Das unfertige Silicon Valley der Palästinenser

Ein Unternehmer baut eine neue Siedlung für 40'000 Menschen im Westjordanland. Aber noch will fast niemand da wohnen.

Die meisten Wohnungen und Büros von Rawabi stehen noch leer. Mieter und Jungunternehmer kommen nur zögerlich. Foto: The Washington Post (Getty Images)

Die meisten Wohnungen und Büros von Rawabi stehen noch leer. Mieter und Jungunternehmer kommen nur zögerlich. Foto: The Washington Post (Getty Images)

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Schicke Lampen, Designermöbel, Flipcharts, grüne Sitzkissen, coole Loftatmosphäre – wer diesen durchgestylten Coworking Space betritt, könnte meinen, im Silicon Valley zu sein, in London, Berlin, Tel Aviv oder irgendeinem anderen der angesagten Start-up-Zentren dieser Welt. Doch dieser Raum hier liegt nicht im Silicon Valley, sondern mitten im von Israel besetzten Westjordanland. Wenn man aus dem Fenster blickt, sieht man Baustellen und halb fertige Häuser. Rawabi, nur zehn Kilometer von Ramallah, dem Sitz der Autonomieregierung, entfernt, ist die erste palästinensische Stadt, die auf dem Reissbrett entstanden ist – seit acht Jahren wird daran gebaut.

Der Palästinenser Bashar Masri will hier seine Vision verwirklichen: zuerst eine Stadt, dann ein Staat. Von dem bereits fertigen «Tech-Hub» soll die Entwicklung ausgehen. «Das ist der Katalysator für unsere Start-up-Nation», erklärt der Geschäftsmann, der auch einen US-Pass hat. Mit seinem weitverzweigten Firmenimperium und Projekten in Marokko, Jordanien und Ägypten ist er zum Multimillionär geworden, jetzt will er seiner Heimat etwas zurückgeben. Seine Vision fasst er in einen Satz: «Hier entsteht ein palästinensisches Silicon Valley, wo man leben, arbeiten und wachsen kann.» 40'000 Menschen sollen einmal in Rawabi wohnen, 5000 Arbeitsplätze im Hightech-Bereich entstehen.

Noch lässt der Aufschwung auf sich warten: Bashar Masri vor einem Stadtviertel in Rawabi. Foto: Keystone

Es ist ein höchst riskantes Experiment. Seit über 50 Jahren ist das Gebiet von Israel besetzt. Immer wieder flammen Konflikte auf, gibt es neue Schikanen der Israelis, klagen die Palästinenser. 2,6 Millionen Palästinenser leben im Westjordanland und inzwischen 60'000 jüdische Siedler, deren Zahl zunimmt, auch das ist immer wieder Anlass für Konflikte. Vor allem aber fehlen Jobs. Etwa 18 Prozent der Palästinenser im Westjordanland sind arbeitslos, unter denen, die jünger als 24 Jahre sind, ist es fast jeder Dritte. Das will Masri ändern und den jungen Palästinensern, viele von ihnen gut ausgebildet, eine Chance bieten.

Noch fehlt es an Nachfrage

Im Coworking-Space-Connect, der ein ganzes Stockwerk umfasst, sind nur drei der rund fünf Dutzend Arbeitsplätze besetzt. Dabei preist der zuständige Manager Zaid Salem die Ausstattung an: «Superschnelles Internet, 3-D-Drucker, technische Unterstützung, zehn kleinere Büros und drei Besprechungsräume. Start-ups, Unternehmer und Einzelkämpfer können sich hier vernetzen.» Ein Luxus, von dem man im übrigen Westjordanland nur träumen kann. Und dennoch fehlt es an Nachfrage. Im ganzen Haus haben sich in den vergangenen eineinhalb Jahren nur vier Start-ups angesiedelt. Immerhin: Eines, Imagry, ist sehr erfolgreich, in Zusammenarbeit mit Samsung entwickelt es Software und Technologien für autonomes Fahren.

