Analyse

Assads unverschämtes Glück

«In Syrien herrscht kein Bürgerkrieg», sagt der syrische Staatschef. Er profitiert davon, dass seine Gegner so zerstritten bleiben, wie sie es vom ersten Tag an waren.

Hält sich an der Macht, obwohl die meisten gegen ihn sind: Der syrische Präsident Assad 2010 in Paris.

Hält sich an der Macht, obwohl die meisten gegen ihn sind: Der syrische Präsident Assad 2010 in Paris. Bild: Reuters

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Bashar al-Assad scheint auf einem anderen Stern zu leben. «In Syrien herrscht kein Bürgerkrieg», sagt der Staatschef, der sich in seinen «Palast des Volkes» in Damaskus zurückge­zogen und jeden Bezug zur Realität verloren hat. Zur selben Zeit sitzen im nicht so fernen Doha, der Hauptstadt des Golfemirats Katar, ein paar Hundert syrische Regimegegner zusammen. Sie haben mit George Sabra einen neuen Chef gewählt, streiten aber weiter darüber, was nach Assads Fall kommen soll. Eine tragfähige, den eineinhalbjährigen Konflikt möglicherweise entscheidende Lösung ist nicht in Sicht. Doch, doch – es herrscht Bürgerkrieg in Syrien, schon viel zu lange. Assads unverschämtes Glück ist es bloss, dass seine Gegner so zerstritten bleiben, wie sie es vom ersten Tag an waren.

Auch deshalb – und nicht allein wegen mangelhafter Bewaffnung – kommen die Rebellen militärisch nicht vom Fleck. Bei jetzt schon 37'000 Toten ist das mehr als nur ein Armutszeugnis für diejenigen, die ihr Volk vom Diktator befreien wollen. Es wirft ein Schlaglicht auf das, was kommen dürfte, wenn sich Assads Führer­bunker-Pathos eher erfüllt, als er es selbst vielleicht denkt: «Ich lebe in Syrien, ich sterbe in Syrien.»

Kämpfen ohne Kommando

Auch wenn in Doha ein neuer Vorsitzenden der erweiterten Führung der syrischen Opposition gewählt wurde – es ist kein Durchbruch. Im vielköpfigen Generalsekretariat gibt es weiterhin keine Einheit, sondern dutzend­fache Zwietracht: Säkulare streiten mit Islamisten, Militante stehen gegen friedliche Aktivisten. Die feist gewordenen Exil-Oppositionellen zanken weiter mit den Vertretern der «örtlichen Revolutionskomitees» im Land. Dazu kommen ethnische Gruppen wie die ­Kurden oder die Vertreter kleiner Regionen: Sie vertreten Partikular­interessen. Daraus eine geschlossene Opposition mit zentraler Führung zu schmieden, kann nur zum Scheitern verurteilt sein. Im Land selbst ist es nicht besser: Die einzelnen «Brigaden» der Rebellen kämpfen ohne ein ­Oberkommando, koordinieren sich minimal, stehlen sich gegenseitig die Waffen.

Assads Armee mag erschöpft sein. Aber sie hat immer noch ein Ober­kommando. Die USA mögen an dem ­Oppositions-Sammelsurium von Doha vorbei ein weiteres Gremium anschieben, noch mehr Geld in undurchsichtige Kanäle pumpen, noch mehr Zeit verschwenden. Der Grundkonflikt bleibt: Es gab von Anbeginn keine einheitliche Front aller Regimegegner ausser dem «Nieder mit Assad». Das ist wenig, um ein Regime wie das in Damaskus zu stürzen. Und es ist viel zu wenig, um sich dabei einen Dauerstreit leisten zu können.

Das einzige Mittel, die syrischen Rebellen zur Vernunft zu bringen, ist das Geld, sind die Waffen. Die Türkei sowie die Golfstaaten Katar und Saudi­arabien sind die Hauptunterstützer der syrischen Opposition. Vom Golf kommt das Geld für die Gewehre. Weniger die Saudis als die Kataris betreiben aber eine Politik des Spaltens: Sie bevor­zugen radikalislamische Brigaden, während die weniger radikalen ­Gruppen ihre Patronen zählen müssen. Katar und Saudiarabien sind Partnerstaaten der USA und Europas. Allen gemeinsam ist ein vorrangiges Interesse: den Krieg in Syrien zu beenden, bevor er die gesamte Region, den gesamten Nahen Osten in den Abgrund reisst. Das müsste sich den Scheichs mit ihrer undurchsichtigen Syrien-Agenda mit dem nötigen Nachdruck vermitteln lassen.

Erstellt: 10.11.2012, 11:04 Uhr

Tomas Avenarius ist Nahostkorrespondent des «Tages-Anzeigers» in Kairo.

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