Hintergrund

«Da wusste ich, das ist das Ende»

Ein Massengrab in Syrien soll zeigen, dass Aufständische Soldaten hinrichteten. Doch erstmals berichtet auch ein desertierter Unteroffizier, wie Soldaten befohlen wurde, auf Soldaten zu schiessen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die syrische Armee zeigte am Montag Journalisten und Diplomaten ein Massengrab in der Nähe der umkämpften Stadt Jisr al-Shughur. Es ist das dritte Massengrab, das im Laufe der syrischen Unruhen entdeckt wurde. Laut offiziellen Angaben wurden 29 Leichen geborgen, es soll sich um Sicherheitskräfte handeln, die von «bewaffneten Gruppen im Norden» getötet worden seien. Die meisten Leichen waren bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Vor einigen Tagen wurden in Jisr al-Shughur laut syrischer Regierung an die 120 Polizisten von Aufständischen umgebracht. Die staatliche Tageszeitung «Tishrin» zitiert Riyad Hadad, Chef der Militärpolizei, der erwartet, noch mehr Massengräber zu finden, wegen «der grossen Anzahl Märtyrer, die von bewaffneten Terroristengangs getötet wurden.»

«Die Soldaten töteten nicht nur Zivilisten»

Die staatlichen Angaben stehen in scharfem Kontrast zu denen von Augenzeugen, die aus Jisr al-Shughur flüchten und internationalen Medien von ihren Erlebnissen erzählen konnten. «Etwa 150 Panzer rollten durch die Strassen, als ich flüchtete», erzählt ein Augenzeuge. «Die Soldaten töteten nicht nur Zivilisten, sondern auch Soldaten, die sich weigerten, auf die Zivilisten zu schiessen. Auch Offiziere desertierten. Viele wurden getötet.»

Vorausgegangen war ein Massaker an Einwohnern der Stadt. «Ein Nachbar versuchte, mit seiner Frau und den zwei Kindern auf dem Motorrad zu fliehen. Die ganze Familie wurde von Sicherheitskräften erschossen», erzählt ein anderer Augenzeuge. «Ihre Leichen lagen noch auf der Strasse, als ich aus der Stadt entkommen konnte.»

Die mysteriösen «bewaffneten Gangs»

In einer Rede am Montag sprach der syrische Präsident Bashar al-Assad von 64'000 Bewaffneten, welche am Aufstand gegen das Regime teilnehmen würden. Von diesen tödlichen «bewaffneten Gangs», habe er jedenfalls nichts in Jisr al-Shughur gesehen, sagte der 50-jährige Bauer Abu Ammar zu «Al Jazeera» nach seiner Flucht in die Türkei. Was er dagegen wisse, sei, dass syrische Familien von Assads Sicherheitskräften getötet worden seien. «Assad sagte, die Flüchtlinge sollen heimkehren, aber gestern kehrten fünf Familien heim und wurden getötet», so Abu Ammar.

Bisher war es schwierig, die verschiedenen Berichte aus den umkämpften Gebieten zu überprüfen, da das syrische Regime nach wie vor keine unabhängige Berichterstattung zulässt. Ausländische Journalisten werden zwar ins Land gelassen, die Themen, über die sie berichten dürfen, werden ihnen aber vorgegeben.

Der Bericht eines desertierten Unteroffiziers

In der libanesischen Zeitung «L’Orient-Le-Jour» berichtet nun erstmals ein desertierter syrischer Unteroffizier, was er erlebt hat. Omar, der beim militärischen Nachrichtendienst Syriens Unteroffizier war, entschied sich, im Mai nach Libanon zu desertieren, statt «auf friedliche Demonstranten zu schiessen». Der 66-Jährige hatte sich laut eigenen Angaben bei drei verschiedenen Gelegenheiten geweigert, auf Demonstranten zu schiessen. Zuletzt im April in der Stadt Homs. Seine Vorgesetzten wollten ihn daraufhin nach Daraa strafversetzen.

«Da wusste ich, das ist das Ende», so Omar gegenüber «L’Orient-Le-Jour». «Wenn ich mich weigerte, nach Daraa zu gehen, würden sie mich auf der Stelle liquidieren. Wenn ich zusagte, würde ich unterwegs getötet». Omar erklärte sich einverstanden, nach Daraa zu gehen, gab vor, noch ein paar persönliche Gegenstände zu holen und setzte sich mit seinem Motorrad ab.

Die Gehirnwäsche der Soldaten

In Homs hatte das Militär den Auftrag, auf Demonstranten zu schiessen, unter dem Vorwand, es seien «subversive Elemente, infiltrierte Agenten und Salafisten, die das Regime destabilisieren wollten». Statt vor bewaffneten Banden seien die Soldaten aber plötzlich vor unbewaffneten Demonstranten gestanden, «mit nacktem Oberkörper, die Freiheitsparolen skandierend», so Omar. Am 19. April kam der Befehl, auf 200 Demonstranten zu schiessen, die in Homs auf einem Platz am Boden sassen. «Um drei Uhr morgens war die Operation beendet und die Leichen wurden mit einem Bagger eingesammelt. Der Platz wurde gereinigt».

Omar berichtet ferner, dass irgendwann der Befehl erlassen wurde, dass jeder Soldat seine Uniform zu tragen habe. Etliche Soldaten in Zivil seien mit Demonstranten verwechselt und von den eigenen Leuten getötet worden. Die Soldaten, die sich weigerten, auf Zivilisten zu schiessen, seien von den Nachrichtendiensten und den «Shabiha» getötet worden. Bei den «Shabiha» handelt es sich um eine Assad-treue alawitische Miliz, die für ihre besondere Brutalität bei der Niederschlagung von Protesten bekannt ist.

Erstellt: 21.06.2011, 15:10 Uhr

Bildstrecke

Artikel zum Thema

«Sie töten im Namen der Religion»

Syriens Präsident Bashar Assad hat in einer Fernsehansprache Saboteure für die Krise verantwortlich gemacht. Eine kleine Gruppe von Personen würde die friedlichen Proteste infiltrieren, sagt er. Mehr...

Syrische Soldaten verhaften angeblich wahllos Zivilisten

Im Nordwesten Syriens hat die Armee offenbar die Offensive gegen die Protestbewegung verstärkt. Augenzeugen berichten von Hunderten von Festgenommenen. Mehr...

Augenzeugen-Videos aus Syrien

Unzählige Augenzeugen-Videos aus Syrien erscheinen stündlich auf sozialen Netzwerken. Eine Auswahl. Und: Wer stellt diese Filme eigentlich online? E-Mail-Verkehr mit Syrian Free Press. Mehr...

Assad erlässt eine Generalamnestie. (Video: Reuters).

Paid Post

Unsere Tipps für diesen Sommer

Geniessen Sie diesen Sommer die Wanderungen und Freizeitaktivitäten, die Sie in den Walliser Ferienorten Nendaz und Veysonnaz erwarten.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Zylinder und PS: Ein Besucher des Royal-Ascot-Pferderennens beobachtet das Geschehen von einer Parkbank aus. (18. Juni 2019)
(Bild: Mike Egerton) Mehr...