Aufbau funktioniert von unten

Der afghanische Staat mag gescheitert sein, aber es besteht Hoffnung.

Afghanische Frauen und Kinder geniessen den Blick über Kabul. Foto: AP

Afghanische Frauen und Kinder geniessen den Blick über Kabul. Foto: AP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn ich in den letzten Jahren von Besuchen aus Afghanistan zurückkam, wurde mir von Bekannten und Freunden die Frage gestellt, ob sinnvolle Entwicklungszusammenarbeit in diesem unsicheren Land überhaupt möglich sei. In letzter Zeit mehrten sich die besorgten Stimmen, denn im Dezember werden 40'000 Nato-Sol­daten aus Afghanistan abziehen.

Einige Beobachter hoffen, dass Anschläge zurückgehen, wenn die ausländischen Truppen – ein Feindbild für viele – das Land verlassen haben. Andere erwarten einen weiteren Zerfall der staatlichen Strukturen. Ich bin gemässigt optimistisch. Nach 35 Jahren Krieg und Gewalt gilt Afghanistan zwar als gescheiterter Staat – das heisst aber nicht, dass es keine positiven Entwicklungen gibt. So hat der Staat in den letzten zehn Jahren in den Bereichen Gesundheit und Bildung Beachtliches erreicht. Weil er es aber nicht schaffte, ein staatliches Gewaltmonopol zu etablieren und die Korruption einzudämmen, hat er bei den Bürgern ein Legitimationsproblem. Umso bedeutender ist es, wie viele Afghaninnen und Afghanen – trotz Boykott­aufrufen und Drohungen – an den Präsidentschaftswahlen teilnahmen.

Hilfe nützt oft indirekt

Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Welt, im UNO-Index für menschliche Entwicklung steht es an 169. Stelle. Lohnt es sich, Spenden- oder Steuergelder in die Entwicklung Afghanistans zu investieren? Ja, es lohnt sich: Helvetas zum Beispiel steckte dieses Jahr etwas mehr als sieben Millionen Franken in Ernährungssicherheit, Einkommensförderung, Schulbildung, Trinkwasser sowie in Erosions- und Hochwasserschutz. Oft sind die Projekte Kristallisationspunkte, um die herum zivilgesellschaftliche und kommunale Institutionen gestärkt werden.

So zum Beispiel im Kahmard-Tal im zentralen Hochland Afghanistans. Um ein weiteres Abholzen der bereits stark erodierten Berghänge zu verhindern und den Verbrauch von Brennholz zu verringern, wurden in 37 Dörfern Gemeinschaftsbacköfen eingerichtet, die mit Kohle aus einer lokalen Mine beheizt und sehr erfolgreich betrieben wurden. Als ein chinesisches Unternehmen die Mine übernahm, wurde der Nachschub an Kohle unterbunden. Der Bevölkerung gelang es jedoch, sich zu organisieren und ihre Interessen erfolgreich zu vertreten. Aufgrund ihrer Proteste haben es die lokalen Behörden zugelassen, dass die Gemeinden wieder Kohle beschaffen können und die Bäckereien ihren Betrieb wieder aufnehmen konnten.

Kleine, aber wichtige Schritte

Ereignisse wie dieses zeigen, dass Entwicklungsorganisationen zwar nicht die grosse Politik beeinflussen, aber Grundsteine für ein funktionierendes Zusammenleben und eine demokratischere Gesellschaft legen können. Am besten gelingt das über lokale Gemeinderäte. Sie treffen Entscheide, wie die Mittel zur Ent­wicklung ihrer Gemeinden eingesetzt werden. Sie sind es auch, die mit den Taliban, welche in allen Regionen des Landes – stärker oder weniger stark –präsent sind, verhandeln.

Im Lauf der Jahre konnte Helvetas so Vertrauen, Anerkennung und Akzeptanz aufbauen. Die Bevölkerung, die Dorfautoritäten und selbst lokale Stammesführer akzeptieren und schätzen die Arbeit. Diese Akzeptanz ist ein wesentlicher Teil der Sicherheit unserer Mitarbeiter. Trotzdem sind wir gefordert, die Risiken für Projektinvestitionen und vor allem für die Mitarbeiter sorgfältig und immer wieder neu abzuschätzen. Wenn die Gesundheit und das Leben unserer Mitarbeiter gefährdet wären oder wenn wir Schutzgelder entrichten müssten, wären dies Gründe, um Projekte zumindest temporär einzustellen.

Bisher sind private Hilfswerke keine expliziten Angriffsziele für die Taliban oder andere militante Gruppierungen. Ausserdem gehen wir davon aus, dass die Bevölkerung ihre Entwicklungsvorstellungen weiterhin verteidigen wird. Selbst kleine Entwicklungs­projekte erzielen so eine Langzeit­wirkung, die weit über verbesserte Infrastruktur oder bessere Familieneinkommen hinausreicht. Die aktive Zivilgesellschaft im Umfeld der Projekte ist sozusagen Staatsaufbau von unten her – und eine Chance für das zerrüttete Land.

* Kaspar Grossenbacher hat Helvetas-­Programme in Afghanistan, Pakistan, Bangladesh und Indien betreut.

Erstellt: 07.12.2014, 19:25 Uhr

Artikel zum Thema

Das amerikanische Eigentor

Irak, Syrien, Afghanistan: Immer wieder kämpfen Feinde der USA mit amerikanischen Waffen. Mehr...

Nato beschliesst neue Afghanistan-Mission

Die Aussenminister der Nato-Staaten haben grünes Licht für einen neuen Einsatz in Afghanistan gegeben. 12'000 Soldaten aus dem Westen sollen 300'000 Afghanen ausbilden. Mehr...

Obama ordnet neue Kampfeinsätze in Afghanistan an

Ab 2015 sollte die Nato in Afghanistan lediglich noch beraten, ausbilden und unterstützen. US-Präsident Barack Obama hat nun aber offenbar eine Kehrtwende vollzogen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Robo-Adviser gehen offline

Das Wohnzimmer staubsaugen zu lassen, ist etwas andere, als das Vermögen anzuvertrauen: Robo-Adviser in der Schweiz sind auf dem Rückzug. Die Gründe.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Weisse Pracht: Schneebedeckte Chalet-Dächer in Bellwald. (18. November 2019)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...