Interview

«Assad ist verhandlungsbereit»

Jürgen Todenhöfer hat mehrere Gespräche mit Bashar al-Assad geführt. Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet bezeichnet der deutsche Publizist das Verhalten der USA im Syrienkonflikt als verantwortungslos.

«Assad ist ein kopfgesteuerter Mensch»: Der syrische Machthaber beim TV-Interview mit Jürgen Todenhöfer im Juni 2012.

«Assad ist ein kopfgesteuerter Mensch»: Der syrische Machthaber beim TV-Interview mit Jürgen Todenhöfer im Juni 2012. Bild: Keystone

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Bashar al-Assad stimmt der Chemiewaffenkontrolle zu. Überrascht Sie das?
Nein, weil Chemiewaffen die sinnlosesten aller Waffen sind, und für ihn eine Belastung. Assad ist kein irrationaler Abenteurer.

War die Zustimmung nicht viel eher seine letzte Möglichkeit den US-Militärschlag abzuwenden?
Obama hat im Kongress, anders als er sich erhofft hatte, noch keine Mehrheit für seine Intervention. Das ist wohl der Hauptgrund warum die Abstimmung und daher auch der Militärschlag fürs erste aufs Eis gelegt wurden. Nur Verhandlungen können diesen Krieg beenden.

Ist die Zustimmung zum C-Waffen-Deal der Anfang vom Ende des Kriegs?
Der Konflikt ist damit natürlich nicht gelöst. Es wurde nur eine Verschärfung abgewendet. Diese Gelegenheit kann und muss genutzt werden, um ernsthafte Verhandlungen zu beginnen – und zwar für beide Seiten ohne Gesichtsverlust.

US-Aussenminister John Kerry hat mit seiner Forderung zu den C-Waffen eine diplomatische Lawine ausgelöst. War dies seine Absicht oder nur eine unbedachte Äusserung?
Kerry hat in den letzten Wochen so viel gesprochen, dass es schwierig ist zu beurteilen, ob er dies bewusst oder unbewusst getan hat. Es spielt auch keine Rolle. Wichtiger ist, dass der russische Aussenminister Sergej Lawrow die Aussage zu einem geschickten Schachzug genutzt hat, den ich sehr begrüsse.

Könnten sich die USA dank Kerrys Aussage aus der politischen Isolation befreien, in der sie sich befinden?
Ich halte Kerry für einen schwachen Mann. Mit seinem Zickzack-Kurs hat er sich seinen Übernamen «Flip-Flopper» verdient. Er ist angetreten um friedliche Lösungen anzustreben und die kriegerische Ära unter Bush vergessen zu machen. Nun hat er aber die letzten Wochen damit verbracht, für einen Militärschlag der USA zu werben. Kerry hatte nie die Courage zu verhandeln, obwohl er Assad persönlich sehr gut kennt. Für mich ist das unverständlich.

Ist es nicht zwecklos eine diplomatische Lösung anzustreben? Assad zeigte sich jüngst nicht sehr verhandlungsbereit.
Weil stets sein Rücktritt gefordert wurde. Eine unprofessionelle Forderung. Die offizielle Haltung der USA lautet: Wir sprechen nicht mit Assad. Das ist verantwortungslos. Die Aufgabe der Politik ist nicht Kriege zu ermöglichen, sondern Kriege zu verhindern. Das aktuelle Vorgehen widerspricht der amerikanischen Tradition, mit dem Feind zu verhandeln: Nixon hat mit Mao gesprochen, Reagan mit Gorbatschow und Kissinger mit den Nordvietnamesen.

Glauben Sie wirklich Assad wäre gesprächsbereit?
Ich habe mich insgesamt fünfmal mit Assad getroffen. Über die letzten zwei Gespräche, die über fünf Stunden dauerten, waren die USA informiert. Im Mittelpunkt der Treffen stand seine, auch für mich überraschende, ausdrückliche Verhandlungsbereitschaft mit den USA. Mit teilweise sehr konkreten Überlegungen. Zum Beispiel äusserte Assad, auf meine Frage, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den USA bei der Bekämpfung von al-Qaida. Angesichts der Tatsache das Hunderte der al-Qaida-Kämpfer in Syrien aus Europa stammen, ein extrem wichtiger Vorschlag. Ich habe dazu ein Protokoll angefertigt, welches dem Weissen Haus vorliegt. Ich bin erstaunt, dass der Westen, der diese europäischen al-Qaida-Kämpfer tickende Zeitbomben nennt, bisher nicht auf diesen Vorschlag eingegangen ist.

