«Das könnte den USA in die Hände spielen»

Die USA planen Gespräche mit den afghanischen Taliban in Doha. Afghanistan-Experte Kevin Francke über den diplomatischen Durchbruch, gegenseitige Forderungen und das Kalkül der Amerikaner.

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Die USA planen, in den nächsten Tagen Gespräche mit den Taliban aufzunehmen. Warum gerade jetzt?
Der Zeitpunkt ist nicht wirklich überraschend. Die USA haben schon länger auf diese Gespräche gedrängt, nur konnte man sich bisher nicht auf ein geeignetes Format einigen.

Wie kam es zum jetzigen diplomatischen Durchbruch?
Deutschland spielte bei den Vorverhandlungen sicher eine grosse Rolle. Die Deutschen haben momentan den Vorsitz inne in der internationalen Kontaktgruppe für Afghanistan. Auch traditionell verfügt Deutschland über gute Kontakte im Land, deshalb waren sie wohl schon länger bei der Vermittlung der Gespräche dabei.

Barack Obama sprach von einem «wichtigen Schritt». Vollzieht der US-Präsident eine politische Kehrtwende?
Ich würde nicht von einer Kehrtwende sprechen. Es gab aufseiten der USA schon mehrmals den Versuch, auch die Aufständischen an den Gesprächstisch zu holen. Die Devise der Amerikaner lautete schon seit Jahren: «Dieser Krieg ist militärisch nicht zu gewinnen.»

Welche realistischen Erwartungen können an die geplanten Gespräche gestellt werden?
Ein tatsächlicher Friedensschluss ist auf die Schnelle sicher nicht zu erwarten. Doch die Gespräche könnten der Beginn einer positiven Entwicklung sein, Ergebnisse werden aber wohl erst in ein paar Jahren sichtbar sein. Die Frage ist, ob die Gespräche auf einem bilateralen Niveau verharren oder ob man es schafft, auch andere Parteien mit an Bord zu holen. Die afghanische Regierung unter Karzai darf auf keinen Fall aussen vor gelassen werden, ebenso dürfen die Forderungen der Zivilgesellschaft nicht ausgeblendet werden. Sonst wären die Gespräche über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt.

Welche gegenseitigen Forderungen stehen im Raum?
Die USA wollen, dass die Taliban die afghanische Verfassung akzeptieren. Darüber hinaus sollen sie ihre Waffen niederlegen und sich von Terrororganisationen wie al-Qaida distanzieren. Die Hauptforderung der Taliban hingegen ist der komplette Rückzug der US-Truppen aus Afghanistan. Dieser soll so schnell wie möglich vonstattengehen.

Welche Bedeutung haben die Gespräche auf den geplanten US-Rückzug 2014?
Die Gespräche spielen für den Rückzug der Amerikaner eine grosse Rolle. Verlaufen sie positiv, würde das den USA in die Hände spielen. Dann könnten sie eventuell die Truppen, die auch nach 2014 für Sicherungsaufgaben im Land verbleiben sollen, reduzieren.

Wäre das nicht ein grosses militärisches Risiko?
Doch, die Lage in Afghanistan ist immer noch sehr unsicher. Die Frage ist deshalb, wie weit man allfälligen Verhandlungserfolgen trauen kann. Den USA wird es aber auch sicher darum gehen, erhobenen Hauptes den Rückzug aus dem Land antreten zu können.

Welche Rolle spielt das geplante Verbindungsbüro in Doha?
Das Büro steht schon länger, wurde aber bis anhin nicht benutzt. Der Ort wird sicher eine grosse Rolle in den Verhandlungen zwischen Taliban und USA spielen. Hauptsache ist, dass sich die beiden Parteien auf neutralem Boden treffen können, und nicht in Afghanistan.

Werden die Taliban bei den Gesprächen überhaupt mit geeinter Stimme sprechen können?
Die Taliban sind keine einheitliche Gruppe. Sie bestehen aus mehreren Stämmen und äussern sich auch sehr differenziert, je nach ihrer regionalen Herkunft. Auch dies ist eine Herausforderung der Gespräche: zwischen den Talibangruppen einen Minimalkonsens zu finden.

