Den IS-Jägern auf den Fersen

Kriegsfotograf Alex Kühni begleitete eine irakische Sonderpolizeieinheit nach Mosul. Seine Bilder sind eindrücklich – seine Erläuterungen genauso.

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«Der Kampf gegen den IS ist noch lange nicht zu Ende», sagte Oberst Abdullrazaq Rayan. Die Terrormiliz sei im Untergrund genauso gefährlich wie in den drei Jahren, in denen sie Mosul beherrschte. Oberst Rayan ist der Chef einer 50 Mann starken irakischen Sonderpolizeieinheit (Swat), die in der Millionenstadt und angrenzenden Wüstengebieten im Einsatz steht. Ihre Mission ist, Schläferzellen des IS aufzuspüren und Mitglieder der gefürchteten Terrormiliz festzunehmen. Viele IS-Kämpfer leben inmitten der Bevölkerung. Sie haben ihre Bärte rasiert und verhalten sich unauffällig.

«Meine Truppe wird nicht aufgeben, bevor wir den letzten Terroristen erwischen», versicherte Oberst Rayan dem Schweizer Kriegsfotografen Alex Kühni, der als eingebetteter Journalist die Swat-Einheit ein paar Tage begleitet hat. Kühni war im Juli in den Nordirak gereist, zunächst mit dem Flugzeug nach Arbil und dann mit dem Auto nach Mosul – genau ein Jahr nach der Befreiung durch die internationale Anti-IS-Koalition. Der 36-jährige Fotojournalist aus Bern dokumentierte, wie schwer bewaffnete Swat-Männer den Unterschlupf eines mutmasslichen Terroristen mitten in der Nacht stürmten, wie sie danach ein unterirdisches Tunnelsystem des IS in der Wüste durchsuchten und schliesslich einen dichten Schilfwald am Ufer des Tigris angriffen. Dort vermuteten sie einen Rückzugsort des IS samt Waffenlager.

Video – Die Rückeroberung der Stadt Mosul.

Kühni erlebte eine Sondereinheit, die den teilweisen Mangel an Ausbildung und Ausrüstung durch Engagement und eine Prise Leichtsinnigkeit wettmachte. So wollten die Swat-Männer einen IS-infiltrierten Wüstenabschnitt durchsuchen, stellten aber erst dort fest, dass sie keine Batterien für ihre teuren US-Minensuchgeräte dabeihatten. «Batterien zu organisieren, war ihnen aber zu umständlich», erzählt Kühni, «und so marschierten sie ohne Suchgeräte in das verminte IS-Gebiet.» Kühni, ausgerüstet mit zwei Kameras und drei Objektiven, ging hinterher.

Jeden Tag Leichen

Nicht nur die verbliebenen IS-Terroristen sorgen für Gefahr in Mosul, sondern auch die explosiven Kriegsreste aller Konfliktparteien – Fliegerbomben, Raketen, Granaten, Minen, Sprengstoffgürtel und andere improvisierte Sprengsätze. Nach Angaben der Hilfsorganisation Handicap International bedrohen rund acht Millionen Tonnen explosiver Kriegsreste die Menschen im weitestgehend zerstörten Westteil der zweitgrössten Stadt des Irak. Immerhin seien die meisten Strassen gut geräumt, sagt der Fotograf. Und dank der starken Militärpräsenz seien IS-Attentate mit Autobomben und Selbstmordanschläge selten geworden. «Mosul ist heute sehr kontrastreich», erzählt Kühni. «In manchen Quartieren erinnern nur die überspachtelten Einschusslöcher an die Schlacht, andere gleichen einer Mondlandschaft aus Trümmern und Leichen.» Über der Altstadt liegt ein beissender Verwesungsgeruch, wie Kühni berichtet. Auch ein Jahr nach dem Ende der Kämpfe bergen die Zivilschützer jeden Tag 10 bis 30 Leichen. Die Schlacht, die ohne Rücksicht auf die Zivilisten geführt wurde, forderte über 10'000 Tote.

Kühni ist in den letzten vier Jahren regelmässig in den Irak gereist. Als eingebetteter Fotograf begleitete er zunächst mehrmals kurdische und assyrische Milizen, die gegen den IS kämpften. Während der neunmonatigen Schlacht um Mosul war er viermal mit irakischen Regierungstruppen an der Front. In dieser Zeit entstand die Sniper-Reportage, für die Kühni im vergangenen Frühling den Swiss Press Photo Award erhalten hat.

