Billig übernachten im besetzten Land

Wer mit Airbnb nach günstigen Unterkünften in der Nähe von Jerusalem sucht, landet vielleicht ungewollt in den von Israel kontrollierten Palästinensergebieten.

Dass in Kfar Adumim günstigere Übernachtungen als im rund 20 Autominuten entfernten Jerusalem angeboten werden, ist für Touristen ausschlaggebend. Foto: Menahem Kahana (AFP)

Dass in Kfar Adumim günstigere Übernachtungen als im rund 20 Autominuten entfernten Jerusalem angeboten werden, ist für Touristen ausschlaggebend. Foto: Menahem Kahana (AFP)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Airbnb ist runter von der schwarzen Liste – zumindest in Florida. Im vergangenen November hatte die Online-Übernachtungsbörse noch angekündigt, keine Zimmer oder Häuser in den ­umstrittenen jüdischen Siedlungen im besetzten Westjordanland mehr vermitteln zu wollen. Doch die Empörung in Israel war gross und laut, es wurde zum Boykott aufgerufen, in den USA drohten Klagen.

Also machte Airbnb einen Rückzieher: Seit April werden wieder Übernachtungen in jüdischen Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten angezeigt, die Entfernung der etwa 200 Angebote wurde gestoppt. Zur Belohnung nahm Floridas Gouverneur Ron DeSantis Airbnb von der schwarzen Liste des US-Bundesstaats.

So laut war gegen die Ankündigung der Plattform protestiert worden, künftig keine Geschäfte mehr in Gebieten zu machen, «aus denen Menschen vertrieben worden sind». Die Rücknahme dieser Streichung hingegen wird still zur Kenntnis genommen. Das israelische Tourismusministerium will offiziell nichts dazu sagen. Und ein Sprecher der Vermieter im Westjordanland hat keine Zeit, um am Telefon Einschätzungen dazu abzugeben. Die per Mail geschickten Fragen beantwortet er genauso wenig.

Einlass nur durch den Wachmann

Auch Malki, der in der Siedlung Kfar Adumim ein Appartement anbietet, will eigentlich nicht darüber sprechen. Nur so viel: Er sei über die zusätzliche Einnahmequelle froh. Er baut noch an seinem Haus, der Zugang ist nicht fertig. Im Gästebereich auf der einen Seite des Hauses ist alles neu. Malki zeigt zuerst das Appartement und stellt dann seine Frau und seine fünf Kinder vor. Selbst die Kleinsten tragen Kippa, seine Frau ist so gekleidet, wie es sich für eine streng religiöse Jüdin gehört: mit Kopftuch, die Arme durch ein langärmeliges Shirt bedeckt und mit Strümpfen trotz der Hitze.

Malki selbst trägt keine Kippa. Er hatte aber gedrängt, dass man schon eine Stunde vor Sonnenuntergang da sein müsse, denn er halte den jüdischen Ruhetag, den Schabbat, ein. In dieser Zeit sei er auch nicht erreichbar, das Telefon werde abgestellt. Zuvor will er den Gästen aber noch unbedingt die Landschaft zeigen. Die judäische Wüste breitet sich im milder werdenden Sonnenlicht aus. «Hier ist der schönste Blick», verweist er auf einen Aussichtspunkt gleich gegenüber seinem Haus.

Um nach Kfar Adumim zu kommen, fährt man die Bundesstrasse Nummer 1 von Jerusalem Richtung Totes Meer. Gleich am Stadtrand muss man einen rund um die Uhr offenen Checkpoint passieren. Wer Richtung Westjordanland will, wird im ­Regelfall nicht kontrolliert, auf dem Weg zurück kann es aber zu Kontrollen kommen. Die Gegend wird immer mehr zur Wüste. Dann biegt man links ab und folgt dem Verlauf der Strasse, die an einem Gatter endet. Ein Wachmann lässt nur in die Siedlung, wen er kennt oder wer jemanden besucht.

200 Siedlungen

Das auf einem Hügel weithin sichtbare Kfar Adumim wurde 1979 von jüdischen Siedlern gegründet. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich binnen zehn Jahren auf etwa 5000. Kfar Adumim liegt neben einer der grössten Siedlungen, Maale Adumim. Dazwischen befindet sich das Beduinendorf Khan al-Ahmar, das zwangsgeräumt werden soll.

Wird Malki gefragt, warum er vor zwei Jahren hierhergezogen sei, antwortet er: Weil es jüdisches Land und die Gegend wunderschön sei – und man günstiger als in Jerusalem wohnen könne. Er verwendet die jüdische Bezeichnung Judäa und Samaria, spricht nicht vom Westjordanland, der international gebräuchlichen Bezeichnung für ­jenes Gebiet, das Kern eines palästinensischen Staates werden soll.

Grafik vergrössern

Dass hier günstigere Übernachtungen als im rund 20 Autominuten entfernten Jerusalem angeboten werden, ist auch für viele Touristen ausschlaggebend. Auf der Website von Airbnb findet sich zudem kaum ein Hinweis, dass Kfar Adumim oder eine der anderen der etwa 200 jüdischen Siedlungen im Westjordanland liegt und nicht in Israel, das man in die Suche eingegeben hatte.

Eine dünne, gestrichelte Linie markiert zwar den Grenzverlauf zwischen Israel und den besetzten Gebieten, diese fällt aber kaum auf – besonders nicht, wenn man heranzoomt, um in und um Jerusalem nach einer billigeren Bleibe zu suchen. Einige Kunden kritisieren in ihren Bewertungen, dass es sonst keine Hinweise darauf gebe, dass die Unterkunft in einer der umstrittenen jüdischen Siedlungen im Westjordanland liege.

Airbnb versichert, dass es seine Gewinne aus diesen Vermietungen an humanitäre Hilfsorganisationen spende. «Wir ver­stehen die Komplexität des Problems, das in unserer vorherigen politischen Ankündigung angesprochen wurde, und wir werden weiterhin Einträge im gesamten Westjordanland zulassen, aber Airbnb wird aus dieser Aktivität in der Region keine Gewinne ziehen», hiess es in einer Erklärung. Schliesslich befänden sich die Siedlungen «im Zentrum des Streits zwischen Israelis und Palästinensern». Zu solchen politischen Fragen möchte sich Malki nicht äussern. «Ich will nur ein ruhiges Leben mit meiner ­Familie führen.» Dazu sollen die Einnahmen aus der Airbnb-Vermietung beitragen.

Erstellt: 13.06.2019, 06:21 Uhr

Artikel zum Thema

Kushner: Palästinenser sind nicht bereit für eine eigene Regierung

Trumps Schwiegersohn hat einen Nahost-Friedensplan ausgearbeitet. US-Aussenminister Pompeo kritisiert ihn bereits vorab. Mehr...

In Israel droht der nächste Wahlkampf

Um Mitternacht läuft die Frist zur Regierungsbildung ab. Scheitert sie, könnte zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres gewählt werden. Mehr...

Palästinenser und Israel vereinbaren Waffenruhe

Ägypten und die UN hatten sich um eine Waffenruhe bemüht. Bei der jüngsten Eskalation wurden vier Israelis und 29 Palästinenser getötet. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Hoher Blutdruck: Senken Sie das Risiko

Ein zu hoher Blutdruck kann gefährlich werden. Vor allem, wenn er lange nicht erkannt wird. Die jährliche Blutdruckmessung in der Rotpunkt Apotheke hilft mit, die Risiken zu senken.

Blogs

Never Mind the Markets Die Inflation wird überschätzt

Mamablog Freiwillige Kinder vor!

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...