Warum können die Taliban ihre innenpolitische Macht auch nach Jahren des Krieges noch immer halten?
Die Taliban haben zwar immer noch einen grossen Einfluss in Afghanistan, diesen machen sie jedoch vor allem mit brutaler Gewalt geltend. Die tatsächliche Macht hält sich stark in Grenzen. Dass sie noch immer eine Rolle spielen, ist auch der afghanischen Regierung zuzuschreiben. Diese ist auch heute noch schwach und schafft es nicht, sich als regulärer Ansprechpartner zu positionieren.

Die Nato-Intervention 2001 in Afghanistan hatte schnelle Erfolge zum Ziel. Zwölf Jahre später setzt man sich wieder mit den Taliban an einen Tisch. Hat die Afghanistanstrategie versagt?
Nein, die Strategie hat nicht versagt. Anfangs wurden jedoch zu grosse Hoffnungen geschürt. Man sprach von einem kurzen Feldzug und von einer raschen Demokratisierung. Afghanistan sollte nach dem Vorbild der Schweiz neu aufgebaut werden. Man liess damals aber ausser Acht, dass das Land bereits einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg hinter sich hatte. Man musste beim Aufbau wirklich bei null beginnen. In diesem Licht betrachtet wurde in den letzten zwölf Jahren viel erreicht, das positiv stimmt im Hinblick auf die angestrebte Demokratisierung des Landes.

Erstellt: 19.06.2013, 15:09 Uhr

«Deutschland spielte bei den Vorverhandlungen eine grosse Rolle»: Kevin Francke, Afghanistan-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).

USA planen Gespräche mit Taliban

Nach der Eröffnung eines Verbindungsbüros der afghanischen Taliban in Katars Hauptstadt Doha wollen die USA zügig Gespräche mit ihnen aufnehmen. Der Kontakt zu den Taliban solle in den kommenden Tagen hergestellt werden, sagte ein Vertreter der US-Regierung am Dienstag.

Bei dem ersten offiziellen Treffen von US-Vertretern mit Taliban seit Jahren sollten zunächst die Verhandlungsthemen erörtert werden, sagten US-Vertreter. Zwei Wochen später könne ein weiteres Treffen stattfinden.

«Der beste Weg zu einem Ende der Gewalt»

US-Präsident Barack Obama nannte die geplanten Gespräche einen «wichtigen ersten Schritt», rechnete aber mit einem langen und schwierigen Prozess. «Ein von Afghanen geführter und bestimmter Friedensprozess ist der beste Weg zu einem Ende der Gewalt und zur Sicherstellung von dauerhafter Stabilität in Afghanistan und der Region», sagte Obama am Rande des G-8-Gipfels in Nordirland vor seiner Weiterreise nach Berlin.

Von ihrem Verbindungsbüro in Doha versprechen sich die Taliban, die bis Ende 2001 in Afghanistan herrschten und danach in einen Guerillakrieg mit den US-geführten Truppen traten, ihrem Sprecher zufolge «den Beginn des Dialogs zwischen den Taliban und der Welt». Die Taliban stellten einen «baldigen Gesprächsbeginn mit den Amerikanern» und «unter Umständen» auch mit der afghanischen Regierung in Aussicht. Thematisiert werde dabei auch die Lage eigener Gefangener im US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba. (AFP)

Karsai sperrt sich gegen Friedensverhandlungen

Die afghanische Regierung versperrt sich den angestrebten Friedensverhandlungen mit den islamistischen Taliban. Inmitten des aktuellen Blutvergiessens könnten solche Gespräche nicht stattfinden, sagte Präsident Hamid Karsai am Mittwoch in Kabul. Zunächst müssten die Aufständischen die Gewalt stoppen, forderte er. Karsai rügte zudem, dass die USA zunächst allein mit den Taliban in Katar sprechen wollen, ohne seine Regierung.

Die USA seien bei den Friedensgesprächen unerwünscht, sagte Karsai. Ausschliesslich Afghanen sollten teilnehmen, forderte er. Aus Protest setzte Karsai die laufenden Verhandlungen mit Washington über ein Sicherheitsabkommen für einen Truppenverbleib nach 2014 aus. (sda)

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