, hatten sie sich Mut gemacht. Der Voodoo verriet mehr als das, was der Presseoffizier von sich gegeben hatte: Soldaten haben Angst.

Auch beim Reporter wird mehr Adrenalin ausgestossen als im Büro. Nur gibt das kaum einer zu. Immer sind die Kollegen erschüttert, wollen nur die Wahrheit ans Licht bringen. Dabei ist Krise oft einfach spannender als Pressekonferenz. Nur: Die Königsform des Journalismus ist es auch nicht. So ist manches grossartig, manches verlogen. Wenn Helikopter zu den im Gebirge gestrandeten Jesiden fliegen, ist klar, wer neben Wasser und Lebensmitteln mit an Bord ist: ein Fernsehteam. Gedreht werden aufwühlende Bilder. Der Korrespondent macht seinen Aufsager, in Reichweite der Scharfschützen natürlich. Dass auf dem Rückflug drei halb verhungerte Jesiden weniger mitfliegen wegen des Teams, dass eine Mutter mit den Kindern aus dem Hubschrauber gestossen wird beim Start – Pech. Oder, in den Worten einer «New York Times»-Journalistin, die dabei war: «Das war ein trauriger Moment.» Ach ja?

2007 legten die Israelis den Gazastreifen in Trümmer, alle Grenzen waren zu. Eine Hundertschaft Reporter wartete in Ägypten. Irgendwann war der Krieg vorbei, die Journalisten durften passieren, sollten sich in eine Reihe stellten. Unmöglich – jeder musste der Erste sein. Eine irische Reporterin, die Probleme hatte mit dem Pass, kniete am Ende weinend vor den Zöllnern.

Markenzeichen Augenklappe

Es heisst, Frauen brächten einen anderen Ton in die Berichterstattung. Stimmt, manche sehen genauer hin, zeigen mehr Herz. Aber die Fotografin im Tanktop in Libyen? Sie sah grossartig aus, kannte das Land aber nicht. Als ein Halbwüchsiger den Auftritt missdeutete, schimpfte sie über sexuelle Belästigung. Weniger risikofreudig sind Frauen auch nicht. Eine Reporterin bezahlte in Syrien mit dem Leben. Sie war ein Star der Szene, hatte zuvor ein Auge verloren, trug eine schwarze Augenklappe. Ein Markenzeichen, das auch dem Image diente.

Oder John Simpson, der Kriegsgott der BBC. In Kabul eingezogen 2001, als einer der Ersten lief er vor den Panzern her. Auch im Irak 2003 fuhr er an die Front, die Amerikaner bombardierten bei Arbil. Ein US-Pilot verwechselte Simpsons Jeep mit einem Vehikel der Saddamisten. Da stand Simpson dann mit zerrissenen Hosenbeinen: Im Livebericht erzählte er, dass er noch die Farbe der fallenden Bombe wahrgenommen habe. Neben ihm war sein kurdischer Übersetzer gestorben. Die letzten Bilder zeigten Blut auf dem Objektiv. Das kann man hochprofessionell nennen oder berufsbedingt deformiert.

Natürlich gibt es nicht nur die Eitlen, Uninformierten, Karrieristen oder die borderlinernden Kriegsjunkies, die Gewalt und Leid brauchen, um sich lebendig zu fühlen. Es gibt viele ernst zu nehmende Krisenreporter, sie machen riskante Dinge dann, wenn es journalistisch trägt. Sich als Fernsehmann nach Aleppo durchzuschlagen und in den Notspitälern zu drehen, ja. Aber nur waffenschwingende Rebellen, nein.

Geht es schief, schlägt die schwere Stunde der Chefredaktoren. Der Kollege oder die Kollegin waren immer «sehr erfahren, keine Draufgänger». Das klingt gut, und keinen trifft Schuld. Und was, wenn der Reporter Fehler macht? Oder doch unerfahren war? Vielleicht hat die Redaktion nie richtig nachgefragt, weil der Einsatz eines Freien umsonst ist, bis man seine Berichte sendet oder druckt.

Eines jedenfalls gilt für alle: Wenn der Krieg vorbei ist, sind die Reporter weg. Alle Ausgebombten sind abgeklappert, alle Witwen und Waisen interviewt, die Milizenführer befragt. Die Karawane zieht weiter. Es wird woanders geschossen. Nichts wie hin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2014, 19:18 Uhr

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