Die heimliche Hauptstadt der Moderne ist in Gefahr

Endlich herrscht Frieden in Eritrea. Bedeutet das für das architektonische Weltkulturerbe in Asmara die Rettung? Oder wird die eritreische Hauptstadt jetzt zur Beute der Investoren?

In keiner Stadt der Welt kann man die verschiedenen Stile der modernen Architektur auf so kleinem Raum studieren wie in Asmara. Foto: iStock

In keiner Stadt der Welt kann man die verschiedenen Stile der modernen Architektur auf so kleinem Raum studieren wie in Asmara. Foto: iStock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist noch früh am Morgen, aber Medhanie Teklemariam sagt, man müsse jetzt unbedingt etwas trinken gehen, sonst verstehe man das alles nicht, sonst habe man letztlich keine Ahnung von Asmara. Medhanie schleppt einen durch die Strassen der Hauptstadt von Eritrea, vorbei an riesigen Art-déco-Kinos, an Villen im Bauhaus-Stil und über grosse Boulevards in eine Bar, die düster wäre, würden der Tresen und die Spiegel dahinter das wenige Licht nicht reflektieren. Dass die Zeit stehen geblieben ist, sagt sich leicht dahin, aber hier steht sie wirklich am Tresen, die alte Zeit. Das Crispi ist eine italienische Bar aus den Dreissigerjahren, wie es sie selbst in Italien nicht mehr gibt. Es ist der Lieblingsort von Medhanie Teklemariam, dem obersten Denkmalschützer der Stadt. Es ist alles original, vom verchromten Tresen über die jahrzehntealten Campari-Flaschen in den Regalen bis hin zu den Asmarinos am Tresen, den alten Männern in ihren Sonntagsanzügen, die einen Espresso trinken. Oder wie Medhanie Teklemariam einen kleinen Pastis. «Das ist Asmara», sagt er und lacht.

Diese Stadt hat auf den ersten Blick wenig mit dem zu tun, was man so über Eritrea weiss. Es ist nicht die Hauptstadt des «Nordkorea von Afrika», so wie das Land so oft beschrieben wird. Asmara ist die wahrscheinlich schönste Hauptstadt des Kontinents und auch die seltsamste, es sieht eher wie Italien 1930 aus als wie Afrika 2018. «La piccola Roma» wird die Stadt genannt oder auch «Afrikas Miami», weil es hier so viele modernistische Gebäude gibt. Letztlich aber sind alle Vergleiche sinnlos, weil die Stadt unvergleichlich ist.

Die Italiener okkupierten das Nest 1889 und wollten es zur kosmopolitischen Hauptstadt ihrer Kolonien machen, zum Zentrum von «Africa Orientale Italiana». Das mit dem Grossreich klappte nicht so ganz, weil sich die italienischen Truppen an den Äthiopiern die Zähne ausbissen, die überhaupt keine Lust verspürten, kolonisiert zu werden. Asmara wuchs dennoch, vor allem unter Mussolini, es sollte eine Musterstadt des Faschismus werden. Während sich die Nazis in Deutschland eher am Klassizismus orientierten, erbauten die Italiener Asmara in allen Stilen der modernen Architektur, junge Architekten wurden nach Afrika geschickt und durften sich hier austoben. Mit dem Ergebnis, dass man nirgends auf der Welt Futurismus, Art déco, Novecento, Bauhaus, Rationalismus und Monumentalismus so gut studieren kann wie hier. 2017 erklärte die Unesco die Innenstadt, die einem riesigen architektonischen Freilichtmuseum gleicht, zum Weltkulturerbe.

Viele Gebäude in gutem Zustand

«Die Bauten sind viel extravaganter als in Italien», sagt Edward Denison, der das erste Standardwerk über den Modernismus in Asmara geschrieben hat. Manche der Bauwerke sind so extravagant, dass die Arbeiter, die sie bauten, ihnen nicht getraut haben. Da ist die Tankstelle Fiat Tagliero, eine Mischung aus Kreuzfahrtschiff und Flugzeug, mit 15 Meter breiten Tragflächen. Die Legende behauptet, dass der Architekt Giuseppe Pettazzi die Arbeiter nur mithilfe einer Pistole zwingen konnte, die Stützpfeiler der Tragflächen abzunehmen.

Die Tragflächen der Tankstelle stehen immer noch. Überhaupt sind erstaunlich viele der 4300 Gebäude, die die Italiener hinterlassen haben, in einem erstaunlich guten Zustand. Während Italien selbst noch immer keine wirkliche Haltung gefunden hat zu den Bauten des Faschismus, haben die Eritreer das Erbe des Kolonialismus einfach nationalisiert und umgedeutet – als einen Teil ihrer selbst.

