Deckname César – Zeuge von Assads Gräueln

Der syrische Ex-Militärfotograf César hat 55'000 Bilder ins Ausland geschmuggelt. Sie zeugen von Tausenden zu Tode gefolterten Zivilisten.

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Vor dem Ausbruch der Revolution in Syrien führte der Mann ein normales Leben. Sein Job war unspektakulär, er arbeitete als Fotograf für die Militärpolizei. Wenn bei Unfällen, einem Selbstmord oder auch mal einer Schiesserei Militärangehörige betroffen waren, war seine Arbeit gefragt. Er fotografierte die Unfallorte, die Opfer, allenfalls Tatwaffen. Seine Abteilung sei nicht wichtig gewesen, niemand habe sich gross um die Arbeit von ihm und seinen Kollegen gekümmert. Alle zwei, drei Tage gab es etwas zu tun. «Es war keine harte Arbeit», sagt er.

Die französische Journalistin Garance Le Caisne hat den Fotografen, der heute unter dem Decknamen César bekannt ist, aufgespürt und sein Vertrauen gewonnen. Die Gespräche mit ihm erscheinen jetzt in Frankreich als Buch. In der britischen Tageszeitung The Guardian hat Le Caisne eine Kurzversion der Geschichte von César und Gesprächsausschnitte publiziert.

«Es werden jeden Tag mehr»

Im Frühling 2011 begannen im Zuge der Arabischen Revolution die ersten Proteste in Syrien. Die Arbeit des jungen Fotografen sollte sich rasch ändern. Bis anhin hatte er mit toten Soldaten zu tun – jetzt waren die Toten Zivilisten. Bereits in den ersten Wochen der Revolution seien die ersten Leichen von Demonstranten ins Militärspital gebracht worden. Sie stammten aus der Provinz Daraa, wo die ersten grossen Demonstrationen stattgefunden haben. Die Militäroffiziere hätten gesagt, es seien Terroristen. «Aber es waren normale Demonstranten», sagt der Fotograf. Am Anfang wurden die Leichen noch mit Namen angeschrieben, bald erhielten sie nur noch Nummern. Von jedem Toten musste der Fotograf fünf Bilder machen.

Heute lebt César als Flüchtling versteckt in Europa. 55'000 Aufnahmen von 11'000 Leichen hat der ehemalige Militärfotograf mithilfe eines Freundes ins Ausland geschmuggelt. Experten wie David Crane, früherer UNO-Staatsanwalt für Kriegsverbrechen in Sierra Leone, haben die Fotos auf ihre Echtheit überprüft. Seit kurzem ermittelt Frankreich aufgrund dieser Bilder gegen das Assad-Regime wegen mutmasslicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das Holocaust Museum in Washington stellt einen Teil der Bilder Césars aus.

Im Schuh aus dem Büro geschmuggelt

Niemand sei auf natürliche Weise gestorben, wie dies die Offiziere in ihren Dokumenten registriert hätten. Als Todesursachen notierten sie Herzinfarkt oder Atemwegsprobleme. In Tat und Wahrheit waren die Menschen aber zu Tode gefoltert worden. Die Leichname seien bis auf die Knochen abgemagert, die Körper mit tiefen Striemen, Spuren von Schlägen und Brandwunden übersät. Viele Opfer wurden stranguliert oder durch Stromstösse getötet.

Das Regime habe schon immer gefoltert, sagt César. Vor der Revolution, um Informationen von Gefangenen zu erhalten. Aber dann folterten sie, um zu töten. «Es werden jeden Tag mehr», habe er unter Tränen einem Freund erzählt. Dieser Freund überzeugte ihn weiterzumachen, um die Beweise aus dem System Assad zu sammeln. Zwei Jahre lang riskierte César dafür sein Leben. «Ich bin von Natur aus ein ruhiger Mensch, aber dann war ich gereizt, verängstigt. Es machte mich krank», sagt César.

«Mein Leben war von beiden Seiten in Gefahr.»César, Fotograf

Die Zahl der Leichen stieg rasch an im Militärgefängnis von Damaskus, das in Sichtweite des Präsidentenpalastes liegt. Die Vorgesetzten hätten sie angeschrien, schneller zu arbeiten. «Die Leichen stapeln sich sonst.» César brachte den Leichengeruch nicht mehr weg. Er habe einen Weg gesucht, damit umzugehen, und dann sei es Teil seines alltäglichen Lebens geworden. Wenn er alleine im Büro war – er konnte auch seinen Fotografenkollegen nicht trauen –, lud er die Bilder auf einen USB-Stick seines Freundes und schmuggelte diesen nachher im Schuh aus dem Büro.

Einmal hatte er einen Freund fotografiert und nicht erkannt. «Gesichter ändern sich schnell im Gefängnis», sagt César. Erst im Nachhinein habe er herausgefunden, dass der Freund im Gefängnis gestorben sei und er ihn fotografiert hatte. César durfte sich nichts anmerken lassen. «Sonst wäre ich selber ins Gefängnis gekommen und zu Tode gefoltert worden.» Aber er fürchtete sich auch vor den Rebellen, die gegen Assad kämpften, weil er für das Regime arbeitete. «Mein Leben war von beiden Seiten in Gefahr.»

Das Regime dokumentiert alles

Warum liess das Regime die Fotos machen? Darüber habe er sich oft selber gewundert. Und er habe nur eine einfache Antwort darauf: «Das Regime dokumentiert alles.» Als die Zeitschrift «Foreign Affairs» Assad mit den Aufnahmen des Militärfotografs konfrontiert hatte, sagte dieser: «Das sind haltlose Vorwürfe.» Nach dem Beginn der Revolution und dann während des Kriegs hätten sie einfach ihre Arbeit routinemässig fortgesetzt, sagt César. «Das Regime hat sich nie vorgestellt, dass eines Tages unsere Arbeit gegen es verwendet werden könnte.»

Jetzt hofft die Journalistin Le Caisne, dass sich Assad dereinst vor dem internationalen Strafgericht rechtfertigen muss. Und auch César hat einen Wunsch: Das Buch über ihn und seine Bilder sei auch eine Botschaft an all die Diplomaten und Politiker, die heute wieder auf Assad zugehen würden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.10.2015, 16:44 Uhr

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