Betrunken in die Leitplanken

Nigerias Staatschef Goodluck Jonathan will erneut zur Präsidentenwahl antreten. Trotz Korruption, Chaos und Terror der Sekte Boko Haram hat er beste Wahlchancen.

Nigerias Präsident stellt sich zur Wiederwahl: Plakat mit Goodluck Jonathan. Foto: Photothek.net

Nigerias Präsident stellt sich zur Wiederwahl: Plakat mit Goodluck Jonathan. Foto: Photothek.net

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Man stelle sich einen Formel-1-Fahrer vor, der sein Fahrzeug betrunken in die Leitplanken gefahren hat und unmittelbar nach seinem glücklichen Ent­kommen die Teilnahme am nächsten Grand Prix bekannt gibt. Ungefähr so muss sich der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan fühlen. Von Korruptions­skandalen gebeutelt und von den blutrünstigen Milizionären der extremistischen Sekte Boko Haram an die Wand gedrückt, hat er nun seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas bekannt gegeben.

Goodluck Jonathan hat ein Jahr hinter sich, wie man es dem schlimmsten Feind nicht wünscht. Zuerst liefen seiner Demokratischen Volkspartei (PDP) nicht weniger als 37 Abgeordnete davon, um sich dem oppositionellen All Progressive Congress (APC) anzuschliessen. Dann äusserte der grau­melierte Pate der PDP, Ex-Präsident Olusegun Obasanjo, öffentlich die Überzeugung, dass es einem «tödlichen moralischen Ausverkauf» gleichkomme, wenn Jonathan noch einmal kandidieren würde. Und schliesslich enthüllte der Chef der Zentralbank, dass in den vergangenen 18 Monaten zwischen zehn und zwanzig Milliarden US-Dollar bei der staatlichen Erdöl­gesellschaft verschwunden seien.

Als ob das alles noch nicht genug wäre, entführt eine islamistische Sekte 270 Mädchen, was die ganze Welt in Aufregung versetzt: Trotz unzähliger Versicherungen, die Abiturientinnen bald zu befreien, ist auch sechs Monate später nichts geschehen. Stattdessen führen die blutrünstigen Schiess­gesellen im Nordosten des Landes die gesamte nigerianische Armee vor und errichten ein mittelalterliches Kalifat.

Für Nigeria gelten andere Regeln

In anderen Staaten der Welt wäre so ein Präsident längst Geschichte. Stattdessen wähnt sich der Ökologieprofessor, der einst nur durch einen tragischen Unglücksfall – den Tod seines Vorgängers und Parteifreunds Umaru Yar’Adua – ins höchste Amt des Staates rutschte, offenbar fest im Sattel. Er hat sogar beste Aussichten, die Präsidentschaftswahl im Februar zu gewinnen. So etwas sei nur in Nigeria denkbar, sagt Martin Ewi, ein Kenner des westafrikanischen Staats beim Institut für Sicherheitsfragen in Pretoria: Für die erdölreiche Ausnahmenation scheinen besondere Regeln zu gelten.

Zunächst kommt dem Präsidenten der Umstand zugute, dass sich die Opposition in einem noch schlechteren Zustand befindet als die Regierungspartei. Die Fahnenflucht der 37 Abgeordneten wusste die APC nicht zu nutzen: Heute streiten sich zwei gestrige Persönlichkeiten um die Präsidentschaftskandidatur – Ex-Militärdiktator Muhammadu Buhari und Ex-Vizepräsident Atiku Abubakar, dessen Eitelkeit selbst Parteifreunde abstösst. Nicht einmal die Tatsache, dass es sich bei beiden Kandidaten um Nordnigerianer handelt, die ein Gegengewicht zu der fast fünfjährigen Herrschaft des Südländers Jonathan bilden könnten, weiss die Opposition zu nutzen.

Die Aufteilung der von der britischen Kolonialmacht abgesteckten Nation in einen (muslimischen) Norden und einen (christlichen) Süden ist die Nemesis Nigerias: Die Polarität wurde dem Kunststaat bereits während des Biafra-Krieges Ende der 60er-Jahre zum Verhängnis. Seitdem suchten die drei Mehrheitsvölker eine Machtbalance zu finden: Die nördlichen Haussa kontrollierten das Militär, die südöstlichen Ibo kontrollierten das Öl und die süd­west­lichen Yoruba bildeten das Zünglein an der Waage. Während der Epoche der Militärdiktaturen in den 70er- und 80er-Jahren machte die Aufteilung der politischen und ökonomischen Macht noch Sinn: Doch seit dem Ende der Herrschaft der Generäle Mitte der 90er-Jahre gerät die Balance zugunsten des Südens aus dem Lot. Während im Nordosten Nigerias der Bürgerkrieg tobt, boomt die Wirtschaft im Süden: Kürzlich wurde Nigeria zur grössten Wirtschaftsmacht Afrikas erklärt.

Krieg gegen den Fortschritt

Wachstumsverlierer wie die Sympathisanten der Boko-Haram-Sekte, die sich an der äussersten Peripherie des Landes von allen Segnungen des Wirtschaftswachstums abgeschnitten sehen, haben dem Fortschritt den Krieg erklärt. Sie hätten nichts da­gegen, jenseits der Erdölquellen ein mittelalterliches Leben in ihrem Kalifat zu führen. Doch die überwiegende Mehrheit der nigerianischen Muslime hat mit den blutrünstigen Eiferern nichts gemein: Sie suchen verzweifelt den Anschluss an den boomenden Süden zu finden. Vor wenigen Jahren hatten sie sich noch dagegen gewehrt, dass der Südländer Jonathan die angebrochene Amtszeit des Nordländers Yar’Adua übernahm. Doch inzwischen bleibt der Sturm aus, selbst wenn Jonathan noch eine weitere Legislaturperiode anstrebt: Manches Nordlicht sieht ihn offenbar als Garant dafür, dass der Staat nicht auseinanderbricht und sich der Süden nicht aus dem Finanz­ausgleich stiehlt.

Goodluck Jonathan trägt seinen Namen zu Recht. Auch wenn sich der Staatspräsident keineswegs durch mutige Reformvorhaben – etwa des hochkorrupten Erdölsektors – oder durch visionäre Führungskraft im Umgang mit verschrobenen Sekten­mitgliedern hervorgetan hat, werden die Nigerianer wohl noch weitere fünf Jahre mit ihm als Staatslenker zu leben haben. Zum Glück für Jonathan, zum Pech der Nigerianer.

Erstellt: 30.10.2014, 21:10 Uhr

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