«Viele afrikanische Staaten haben negative Ansichten über den Kolonialismus. Unsere Väter haben diese Stadt aber mitgebaut. Es gab einen kulturellen Austausch», sagt Medhanie Teklemariam. Das ist keine Glorifizierung der alten Zeiten, kein «Damals war alles besser», sondern ein sehr selektiver Kunstgriff in die Geschichte, man nimmt sich daraus, was einem gefällt, die Espresso-Kultur, das Flanieren und die Architektur. Ohne das andere zu vergessen, etwa die Grausamkeit des Faschismus.

Erste Investoren schleichen durch die Stadt. Das kann ein Segen sein oder auch ein Fluch.

So schön Asmara ist, man sieht in dieser Stadt auch einen Vorläufer der Apartheid. Die schönsten Bauten, die Bauhaus-Villen und die grossen Kinos am Corso, sie stehen natürlich in dem Teil der Stadt, der für die Neuankömmlinge gebaut wurde. Dazwischen gibt es eine Mischzone mit Marktplatz, die dann in die beengten Quartiere der «città indigena» führt. In die «Stadt der Eingeborenen». Das alles wissen die Menschen in Asmara, was der Begeisterung über die eigene Stadt aber kaum Abbruch tut.

«Es gibt eine starke Verbindung zu den Gebäuden», sagt Medhanie Teklemariam. «Es gibt viele Besitzer, die den Wert verstehen, die versuchen, alles originalgetreu instand zu setzen.» Und für jene, welche es nicht gleich verstehen, gebe es eine kommunale Polizei, die darauf achte, dass niemand ohne Genehmigung baut. Aus Sicht des Denkmalschutzes war es natürlich auch ein grosser Glücksfall, dass in den vergangenen zwanzig Jahren niemand in Asmara bauen wollte, als das Land sich mit Äthiopien im Krieg befand und international isoliert war. Die Handwerker, die das Wissen hatten, wie man mit den Gebäuden umgeht, sie sind in den dunklen Jahren zu Tausenden ins Ausland geflohen.

Diplomaten geraten ins Schwärmen

Jetzt aber ist der Frieden da, und die ersten Investoren schleichen durch die Stadt. Das kann Segen sein oder auch Fluch. Asmara braucht Geld, um die Substanz zu erhalten, aber eben das richtige. «Ich habe schon etwas Angst, dass Investoren kommen, denen Jobs wichtiger sind als unser Erbe», sagt Medhanie Teklemariam.

Er und seine Kollegen haben den Stillstand der vergangenen Jahre genutzt, um einen Plan zu erarbeiten, wie die Stadt zu erhalten ist. Sie haben alle Gebäude in sechs Dringlichkeitsstufen kategorisiert und 75'000 Pläne gescannt. Zudem arbeiten sie an neuen Bauvorschriften. Es geht um die Zukunft der Stadt, die grossartig sein könnte. Hier könnte ein Zentrum der Architektur entstehen, das Touristen und Fachbesucher anzieht. Westliche Diplomaten in Asmara geraten ins Schwärmen, denken darüber nach, wie man Entwicklungshilfe sinnvoll einsetzen könnte, wie Berufsschulen gebaut werden könnten für die Handwerker, die dann die ganze Stadt sanieren. Das wäre ein grosses Konjunkturprogramm, ein Durchlüften für Asmara. Damit braucht man dem Regime aber nicht zu kommen, das immer wieder sagt, dass es auf staatliche Hilfe von aussen gerne verzichte. Auch mit der gigantischen Eisenbahnlinie an die Küste, eine der steilsten der Welt, hat es das Regime so gehalten. In jahrelanger Kleinarbeit wurde sie erneuert, ohne fremde Hilfe.

«Heimliche Hauptstadt der Moderne», so lautete der Titel einer weltweiten Wanderausstellung im Jahr 2007. Der Titel hat weiter Gültigkeit. Asmara ist ein Weltkulturerbe aus ferner Zeit, das vor der Welt bisher geschützt wurde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.11.2018, 09:10 Uhr

Artikel zum Thema

Einer der sinnlosesten Konflikte Afrikas geht zu Ende

20 Jahre lang stritten Äthiopien und Eritrea erbittert um ein Grenzdorf. 100'000 Menschen starben. Nun schliessen die Staaten Frieden. Mehr...

Gibt es Hoffnung für das «Nordkorea Afrikas»?

In Eritrea verzweifeln viele an einem Staatsdienst, der Sklaverei nahe kommt. Dank der Aussöhnung mit Äthiopien könnte dieser nun enden. Besuch in einem Land im Aufbruch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Mit Vitamin D Leistung und Ausdauer fördern

Geldblog Altersleistungen sind oft nur eine Illusion

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...