Cheney und Konsorten fordern neuen Krieg

Der Irak steht in Flammen, die Befürworter der US-Intervention von 2003 aber weisen jegliche Verantwortung von sich: Schuld an allem sei Barack Obama.

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Sie waren die zumeist neokonservativen Anheizer und Architekten des grössten Fiaskos amerikanischer Politik seit Vietnam: Des Kriegs im Irak. Sie gaukelten den Amerikanern 2002 und 2003 einen schnellen und billigen Feldzug zum Sturz Saddam Husseins vor. Vor Massenvernichtungswaffen warnten sie und vor Saddams Beziehung zu al-Qaida. Und sie versprachen eine blühende Demokratie im Irak. Nichts davon stimmte, sie aber zahlten keinen Preis für ihre kolossalen Fehleinschätzungen.

Und vergangene Woche meldeten sie sich prompt zu Wort, um Barack Obamas Politik im Irak zu kritisieren. Nicht sie seien schuldig am Zustand des Irak, sondern Obama, erklärten sie. An der Spitze der Fantasten von damals ritt George W. Bushs Vize Dick Cheney. Zusammen mit Tochter Liz schrieb er im «Wall Street Journal», selten habe ein Präsident «auf Kosten so vieler so vieles so falsch beurteilt». Dabei war es Cheney, der den Amerikanern 2002 versprochen hatte, einrückende Truppen würden in Basra und Bagdad «als Befreier» begrüsst werden. Und es war Cheney, der unablässig das Gespenst atomarer, chemischer und biologischer Waffen im Arsenal Saddam Husseins beschworen hatte.

Selbstkritik liegt ihnen fern

Nicht nur Cheney aber pflegt jetzt die Kunst der Amnesie: Paul Bremer, George W. Bushs Prokonsul im Irak, löste kurz nach dem US-Einmarsch die irakische Armee auf – und half so, den Irak ins Chaos zu stürzen. Nun kritisierte er Obama und verlangte neuerlich ein US-Eingreifen im Irak. Gemeinsam ist Brandstiftern wie Cheney und Bremer die Überzeugung, Obama habe den Irak «verloren», weil er Ende 2011 die US-Truppen abgezogen und zudem nicht in Syrien interveniert habe.

Selbstkritik hingegen liegt ihnen fern: Dass ihr Krieg ein Misserfolg war, der die Region zu destabilisieren half, mindestens 100'000 Irakern und nahezu 4500 GIs das Leben kostete und Millionen Flüchtlinge produzierte – es zählt nicht. Ebenso wenig zählen offenbar die Kosten des Debakels, die sich nach Berechnungen der beiden Ökonomen Joseph Stiglitz und Linda Bilmes auf mindestens drei Billionen Dollar belaufen – genug, um beispielsweise die gesamte amerikanische Infrastruktur von Grund auf zu erneuern.

«Entschiedenes und mutiges Handeln»

Statt aber still an der Seitenlinie zu verharren, suchen die Protagonisten des Kriegs von 2003 jetzt neuerlich das Rampenlicht. Angeführt werden sie von Cheney und neokonservativen Politikern und Publizisten wie William Kristol und den Brüdern Frederick und Robert Kagan sowie dem ehemaligen Pentagon-Staatssekretär Douglas Feith. In Wort und Bild befürworten sie ein robustes amerikanisches Eingreifen und attackieren den Präsidenten. «Eine kriegsmüde Öffentlichkeit kann aufgeweckt und für eine Sache eingespannt werden», schrieb etwa Kristol im neokonservativen Blatt «Weekly Standard». Zusammen mit Frederick Kagan verlangte er «entschiedenes und mutiges Handeln» im Irak. Dass eine breite Mehrheit der Amerikaner davon nichts wissen will, stört die Agitatoren nicht.

2002 hatte Kristol zusammen mit Robert Kagan den Teufel an die Wand gemalt: «Die irakische Bedrohung ist enorm, und sie wächst mit jedem Tag, der vergeht», flössten sie den Amerikanern Angst vor al-Qaidas Zugriff auf irakische Massenvernichtungswaffen ein. Den Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen Schiiten und Sunniten nach einer US-Intervention im Irak verwies Kristol vor der US-Intervention ins Reich der Märchen: Es sei «Pop-Psychologie, dass Schiiten und Sunniten nicht miteinander können», schrieb er. Auch Ex-Staatssekretär Douglas Feith, ein unablässiger Antreiber eines Kriegs und von General Tommy Franks, dem Oberkommandierenden der US-Intervention im Irak, deshalb als «fucking dümmster Typ auf dem Planeten» beschimpft, tauchte plötzlich wieder auf und griff Barack Obama an.

George W. Bush schweigt

2003 hatte Feith im Irak eine brandgefährliche Verbindung von «terroristischen Organisationen, staatlichen Sponsoren und Massenvernichtungswaffen» ausgemacht – alles Unsinn, wie sich herausstellte. «Die Neokonservativen scheinen Obama einen Handel anzubieten: Vergiss unsere Fehler und dafür vergessen wir deine Fehler», beschrieb der aussenpolitische Experte Jacob Heilbrunn das Gebaren der alten Garde. Schamgefühl scheint ihnen jedenfalls fremd zu sein: Grossbritanniens Ex-Premier Tony Blair, ein Rädelsführer der Kriegstreiber, verstieg sich jüngst sogar zur Behauptung, ohne den Einmarsch 2003 stünden die Dinge noch schlimmer im Irak. Anders George W. Bush: Kein Wort liess der Ex-Präsident bislang verlauten.

Bei einer Reihe von US-Publizisten löste die Offensive der Reinwäscher vergangene Woche denn auch Empörung aus: Sie hätten «das Recht, nicht gehört zu werden», schrieb James Fallows auf der Website des Magazins «Atlantic Monthly», indes Heilbrunn die Neokonservativen in einem zornigen Artikel im Onlineblatt «Politico» als «Pfuscher und Amateure» bezeichnete, die «ihren persönlichen Befreiungskrieg» veranstalteten, um sich vom Makel der Vergangenheit zu befreien. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2014, 14:12 Uhr

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