Bericht: Helikopter wirft Chlorgas-Fässer auf belebtes Viertel

Das Assad-Regime soll in Aleppo Chemiewaffen gegen Rebellen eingesetzt haben. In hoher Konzentration ist das Gas tödlich.

Vorwürfe gegen das Assad-Regime: Behandlung von Chlorgasopfern in Aleppo. (Screenshot: al-Jazeera)


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Das syrische Regime steht immer wieder im Verdacht, im Krieg gegen die Rebellen auch Chemiewaffen einzusetzen. Der neueste mutmassliche Fall von Giftgasangriffen ist nun aus der heftig umkämpften nordsyrischen Stadt Aleppo vermeldet worden. Mehrere Medien zitierten einen Mann namens Ibrahim al-Haj. Er ist Mitglied der Rettungskräfte der sogenannten Syrischen Zivilverteidigung, einer Freiwilligengruppe von Ersthelfern. Haj berichtete, dass ein Helikopter am Dienstag Fässer mit Chlorgasbehältern abgeworfen habe. Kurz danach sei er selbst dort eingetroffen.

Vier Chlorgasbehälter seien im belebten Stadtviertel al-Sukkari niedergegangen, sagte Haj weiter. Es habe nach Chlorgas gerochen. Über 80 Menschen hätten mit Atemproblemen behandelt werden müssen. Unter den Opfern seien etwa 50 Kinder. Laut Angaben von Spitalärzten befinden sich zehn Menschen in Intensivpflege.

Kinder mit Sauerstoffmasken

In den sozialen Medien veröffentlichte Videos der lokalen Hilfsorganisation zeigen unter anderem Kinder, die mit Sauerstoffmasken beatmet werden. Auch oppositionelle Medien verbreiteten Bilder von Opfern in Spitälern. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte sprach unter Berufung auf Ärzte von mehr als 70 Verletzten. Unter Berufung auf eigene Quellen berichtete auch der TV-Sender al-Jazeera über den Angriff mit Chlorgas in Aleppo. Al-Jazeera berichtet von rund 100 Chlorgasopfern. Videos und Bilder auf Twitter veröffentlichte auch die Syrisch-Amerikanische Medizinische Gesellschaft (Sams). Das Assad-Regime hat mittlerweile die Vorwürfe bestritten.

Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte die UNO einen Bericht, der das Assad-Regime belastet. Eine Expertenkommission hatte neun Fälle von Chemiewaffeneinsatz untersucht. Drei Giftgaseinsätze konnte sie eindeutig der syrischen Armee zuordnen. Die UNO-Experten sehen es als erwiesen an, dass Assads Truppen am 21. April 2014 und am 16. März 2015 in zwei Dörfern in der nordwestlichen Provinz Idlib Giftgas eingesetzt hätten. In einem Fall habe alles auf Chlorgas hingedeutet. Die giftigen Substanzen seien aus Hubschraubern der syrischen Luftwaffe auf die Dörfer abgeworfen worden. Im August 2013 waren bei einem Giftgasangriff im Umland von Damaskus rund 1400 Menschen getötet worden. Experten machen das Assad-Regime dafür verantwortlich.

Sanktionen scheitern am Veto Russlands

Nach der Veröffentlichung des jüngsten UNO-Berichts forderten Grossbritannien und Frankreich Sanktionen gegen die Regierung in Damaskus. Auch die UNO-Botschafterin der USA, Samantha Power, forderte eine rasche Reaktion, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Allerdings dürften UNO-Sanktionen gegen Syrien wie bereits in der Vergangenheit am Veto des Assad-Verbündeten Russland scheitern. Russlands UNO-Botschafter, Witali Tschurkin, hat den Bericht der UNO-Experten angezweifelt.

Unter massivem internationalem Druck war Syrien 2013 der Chemiewaffenkonvention beigetreten. Diktator Bashar al-Assad hatte sich verpflichtet, sämtliche Chemiewaffen zu zerstören. Chlorgas fällt jedoch nicht unter die verbotenen Chemiewaffen, da es für zivile Zwecke benutzt werden darf.

Schwere Atemwegsprobleme und andere Beschwerden

Chlorgas ist eine Waffe, die in hoher Konzentration tödlich sein kann. In geringeren Dosierungen kann es Lungenschäden, schwere Atemwegsprobleme und andere Beschwerden wie Erbrechen und Übelkeit hervorrufen. Regierungstruppen und Rebellen werfen sich gegenseitig vor, Chlor und andere Gase zu verwenden. Unter Verdacht steht auch die Terrormiliz IS. Der IS benutzte nach Erkenntnissen der UNO-Experten am 21. August 2015 im Ort Marea nahe Aleppo das hochgiftige Senfgas.

Erstellt: 07.09.2016, 13:49 Uhr

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