Auf solche Unternehmen setzt Masri: Seinen Vorstellungen zufolge könnten Tech-Konzerne wie Google, Microsoft oder Intel hier Innovationszentren einrichten, ein Private-Equity-Fonds soll Kapital für Start-ups bereitstellen und ein Rawabi-Institut für die Fortbildung der Arbeitskräfte sorgen. Dann, davon ist der 57-Jährige überzeugt, werden die palästinensischen Gebiete nicht mehr vorwiegend mit Aufständen und Problemen assoziiert, sondern weltweit auch als Hightech-Standort wahrgenommen.

Eine Stadt um zu leben, zu arbeiten und zu wachsen: Werbefilm für Rawabi.

Rawabi heisst auf Arabisch «Hügel». Auf einem solchen, direkt neben der jüdischen Siedlung Ateret, wurde 2010 mit den Bauarbeiten begonnen. Der Platz war bewusst gewählt, er liegt im sogenannten A-Gebiet des Westjordanlandes, das palästinensischer Verwaltung unterliegt. Rundherum aber ist C-Gebiet, das unter israelischer Kontrolle steht. Diese Aufteilung in Verwaltungszonen war 1995 im Interimsabkommen zwischen Israel und der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) vereinbart worden. Es sollte eine Übergangslösung sein, bis zur Bildung eines palästinensischen Staates – doch den gibt es bis heute nicht. Das macht Projektentwicklungen im Westjordanland so schwierig. Masri musste mit den israelischen Behörden über jedes Detail der Infrastruktur verhandeln: über die Wasserversorgung, den Anschluss ans Stromnetz und Strassenverbindungen. Allein die Genehmigung für die – einzige – Zufahrtsstrasse von Ramallah nach Rawabi, die knapp drei Kilometer durch das von Israel kontrollierte C-Gebiet führt, dauerte drei Jahre. Bis die Wasserversorgung geklärt war, vergingen zwei Jahre. Israelis und Palästinenser warfen sich wechselseitig Verzögerungen vor, schliesslich stimmte Israels Premierminister Benjamin Netanyahu nach Interventionen der damaligen US-Regierung unter Barack Obama zu.

Mancher Investor war da schon abgesprungen. 451 Kaufverträge für Wohnungen sollen gekündigt worden sein. Dazu beigetragen haben dürften auch gelegentliche Kontrollen durch israelische Soldaten auf der Zufahrtsstrasse. Das Risiko, dass der einzige Weg in die Stadt eines Tages völlig blockiert werden könnte, wollten einige Käufer dann doch nicht eingehen. Auch viele Firmenchefs zögern, ihre Unternehmen hier anzusiedeln.

Von Anfang an gab es zudem Kritik von palästinensischer Seite an dem Projekt: zu westlich, zu luxuriös, zu protzig, zu steril, heisst es. Dass Masri Baumaterial aus Israel bezog, mit Israelis kooperiere und auf eine Normalisierung der Beziehungen zur Besatzungsmacht hinarbeite, wird ihm ebenfalls zum Vorwurf gemacht. Der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas hat sich in Rawabi noch nie blicken lassen.

Viel Geld aus Katar

Masri lässt sich von all dem nicht beirren, er ist beseelt von seinem Plan – obwohl die Kosten wegen der Verzögerungen mittlerweile explodiert sind. Umgerechnet 1,4 Milliarden Schweizer Franken wurden bislang investiert, das Doppelte der ursprünglich veranschlagten Summe. Es ist das mit Abstand grösste private Projekt im Westjordanland. Das Geld dafür stammt zu etwa einem Drittel von Masri und seinen Firmen, den Grossteil aber steuert das Emirat Katar über seinen Staatsfonds bei. Entsprechend heisst auch das Hauptgebäude Q-Center. Q steht für Qatar, die englische Schreibweise des arabischen Staats. Es ist eine Reverenz an den Geldgeber. Von der palästinensischen Autonomiebehörde erhält Masri eigenem Bekunden zufolge «gar nichts».