Bei seinen Fronteinsätzen geriet Kühni mehrmals in gefährliche Situationen. Einmal habe er ohne Soldaten ein vermeintlich gesäubertes Tunnelsystem betreten, in dem sich aber noch IS-Kämpfer befunden hätten. «Einige Male rauschten Mörsergranaten des IS buchstäblich über meinen Kopf und schlugen danach in der Nähe ein», erzählt Kühni weiter. «Und einmal sass ich in einem zum Glück gepanzerten Humvee, als dieser von einem IS-Sniper unter Beschuss genommen wurde.» Das Aufprallen der Geschosse am Fahrzeug zu hören, sei ein ungutes Gefühl gewesen. «Angst ist schlecht», meint Kühni. «Auch in brenzligen Situationen versuche ich, Angst zu unterdrücken.» Bei Feuergefechten kommuniziere man mit Handzeichen. Er kenne aber auch ein paar arabische Wörter. Zum Beispiel: los, rennen, in Deckung, Stop, Ja, Nein.

Gut vernetzte Fixer

Der Berner Kriegsfotograf macht nicht den Eindruck eines Haudegens. Im Gegenteil, er wirkt ruhig und überlegt. Wenn Kühni sich in gefährlichen Gebieten bewegt, versucht er dauernd, «wachsam zu bleiben und die Lage vorsichtig einzuschätzen». Kühni spricht von Respekt, denn er weiss, dass sich scheinbar ruhige Situationen rasch ändern können. «Im Gegensatz zu den Soldaten kann ich Nein sagen, wenn mir eine Mission zu gefährlich erscheint.» Zu seiner Sicherheit trägt er stets einen Helm und eine Schussweste. Ständig dabei hat er medizinische Hilfsmittel wie Notfallbandagen, Venenstauer oder Brustkorbpflaster. «Dafür habe ich eine Beintasche, die ich immer trage und nie im Auto lasse», sagt Kühni, der vor seiner ersten Irakreise extra gelernt hatte, wie sich Kriegswunden behandeln lassen. Der Fotograf ist bisher ohne Verletzungen davongekommen. Im Gegensatz zu den Fronteinsätzen während der Schlacht war er bei den Swat-Missionen deutlich geringeren Risiken ausgesetzt. «Ungefährlich war es aber nicht.»

Kriegsjournalisten sind bei ihren Einsätzen auf lokale Kontaktpersonen angewiesen, sogenannte Fixer. Die Kontaktaufnahme mit ihnen verläuft über geschlossene Facebook-Gruppen, die von Journalisten als Logistikgruppen bezeichnet werden, wo man sich über Visa und Bewilligungen, Zugänge zu Hotspots und Risiken austauscht. Journalisten, die in einer Truppe eingebettet arbeiten möchten, brauchen gut vernetzte Fixer, die Kontakte zu hochrangigen Offizieren pflegen. Für seinen Swat-Einsatz musste Kühni beim Kommandanten der Nineveh-Operationen vorsprechen, General Najm al-Jubbouri. «Persönliche Kontakte und Gespräche beschleunigen die Bürokratie im Irak enorm», erzählt Kühni. «Und die speziellen kurdischen Süssigkeiten, die mein Fixer mitbrachte, haben wohl auch geholfen.» Schliesslich war es General Jubbouri, der ihm die Bewilligung für das «force embedment» erteilte.

Operation «Insel-Tiger»

Die spektakulärste Aktion mit der Swat-Einheit erlebte Kühni bei der Operation «Insel-Tiger». Laut lokalen Informanten und abgehörten Telefongesprächen hatten sich IS-Terroristen südlich von Mosul in den dichten Schilfwäldern am Ufer des Flusses Tigris versteckt. Die Sonderkräfte rückten mit Dutzenden Männern und zwölf gepanzerten Fahrzeugen vor. Das vermutete Versteck nahmen sie mit explosiven Brandgranaten unter Beschuss. Nach kurzer Zeit stand das Uferschilf in Flammen. Im Schilf-gebiet explodierte Munition, die in Brand geraten war. Gleichzeitig zogen sich einige Swat-Männer bis auf die Unterhosen aus, um eine Schilfinsel im Tigris zu durchsuchen. Die Truppe von Oberst Rayan fand am Ende nur verkohlte AK-47-Sturmgewehre, Munition und Schlafplätze. Den IS-Leuten war es gelungen, noch rechtzeitig zu fliehen.

Seit dem Swat-Einsatz in Mosul sind ein paar Wochen vergangen. Kühni ist zurück in der Schweiz. Pläne für weitere Irakreisen hat er nicht. Unterdessen macht die Swat-Einheit weiter Jagd auf IS-Terroristen. Tag für Tag. Und noch für lange Zeit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2018, 14:21 Uhr

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