Ausgleich für die Ausbeutung

Ob Migranten vor Elend, Verfolgung oder Krieg flüchten, ist für Afrikaner unerheblich.

Versteckt in einem Maisfeld in Serbien sucht ein Flüchtling per GPS mit seinem Handy den Weg. Foto: Keystone

Versteckt in einem Maisfeld in Serbien sucht ein Flüchtling per GPS mit seinem Handy den Weg. Foto: Keystone

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Afrikaner verfolgen die derzeitige Flüchtlingsflut mindestens so gebannt an ihren Fernsehschirmen wie die Europäer – und nicht nur, weil sich unter den Gestrandeten auch ein Freund oder ein Nachbar befinden könnte. Auch in Afrika weiss man, dass die derzeitigen Ereignisse einen historischen Einschnitt markieren: Die Zeit, in der sich Staaten oder ein ganzer Kontinent von globalen Flucht- und Migrationsbewegungen abschotten konnten, ist endgültig vorbei. Schliesslich kann man nicht die Grenzen öffnen, um Volkswagen, Hühnchenteile oder Computersoftware in alle Welt zu exportieren – und erwarten, dass nach einer lebenswerten Existenz suchende Menschen an den niedergerissenen Schlagbäumen stehen bleiben.

Was man in Afrika nicht versteht, ist die den Europäern offenbar so wichtige Unterscheidung, ob es sich bei den Gestrandeten um Kriegsflüchtlinge, politisch Verfolgte oder «Wirtschaftsmigranten» handelt. Ob man aus der Heimat aufgebrochen ist, weil man beschossen wurde, eingesperrt war oder ein armseliges Leben ohne Zukunft führte, macht für einen Afrikaner keinen wirklichen Unterschied. Meist hängen die Übel ohnehin zusammen: Ein Eritreer macht sich wegen der würdelosen Armut auf den Weg, weil ihn seine Regierung zu einem endlosen Wehrdienst verdonnert und er in einem neuen Krieg mit Äthiopien sein Leben verlieren könnte.

Vernetzung und Globalisierung

Nun leben Afrikaner schon seit Jahrhunderten in jenem Bermudadreieck zwischen materiellem Elend, Verfolgung und Krieg – und haben sich trotzdem nie in diesen Massen auf den Weg gemacht. Das ist auch nicht verwunderlich, denn früher hätten sie gar nicht gewusst, in welche Richtung sie zu gehen hätten, geschweige denn, was sie am Ziel erwarten würde. Dagegen kennt die Bevölkerung eines Dorfes im Norden Nigerias die Strassen New Yorks heute wesentlich besser als diejenigen ihrer Hauptstadt Abuja, wofür unter anderem CNN und amerikanische TV-Serien gesorgt haben.

Doch damit nicht genug: In den vergangenen Jahren ist noch ein kleines Gerät hinzugekommen, das in England Mobile und in Deutschland Handy genannt wird: Für die Massenmigration ist es noch unverzichtbarer als Busse, Eisenbahnen oder Schiffe. Ohne das mobile Telefon würden sich die meisten Migranten gar nicht auf den Weg machen und vor allem: niemals ihr Ziel erreichen. Wer die Bilder aus Budapest sah, wird bemerkt haben, dass die am Bahnhof Gestrandeten ihre Smartphones benützten, um den Fussweg zur österreichischen Grenze zu finden. Auch wenn ein Flüchtling keinen Pass und keinen Kompass im Rucksack hat: Ohne sein Handy mit Ladegerät wird er die Heimat nicht verlassen.

Pro exportiertem Auto ein Migrant

Benötigt wird das mobile Telefon nicht nur, um vom Onkel in Deutschland zu erfahren, wie die Lage dort ist, oder herauszufinden, welches Land mal eben kurz seine Grenzen öffnet. Das Handy ist vor allem wichtig, um mit dem Schlepper in Kontakt zu treten (und zu bleiben) und im Bedarfsfall Geld über Western Union von der Familie zu ordern. Es ist das Kontaktmaschinchen, ohne das der Massenstrom nicht möglich wäre.

Da man den technologischen Fortschritt bekanntlich nicht zurückdrehen kann, ist davon auszugehen, dass mit Handy und findigem Schlepper ausgerüstete Migranten immer einen Weg in die Festung Europa finden werden. Statt mittelalterliche Mauern oder Stacheldrahtzäune hochzuziehen, tun die Europäer also besser daran, sich auf die entgrenzte Wirklichkeit einzustellen – dass über den Daumen gepeilt auf jedes exportierte Automobil ein Migrant aus der Gegenrichtung kommt, der sich vom Mercedes-Land nicht zu Unrecht ein besseres Leben verspricht.

«The chickens are coming home to roost», hört man Afrikaner heute sagen: «Das habt ihr Europäer nun davon, dass ihr euch Hunderte von Jahren lang auf unsere Kosten bereichert habt.» Sie glauben nicht daran, dass dieser Satz berechtigt ist? Dann wird es höchste Zeit, mal wieder ein Geschichtsbuch in die Hände zu nehmen. Als Lektüre zu empfehlen sind die Kapitel «Sklaverei», «Kolonialismus» und «Ausbeutung afrikanischer Bodenschätze».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2015, 04:16 Uhr

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