Hintergrund

Das Kalkül des Emirs

Der Emir von Katar besuchte den Gazastreifen. Als Geschenk stellte er der Hamas 250 Millionen Dollar in Aussicht. Womöglich ein Versuch, seine Machtposition auf Kosten der Einheit der Palästinenser auszubauen.

Baut den Einfluss seines Landes aus: Der Emir von Katar trifft in Gaza ein. (23. Oktober 2012)

Baut den Einfluss seines Landes aus: Der Emir von Katar trifft in Gaza ein. (23. Oktober 2012) Bild: AFP

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Der Emir von Katar besuchte heute als erster ausländischer Staatschef den Gazastreifen – seit 2007 Hamas-Kämpfer die Fatah dort von den Schaltstellen der Macht vertrieben. Im Gepäck: Ein Versprechen für 250 Millionen Dollar für Strassen, Wohnungen und ein Krankenhaus. Diese geplanten Hilfsleistungen sind wohl nicht nur auf den humanistischen Geist des Emirs zurückzuführen, sondern auch und wohl vor allem auf dessen handfeste politische Interessen.

Der Besuch von Hamad bin Khalifa Al Thani ist laut dem «Wall Street Journal» ein gutes Beispiel dafür, wie das Ölgeld des reichen Golfemirats dafür eingesetzt wird, islamistische Organisationen in der Region zu unterstützen und damit auch den eigenen Einfluss in der Region auszubauen. «Das ist kein unschuldiges Geld», beurteilte der Direktor der Denkfabrik Pal-Think mit Sitz in Gaza gegenüber der amerikanischen Zeitung.

Katar will Syrien schwächen

Das Golfemirat engagiert sich laut Medienberichten seit längerer Zeit stark im syrischen Bürgerkrieg – indem es Aufständische mit Waffen versorgt. Dabei hat es viel seines bisher grundsätzlich positiven Kredits in der arabischen Welt verspielt. Der Emir habe nun im Gazastreifen die Chance entdeckt, wieder positiver wahrgenommen zu werden, schreibt das «Wall Street Journal».

Er hoffe dabei indirekt auch, Syrien schwächen zu können. Denn laut Angaben der FAZ versucht Katar, die radikalislamische Hamas seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs dazu zu bewegen, ihre traditionelle Freundschaft mit dem Assad-Regime aufzugeben. Momentan fehlen Syrien die Mittel, um seinen Verbündeten zu unterstützen. In diese Bresche springt nun Katar. Der Emir hat sich zwar für die Versöhnung der tief verfeindeten Palästinenserorganisationen eingesetzt. Unter dem Eindruck dieses Besuchs im Gazastreifen sind jedoch berechtigte Zweifel an den Absichten des Kronprinzen angebracht.

Fatah sieht sich zunehmend isoliert

Brisant ist die Tatsache, dass der Emir bei seinem Besuch in den Palästinensergebieten darauf verzichtete, PLO-Chef Abbas im Westjordanland seine Aufwartung zu machen. Ein Affront gegenüber dem Palästinenserpräsidenten, der in Ramallah prompt «alle arabischen Brüder» dazu aufrief, alles zu unterlassen, was zur Gründung einer «separaten Einheit im Gazastreifen» führen könnte. Dies liege nämlich nur im Interesse der Besatzungsmacht Israel.

Im Internet tauchten denn auch Fotos auf, die den israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres mit dem Emir von Katar zeigen. Katar verfolgt in Bezug auf Israel eine vergleichsweise pragmatische Politik, die Beziehung zu Tel Aviv gilt allgemein als intakt. Die verstärkte internationale Unterstützung der Hamas durch Katar könnte so für die Islamisten im Gazastreifen auch zum Bumerang werden, denn diese hätten laut der FAZ in letzter Zeit in der eigenen Bevölkerung massiv an Zustimmung verloren.

Erstellt: 23.10.2012, 22:49 Uhr

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