«Beim ersten Alarm war ich am Strand»

Zwischen Israel und Hamas herrscht Krieg. Der Zürcher Daniel Fanslau berichtet über den Alltag in Tel Aviv, das mit Raketen beschossen wird.

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Die Hamas greift mit Raketen auch Tel Aviv an. Wie viel Angst und Unsicherheit verspüren Sie?
Die Situation hier ist sehr viel entspannter, als die mediale Berichterstattung vermuten lässt. Die Menschen gehen weiter ihren Tätigkeiten nach, auch wenn die Strassen am Abend weniger belebt sind, da viele grosse Clubs und Restaurants geschlossen haben. Persönlich verspüre ich keine Angst. Und ich versuche, alles so normal wie möglich zu machen. Gestern Abend schaute ich den WM-Halbfinal am Strand, daneben fand eine Geburtstagsfeier statt. Spannungen gehen vor allem von der Uneinigkeit der Bevölkerung aus, welche Reaktionen gegen die Hamas angemessen sind.

Wie verhalten Sie sich, wenn die Alarmsirenen ertönen? Welche Regeln gilt es zu beachten?
Beim ersten Alarm am vergangenen Dienstag war ich am Strand und völlig überrascht. Intuitiv rannte ich mit den anderen Menschen in die nahe gelegenen Hotels. Grundsätzlich sollte man so schnell wie möglich einen Schutzraum aufsuchen. Ansonsten sind die Treppenhäuser am sichersten: Sie sind stabiler als der Rest des Hauses. Auch sollte man sich von Fenstern und Glas fernhalten. Ich bleibe dabei aber sehr ruhig – von einer Rakete getroffen zu werden, ist beinahe unmöglich.

Wie muss man sich den Alltag in Tel Aviv vorstellen?
Ich sitze gerade in einem Kaffee, als wäre es ein Tag wie jeder andere: Das Leben hier geht normal weiter. Es wird aber viel darüber gesprochen, oft auch mit viel schwarzem Humor. Beim ersten Alarm blieb etwa die Hälfte am Strand und badete weiter oder spielte Matkot. Dies zeigt das enorme Vertrauen der Menschen in die Luftabwehr, insbesondere den Iron Dome. Dass viele Israelis in die Armee eingezogen werden, beunruhigt die Menschen mehr als die eigentlichen Attacken. Traumatisch sind die Erlebnisse aber für die Kinder.

Spüren Sie Hass in der israelischen Gesellschaft?
Es gibt eine grosse Diskrepanz zwischen der Darstellung in den sozialen Medien und der Realität in Tel Aviv. Hass spürte ich bisher nur in den sozialen Medien, wo teilweise erschreckende Statements gemacht werden. Meine Gedanken sind mehr bei den jungen israelischen Soldaten und den palästinensischen Familien. Mit jedem Alarm in Tel Aviv werden Dutzende ihrer Häuser zerstört. Da erscheint meine Lage ungerecht privilegiert.

Sie haben israelische Freunde und Bekannte, die von der Armee eingezogen worden sind. Was denken sie über den möglichen Kriegseinsatz und den ewigen Konflikt mit den Palästinensern?
Einen möglichen Kriegseinsatz sehen viele als legitim an, da sie die Attacken auf Israel als Angriff auf Zivilisten werten. Natürlich sind alle für den Frieden, doch glaubt kaum jemand daran, dass dieser zustande kommt – viele sind konsterniert. Da der Konflikt bereits so lange andauert, scheinen die Menschen auf eine mögliche Eskalation vorbereitet – niemand ist überrascht. Viele kritisieren aber auch die israelische Regierung, dass sie den Konflikt für ihre Zwecke instrumentalisieren würde.

Was ist Ihre persönliche Meinung zu diesem Konflikt?
Dieser Konflikt ist derart komplex, dass ich eine Einteilung in Gut und Böse, Täter und Opfer längst aufgegeben habe. Für eine Beilegung des Konfliktes bräuchte es, neben einer Waffenruhe, auch die Bereitschaft, alte Feindbilder und Landansprüche loszulassen, die jedes Mal medial propagiert werden. Dazu ist der Grossteil der israelischen Bevölkerung – vielleicht zu Recht – nicht bereit.

Und warum besuchen Sie immer wieder Israel und insbesondere Tel Aviv?
Gerade aus der latenten Gefahr heraus schöpft Tel Aviv einen grossen Lebenswillen. Dieses sehr bewusste, im Heute stattfindende Leben gefällt mir. Dabei habe ich viele Freundschaften knüpfen können. Dass man in einer Stunde von Tel Aviv nach Jerusalem, also in eine andere Welt fahren kann, zeigt die faszinierende Vielfalt Israels.

Erstellt: 10.07.2014, 18:52 Uhr

Ban warnt vor neuemNahost-Krieg

Nach einer Eskalation der Gewalt hat sich UN-Generalsekretär Ban Ki Moon mit einem dramatischen Friedensappell an Israel und die Palästinenser gewandt. Die Lage dürfe nicht weiter ausser Kontrolle geraten, warnte Ban am Donnerstag. Zuvor hatte Israel das Bombardement auf den Gazastreifen ausgeweitet, das bereits mindestens 85 Menschen das Leben gekostet hat. Palästinenser griffen ihrerseits auch Jerusalem mit Raketen an.

UN-Chef Ban verurteilte bei einer Dringlichkeitssitzung des Weltsicherheitsrats die radikalislamische Hamas und die Organisation Islamischer Dschihad für den tagelangen Beschuss Israels mit inzwischen mehr als 550 Raketen und Granaten. Die Drohung einer israelischen Bodenoffensive und einer totalen Eskalation im Gazastreifen könne nur abgewendet werden, wenn die Hamas dies stoppe.

Zugleich ermahnte Ban aber auch unmissverständlich Israel, der exzessive Einsatz von Gewalt und die Gefährdung der Leben von Zivilisten seien nicht hinzunehmen. Er verwies auf zahlreiche zivile Opfer unter den von Israel getöteten Palästinensern. In den bombardierten Gebieten wurden neben den 85 Toten auch 339 Verletzte registriert. Hinzu kommen 150 zerstörte Häuser und 900 Vertriebene. «Schon wieder sind palästinensische Zivilisten gefangen zwischen dem unverantwortlichen Handeln der Hamas und der harten Reaktion Israels», beklagte Ban. (sda)

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