Gibt es eine Erklärung für die Gesprächsblockade der USA?
Im Jahr 2003 beteiligte sich Assad nicht am Irakfeldzug, was ihm die USA stark verübelte. Der Hauptgrund liegt jedoch beim Iran. Der Einfluss Teherans reicht mittlerweile vom Irak über Syrien bis hin zu den schiitischen Teilen Saudiarabiens. Diese Vormachtstellung in der rohstoffreichsten Region der Welt ist den USA ein Dorn im Auge. Dass mit Syrien ein Verbündeter des Irans beseitigt werden soll, ist die einzig rationale Erklärung für die harte Haltung Washingtons.

Sie haben Assad mehrmals getroffen und lange Gespräche mit ihm geführt. Was genau will dieser Mann?
Man kann einen Menschen auch nach zehn Stunden nicht abschliessend beurteilen. Dieser Mann ist kein emotionaler Herrscher wie Muammar Ghadhafi es war, sondern rein kopfgesteuert. Sein Lebensziel war es Augenarzt zu werden, er wurde jedoch Politiker weil sein Bruder verstarb. Nun sucht er eine rationale Lösung zur Beendigung eines Kriegs, der nur Unheil über sein Land bringt. Der Konflikt ist eine Katastrophe für Syrien und das weiss Assad. Er hat mir gesagt, dass er zwei Ziele verfolgt: Erstens möchte er das säkulare und multiethnische Modell Syriens wieder herstellen. Zweitens möchte er al-Qaida und seine Verbündeten besiegen. Mit den anderen syrischen Rebellen ist er – auch wenn er zurzeit mit ihnen im Krieg liegt – zu Verhandlungen bereit.

Assad hat der Chemiewaffenkontrolle zugestimmt und der US-Militärschlag ist auf Eis gelegt. Was muss jetzt geschehen, damit ein Ende des Krieges herbeigeführt werden kann?
Einen Stellvertreterkrieg löst man dadurch, dass die Nationen, die dahinter stehen in die Verhandlungen miteinbezogen werden. Auf der einen Seite wären dies die USA, Saudiarabien und Katar und auf der anderen Seite Russland, Iran und Syrien. Auch jene Rebellen, die bereit sind, ihre Waffen niederzulegen und die Exilregierung – auch wenn sie in Syrien keine grosse Rolle spielen – gehören an den Verhandlungstisch. Die jetzige Situation muss genutzt werden, weil Verhandlungen besser sind als Kriege.

Die Rebellen sind entsetzt und zeigen sich alles andere als verhandlungsbereit.
Das ist nicht verantwortlich. Die USA wissen inzwischen, dass sie sich mit dem geplanten Militärschlag verrannt haben. Sie sind dabei das falsche Schwein zu schlachten. Wenn sie Assad ausschalten, bekommen sie es mit den drei stärksten Rebellengruppen zu tun. Nach über zwei Jahren Krieg sind diese radikalisiert und von der al-Qaida unterwandert. Es muss nun einen Weg geben, die USA aus der Ecke herauszuholen, in die sie sich selbst manövriert haben.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.09.2013, 23:01 Uhr

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«Ich halte Kerry für einen schwachen Mann»: Jürgen Todenhöfer.

Zur Person

Jürgen Todenhöfer (73) ist ein ausgewiesener Kenner Syriens. Bei seinen Besuchen im Land hat er schon mehrmals Gespräche mit den Rebellen und der Regierung geführt. Mit dem syrischen Machthaber unterhielt sich Todenhöfer bis heute fünfmal. Letztmals im Mai. Seine letzten zwei Treffen mit Assad wurden in Absprache mit der US-Regierung protokolliert.

Todenhöfer war von 1972 bis 1989 Mitglied des Deutschen Bundestages. Im Parlament politisierte er als CDU-Mitglied. Später verabschiedete er sich aus der Politik und hielt einen hohen Posten beim Burda-Verlag inne. Aus seinen Reisen in die Krisengebiete dieser Welt entstanden mehrere Bücher. Zuletzt: «Du sollst nicht töten: Mein Traum vom Frieden».

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