Das Meisterstück in Sarifs Lebenswerk

Erfolg für Mohammed Sarif: Mit dem Genfer Atomdeal wird der Aussenminister nun zum Aushängeschild für die Neuausrichtung der iranischen Politik.

Strahlender Sieger: Mohammed Dschawad Sarif bei den Atomverhandlungen in Genf. (20. November 2013)

Strahlender Sieger: Mohammed Dschawad Sarif bei den Atomverhandlungen in Genf. (20. November 2013) Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Selbst wenn das nun vereinbarten Abkommen über das iranische Atomprogramm nicht von allen Seiten gleich interpretiert wird: In seiner Heimat kann sich der iranische Aussenminister Mohammed Jawad Sarif einer bemerkenswerten Leistung rühmen.

Nach Jahren des Stillstands hat er eine Lockerung der schmerzhaften Sanktionen gegen sein Land erzielt. Seit seinem Amtsantritt im August schlug der Chefdiplomat mit gutem Draht zum Westen gezielt versöhnliche Töne an - und ebnete so gemeinsam mit seinen Verhandlungspartnern den Weg zu einem historischen Durchbruch bei den Genfer Gesprächen.

Neben dem Reformpräsidenten Hassan Rohani ist der 53-jährige Sarif zum Aushängeschild für die Neuausrichtung der iranischen Politik geworden. Verglichen mit Ruhanis Amtsvorgänger Mahmoud Ahmadinejad, einem aussenpolitischen Hardliner, können beide getrost als moderate Kräfte betrachtet werden.

Eine religiöse Familie aus Teheran

Zwar ist Sarif immer auf dem Ticket der islamischen Staatsführung gefahren, seit der Schah vertrieben und die Islamische Republik 1979 ausgerufen wurde. Zugleich aber hat sich der neue Aussenminister dem Westen nie verschlossen.

An der Universität Denver im US-Bundesstaat Colorado promovierte Sarif über «Sanktionen als Teil des internationales Rechts», zudem wirkte er jahrelang als UNO-Botschafter seines Landes in New York. In den sozialen Netzwerken Twitter und Facebook, die ansonsten im Iran gar nicht zugelassen sind, hat er eigene Profilseiten.

Dabei erzählt der heutige Chefdiplomat gerne, dass er einer religiösen Familie in Teheran entstammt, bis zum Alter von 15 Jahren keine Musik hörte und zehn Jahre lang mit seiner besonders streng gesinnten Frau in den USA lebte.

Neue Tonlage

Die neue Aussenpolitik Irans wirkt umso vielversprechender, als dem Gespann Rohani-Sarif seit 2005 acht Jahre des zähen diplomatischen Tauziehens unter Ahmadinejad vorausgingen. Schon im September, als der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle erstmals mit seinem neuen iranischen Kollegen zusammentraf, war von Seiten des Deutschen von einer «neuen Tonlage» die Rede.

Sarif selbst sprach davon, dass er eine «Win-Win-Lösung» anstrebe - mit einem «friedlichen und transparenten Nuklearprogramm unter internationaler Kontrolle» und nach dem «Regelwerk der Internationalen Atomenergiebehörde» IAEA.

Kein Widerspruch für Sarif

Sarif verstand es geschickt, auch die konservativen Kräfte auf seine Seite zu ziehen. Bevor im Parlament ein Vertrauensvotum anstand, bei dem er schliesslich 232 von 280 abgegebenen Stimmen erhielt, sprach der versierte Redner umsichtig über Politik und die Kraft der Moderation - und vergass dabei nicht, zahlreiche Bezüge zum Koran herzustellen.

Für Sarif ist es kein Widerspruch, die Interessen des Iran zu vertreten und gleichzeitig den Ausgleich mit den wichtigsten internationalen Mächten zu suchen. Das iranische Volk werde nicht auf «seine Rechte» zur Nutzung der Atomenergie verzichten, hat Sarif ein ums andere Mal versprochen. Allerdings werde die Regierung seines Landes der «ganzen Welt zeigen, dass vom Iran keine Bedrohung ausgeht». Das muss er nun auch beweisen.

Ausgleich als verbindendes Element

Der Ausgleich mit anderen Ländern in heiklen Dossiers könnte einmal als das alles verbindende Element von Sarifs Wirken zurückbleiben: Er zählte zur iranischen Delegation, als der Friedensvertrag mit dem Irak nach dem iranisch-irakischen Golfkrieg ausgehandelt wurde, er vermittelte die Freilassung von US-Geiseln aus dem Libanon, er sorgte in Teheran dafür, dass der US-Feldzug gegen die Taliban im benachbarten Afghanistan hingenommen wurde.

Und er zählte schon 2003 zur Delegation um den damaligen Verhandlungsführer Rohani, die in eine strengere Überwachung der Atomanlagen im Iran einwilligte.

Das nun erzielte Übergangsabkommen könnte als krönendes Meisterstück in Sarifs Vita eingehen. Dafür muss aber noch abgewartet werden, wie sich die unterschiedlichen Interpretationen des komplexen Deals in der Praxis niederschlagen. (ajk/sda)

Erstellt: 24.11.2013, 18:00 Uhr

Bildstrecke

Atomverhandlungen mit dem Iran in Genf

Atomverhandlungen mit dem Iran in Genf In Genf suchte die 5+1-Gruppe (USA, Russland, China, Grossbritannien und Frankreich sowie Deutschland) eine Lösung im Atomstreit mit dem Iran.

Artikel zum Thema

«Der Westen sollte jetzt Augenmass wahren»

Interview Nahost-Experte Ulrich Tilgner wertet die Einigung im Atomstreit mit dem Iran als grossen Erfolg für Barack Obama. Im Gespräch erklärt er, was die Knackpunkte der kommenden Monate sein werden. Mehr...

Durchbruch im Atomstreit

In einem Genfer Hotel verhandelten die Aussenminister bis in den frühen Morgen. Nun steht eine Übergangseinigung. Das sind die wichtigsten Punkte des Abkommens. Mehr...

Misstöne zwischen Obama und Netanyahu werden lauter

In Genf wird wieder über den Atomstreit mit Teheran verhandelt. Begleitet werden die Gespräche von wachsenden Unstimmigkeiten zwischen Israel und den USA. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Power und Passion in Ihrer Tasse

Von Venedig bis Palermo ist Kaffee mehr als nur ein Getränk. Er ist eine Kunst. Mit der Kollektion «Ispirazione Italiana» bringt Nespresso ein Stück Italien in Ihr Ritual.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Holen Sie sich die Natur ins Haus

Mamablog Wären Sie gerne Ihr eigenes Kind?

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...