Rund um das Q-Center, in dem auch der «Tech-Hub» liegt, und die riesige Plaza sind die Cafés und Restaurants geöffnet. In den Strassen, durch die der Wind pfeift, haben sich Geschäfte angesiedelt – 28 sind es bisher. Klingende Markennamen sind vertreten: von Swarovski über Nine West bis zu Timberland. Aber nur wenige Kunden sind zu sehen. Und wer den Blick hebt, bemerkt, dass die oberen Stockwerke weitgehend leer stehen, teilweise sind nicht einmal Fenster eingebaut. Ein wenig wirken die Strassen noch wie Kulissen für einen Film. Immerhin: Das Amphitheater im römischen Stil, das 15'000 Personen Platz bietet, ist fertiggestellt. An Schulen, einer Klinik sowie einer Moschee wird noch gebaut. 22 Stadtviertel und insgesamt 8000 Wohnungen sieht der Masterplan für die Stadt vor, vier der Viertel sind bisher fertig. Zwischen den Wohnblocks findet man Fitnessparcours und Spielplätze, die Wohnungen sind mit allem Komfort ausgestattet.

Das grösste Softwarehaus des Landes

1250 Wohnungen sind inzwischen fertiggestellt, 750 davon verkauft, doch nur 200 wurden auch bezogen. Etwa 3500 Menschen leben in Rawabi – zumindest zeitweise. Viele Eigentümer nutzen ihre Appartements nur am Wochenende oder in der Urlaubszeit, manche sehen es auch als Investitionsobjekt und hoffen auf bessere Zeiten.

Die meisten der Bewohner sind selten zuhause: Eine Familie vor ihrem Haus in Rawabi. Foto: Keystone

Auch Murad Tahboub hat seinen Wohnsitz nicht hierher verlegt, sondern pendelt jeden Tag zwischen Rawabi und Ramallah, wo seine Familie wohnt. Aber seine Firma Asal hat seit Juli 2017 ihren Hauptsitz in Rawabis «Tech-Hub» verlegt. Asal ist das grösste Softwarehaus in den palästinensischen Gebieten. Der Gründer kam im Alter von 30 Jahren nach einem Marketing-Studium an einer US-Universität und einem Arbeitsaufenthalt in den Niederlanden zurück in seine palästinensische Heimat: «Man sprach damals vom Frieden, alles schien erfolgversprechend», erzählt Tahboub.

Elf Universitäten, aber keine Jobs

Kurz nach dem Start im August 2000 in Ramallah begann die zweite Intifada. Der Palästinenseraufstand dauerte fünf Jahre. Doch jetzt läuft das Geschäft von Asal. Der erste internationale Kunde war 2005 eine italienische Firma, es folgten Konzerne wie Cisco, Intel und Microsoft.

250 Mitarbeiter hat Tahboubs Firma im Westjordanland, die meisten arbeiten in Rawabi im «Tech-Hub». Er hofft, dass mehr Firmen Aufträge in die palästinensischen Gebiete vergeben. Tahboub hofft auch auf Interessenten aus Europa: «Europäische Unternehmen gehen nach Indien, China und in andere Destinationen. Wir könnten ihnen Optionen gleich günstig und näher anbieten.» Denn die elf Universitäten im Westjordanland und im Gazastreifen würden viele junge Leute ausbilden, die danach aber keinen Job finden. Die jungen, gut ausgebildeten Palästinenser seien «eine Goldmine für Technologieunternehmen weltweit», sagt der Investor. Jetzt müssten nur alle nach Rawabi kommen, «damit das neue Palästina entstehen kann – allen Schwierigkeiten zum Trotz». Bashar Masri ist kein Mann, der aufgibt.

Erstellt: 18.02.2019, 22:28 Uhr

Erst eine Stadt, dann ein Staat: Bashar Masri hat ein grosses Ziel. Foto: Imago

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