Assad greift zur mörderischen «Tulpe»

Die syrische Armee setzt in Homs angeblich die weltweit schwersten Mörser ein. In der syrischen Opposition werden die Rufe nach Bewaffnung lauter – die internationalen Freunde Syriens haben dafür kein Gehör.

Die Tulpe im Einsatz: Ein vermutlich russisches Video, angeblich aus dem Jahr 2005.


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Die syrische Armee soll beim Beschuss der Stadt Homs die «Tulpe» einsetzen, einen riesigen Granatwerfer zum Angriff auf verschanzte Ziele. Das meldet zumindest die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Der Mörser aus sowjetisch-russischer Produktion ist der schwerste Werfer, der von Streitkräften weltweit überhaupt eingesetzt wird. Seine 240-mm-Granaten wiegen etwa 130 Kilogramm, fliegen bis zu 10 Kilometer weit, beim Aufschlag explodieren 32 Kilo Sprengstoff.

Das Youtube-Video unten soll angeblich aus Homs stammen und die abgesprengten Leitwerkflügel zeigen, mit denen die Flugbahn von Mörsergranaten stabilisiert wird. Der Grösse nach könnten die Geschosse mit der «Tulpe» auf Homs – und damit auf Zivilisten – abgefeuert worden sein.

Die russische Armee setzte die «Tulpe» im Tschetschenien-Krieg gegen die Rebellen ein. Die Zahl der zivilen Opfer war entsprechend hoch. Der Werfer kam in den 70er-Jahren auf den Markt. Er kann auf Panzer montiert oder von LKW gezogen werden. Verschossen werden kann sogar Nuklearmunition. Syrien soll mindestens zehn «Tulpen» haben.

Zögerliche Freunde

Während die syrische Armee die Stadt Homs weiter bombardiert, hat sich in Tunesien eine «Freundesgruppe» aus Vertretern von über 70 Staaten und Organisationen gebildet, die auf ein Ende der Gewalt oder zumindest einen Waffenstillstand drängt.

Den «Freunden Syriens» gehören alle EU-Länder, Amerika sowie zahlreiche arabische Staaten an. Russland und China sind dem Treffen ferngeblieben. Der Freundeskreis drohte Assad mit «politischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Massnahmen», schloss aber eine militärische Intervention aus. Medien melden mit Verweis auf diplomatische Kreise, dass in Tunesien offenbar auch über eine UNO-Friedenstruppe gesprochen wurde, allerdings erst, wenn die Kämpfe aufgehört haben. US-Aussenministerin Hillary Clinton ­forderte in ihrer Eröffnungsrede den ­syrischen Diktator Bashar al-Assad zum sofortigen Waffenstillstand auf.

US-Republikaner wollen Waffen senden

Der oppositionelle Syrische Nationalrat SNC forderte in Tunis die internationale Gemeinschaft auf, den Aufstand gegen Assad mit Waffen «zur Selbstverteidigung» oder Militärberatern zu unterstützen – bislang ohne Erfolg. US-Präsident Barack Obama lehnte eine Bewaffnung der Rebellen ab. «Eine weitere Militarisierung in Syrien ist zu diesem Zeitpunkt nicht klug», sagte ein Sprecher des Weissen Hauses.

Zuletzt hatten sich prominente republikanische US-­Senatoren für Waffenlieferungen an die syrische Opposition ausgesprochen. Dies sei auch über «Drittwelt-Länder» und mithilfe der Arabischen Liga möglich, falls direkte Lieferungen nicht erwünscht seien. Der deutsche Aussen­minister Guido Westerwelle erklärte in Tunis, es gebe bereits Zerfallserscheinungen in der syrischen Führung um Präsident Bashar al-Assad.

Saudis unzufrieden

Der Freundeskreis erkannte den ­Nationalrat, eine aus einer Reihe von Oppositionsgruppen, als «eine legitime Vertretung» von Syrern an, die einen «friedlichen und demokratischen Wandel wollen». Der SNC hatte aber auf eine völkerrechtliche Anerkennung gehofft.

Unzufrieden mit dem Ergebnis zeigte sich der Aussenminister von Saudi­arabien, der die Konferenz unter Protest verliess. Prinz Saud al-Faisal habe damit deutlich machen wollen, dass es falsch sei, sich nur auf die Frage der humanitären Hilfe zu konzentrieren. Vielmehr müssten konkrete Schritte für den Schutz der syrischen Bevölkerung beschlossen werden.

Hilfeschrei aus Homs

Zwar lässt Präsident Assad am morgigen Sonntag in einem Referendum über eine neue Verfassung abstimmen, dennoch mehren sich die Rufe nach einer Bewaffnung. In Homs wächst unter dem heftigen Beschuss durch Assads Truppen die Wut. «Was tut überhaupt die Welt? Wir brauchen keine Erklärungen. Er (Assad) wird nie aufhören zu töten», so ein Einwohner von Homs gegenüber dem britischen «Guardian»: «Jeder Schutz für Zivilisten ist willkommen. Eine militärische Intervention ist willkommen. Wir wollen, dass das Blutvergiessen aufhört. Wir wollen das Ende von Bashar al-Assad.»

Nach Informationen der «New York Times» hatte ein Ermittlerteam der UNO unter Führung des Brasilianers Paulo Pinheiro Verbrechen dokumentiert, für die «die Spitze der Streitkräfte und der Regierung» verantwortlich seien. Auch die assadfeindlichen Kämpfer der «Freien Syrischen Armee» haben danach Vergehen begangen, wenn auch weit weniger.

Rotes Kreuz in Homs

Unterdessen bemüht sich Frankreich um zwei verletzte westliche Journalisten, die illegal eingereist waren und bei einem Angriff auf ein improvisiertes Medienzentrum in Homs verletzt wurden. Das Rote Kreuz erreichte nach wochenlangen Verhandlungen, dass gestern wenigstens verwundete Frauen und Kinder aus der Stadt evakuiert ­werden konnten.

Die EU wird am Montag ihre Sanktionen gegen Damaskus erneut verschärfen. Dem Vernehmen nach werden die Vermögen von sieben weiteren Ministern der syrischen Regierung in Europa eingefroren, und es wird ein Einreiseverbot gegen sie verhängt. Die wirtschaftliche Blockade Syriens ist mit der neuen Sanktionsrunde allerdings noch nicht komplett. Das vor allem von Frankreich geforderte Embargo gegen die syrische Phosphatindustrie scheiterte vorerst am Widerstand Spaniens, Italiens und Portugals. Phosphat gehört zu den wichtigsten Exportgütern Syriens, und Europa ist sein Hauptabnehmer.

Der Abschnitt über die «Tulpe» stammt von TA-Korrespondent Thomas Avenarius. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2012, 08:14 Uhr

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