Das todernste Buch

Niemand beleidigt den Koran ungestraft. Denn bis heute ist diese Schrift mancherorts Gesetzesquelle, und ihre Macht hält an.

Streitobjekt: Der Koran, hier eine englische Übersetzung.

Streitobjekt: Der Koran, hier eine englische Übersetzung. Bild: Keystone

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Der US-Prediger Terry Jones hat mit seiner Ankündigung, den Koran zu verbrennen, weltweit Furore gemacht. Die einen Menschen sind zornig. Die anderen fürchten just diesen Zorn, er hat bereits zu Blutvergiessen geführt. Man beleidigt den Koran nicht ungestraft, er ist ein heiliges Buch.

Und er ist in dieser Kategorie das mächtigste. Die Schriften des Konfuzius und das Tao-Te-King des Laotse sind Weisheitsquellen, mehr nicht. Das Schrifttum des Buddhismus und Hinduismus ist verwirrlich dezentral. Der Tanach mit der Thora im Zentrum wird von den Juden durchaus ernst genommen. Bloss gibt es gut 100-mal weniger Juden als Muslime. Und die Juden drängen ihr Buch niemandem auf.

Bibel, die Rivalin des Korans

Bleibt die Bibel der Christen, historisch gesehen die direkte Rivalin des Korans. Ihre Stellung ist längst durch die Aufklärung und mehrere Wellen der Textkritik erschüttert worden. Freilich gibt es auch heute Menschen, die nach ihr leben. Die Bibel kennt dabei im Christentum selber Konkurrenz. Da ist auch noch Jesus, Gottes Sohn, der die Menschen erlösen will.

Das Christentum hat also Jesus und die Bibel. Im Islam hingegen gibt es nur den Koran. An dieser Stelle zu argumentieren, Mohammed sei der Jesus des Islam, wäre unkundig und beleidigend für die Muslime. Mohammed ist strikt ein Mensch. Er ist nicht Gottes Sohn, sondern der Überbringer von Gottes Koran. Er ist der Bote.

Der Koran, mit anderen Worten, ist in seiner Religion aussergewöhnlich souverän. Umso schwieriger wird es, ihn zu entmachten. Als der ägyptische Islamforscher Abu Zaid vor Jahrzehnten damit begann, das Buch modernen Textanalysen zu unterziehen, geriet er in Lebensgefahr. Man könne mit dem Koran nicht verfahren wie etwa mit der «Odyssee», hiess es. Gott sei doch kein Autor wie Homer, an dessen Worten man herumkrittle. Gott sei . . . Gott.

Abu Zaid musste ausreisen, er lebte später in Holland. Eine ägyptische Karikatur zeigte ihn, wie er mit einem Dolch in den Koran sticht: Blut fliesst.

Verspielt ist hier gar nichts

Dass der Koran eine todernste Sache ist, hat auch mit seiner Entstehung zu tun. Mohammed verkündet ihn unter Bedrängnis und in nur 22 Jahren, von 610 bis 632 nach Christus. Dies ist eine äusserst eintönige Schrift. Wenige Themen (Lob der Guten, Warnung der Bösen, Aufruf zur Umkehr) werden atemlos wiederholt. Darin steckt ungeheuer viel Kraft und Furor. Verspielt ist im Koran gar nichts.

Enorm «handlungsrelevant», wie Soziologen sagen würden, ist der Koran, weil Mohammed ab 622 eine grosse Gemeinde leiten muss. Er wird Politiker und Kriegsherr. Das prägt den Koran, «juristisiert» ihn. Manche Länder, Saudiarabien etwa, entnehmen aus ihm noch heute direkt Recht.

Oft setzten sich Gelehrte dafür ein, den Koran nicht mehr wörtlich zu deuten, ihn «moderner» zu lesen. Der Sudanese Mahmud Muhammad Taha wurde darum 1985 gehängt. 1992 starb bei einem Anschlag in Kairo Farag Foda, der die Koran-inspirierte Scharia anzweifelte. 1994 überlebte Literaturpreisträger Nagib Machfus in Kairo ein Attentat schwer verletzt, er wollte den Koran einschränken.

Und natürlich, darum hat Prediger Jones jetzt Besorgnis ausgelöst, sind auch nicht muslimische Koran-Feinde, -Spötter, -Skeptiker gefährdet. Das letzte Foto des Holländers Theo van Gogh zeigt den Islamkritiker tot auf der Strasse. In seiner Brust steckt ein Dolch mit einem drohenden Schreiben: Es ist garniert mit Koransprüchen.

Erstellt: 12.09.2010, 11:25 Uhr

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