Hintergrund

«Denken Sie, Sie können den Versprechen der Muslimbrüder trauen?»

Im Ringen um die Macht stützt der Westen den neuen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi. Es sei aber falsch, den Islamisten zu vertrauen, warnt der ägyptische Autor und Unternehmer Tarek Heggy.

Der Jubel der Anhänger: Dass Mohammed Mursi sich mit den Generälen angelegt hat, trieb seine Anhänger auf den Tahrir-Platz (9. Juli 2012)

Der Jubel der Anhänger: Dass Mohammed Mursi sich mit den Generälen angelegt hat, trieb seine Anhänger auf den Tahrir-Platz (9. Juli 2012) Bild: Reuters

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Mohammed Mursi hat die Generäle herausgefordert. Das Verfassungsgericht berät heute über sein Dekret, das aufgelöste Parlament wieder einzusetzen. Wie der Machtkampf zwischen dem neuen ägyptischen Präsidenten und dem Militär ausgehen wird, ist ungewiss. Nicht wenige Beobachter befürchten eine Eskalation der Lage.

Den Rücken stärkt dem Islamisten ausgerechnet der Westen. Heute Montag trifft der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle in Kairo ein, um Mursi zu besuchen. Und Barack Obama hat Mursi nach Washington eingeladen. Obwohl Ägypten von einer Demokratie noch weit entfernt ist, scheint sich der Westen mit den Muslimbrüdern arrangiert zu haben. In Ägypten hörte man schon kurz vor dem Sturz Mubaraks Gerüchte, wonach die USA Gespräche mit Vertretern der Muslimbrüdern führten. Nach dem Sturz Mubaraks und während der Präsidentschaftswahlen haben die USA dann die Muslimbrüder mehr oder weniger offen unterstützt.

Vision des Kalifats

Diese Politik sei verfehlt und gefährlich, kritisiert der liberale ägyptische Unternehmer und Autor Tarek Heggy. «Die Unterstützung der Obama-Administration für die Muslimbrüder stammt aus einem extrem falschen Verständnis der Agenda der Muslimbruderschaft, welche seit ihrer Gründung 1928 unverändert geblieben ist», schreibt Heggy auf gatestoneinstitute.org. Die Muslimbrüder stünden für die Scharia und für die Vision des Kalifats, das alle islamischen Gesellschaften unter einem einzigen Anführer vereinen möchte.

Der Sturz des ehemaligen Machthabers Hosni Mubarak sei unvermeidlich gewesen, schreibt Heggy. Danach auf die Muslimbrüder zu setzen, oder es ihnen zu ermöglichen, so stark zu werden, sei jedoch ein grosser Fehler gewesen. Das ägyptische Militär habe in den vergangenen Monaten eine Reihe «fataler Fehler» begangen. Dazu gehöre, dass die Generäle der Wahl des Parlaments zugestimmt hätten, bevor eine neue Verfassung vorgelegen worden sei. Falsch sei es auch gewesen, sich auf islamistische Berater zu verlassen. Am meisten profitiert hätten die Muslimbrüder, als die Generäle Ahmed Shafik ins Rennen um die Präsidentschaft schickten.

Die USA können sich auf weitere Anschläge gefasst machen

Wenn sich Tarek Heggy über die Muslimbrüder äussert, lässt er keinen Spielraum für Interpretationen: «Der politische Islam, das Herz der Muslimbruderschaft, ist Antimoderne, Antifortschritt, Antimenschenrechte, Antidemokratie, Antifrieden, Antialtruismus, Antipluralismus, Antifrauenrechte, antiliberale Ausbildung und antifreies und -kritisches Denken – von seiner Definition her.»

In einem offenen Brief hatte Heggy Ende Juni Barack Obama und Hillary Clinton kritische Fragen zu ihrer Unterstützung der Muslimbrüder gestellt. Wie sie dazu kämen, zu meinen, Mursi vertrete alle Ägypter, wo doch in einem Land von 90 Millionen Bürgern nur 10 Millionen für ihn gestimmt hätten. «Denken Sie, Sie können den Versprechen der Muslimbrüder trauen?» fragt Heggy. Wenn ja, sollen sich die USA auf weitere Anschläge wie am 11. September 2001 gefasst machen. Vor den Muslimbrüdern haben die USA ja seinerzeit Bin Laden gezüchtet.

Wie stark sind die Muslimbrüder?

«Falls Sie planen, in dieser Region eine Front gegen den Iran zu errichten, dann träumen Sie», schreibt Heggy weiter an die Adresse des US-Präsidenten. Durch ihre Unterstützung der Muslimbrüder sorgten die USA im Gegenteil dafür, dass Israel in Zukunft von Feinden umgeben sei. «Warum mischen Sie sich überhaupt in unsere inneren Angelegenheiten ein», fragt Heggy weiter. Er danke für eine rasche Antwort, «bevor Sie den gesamten Mittleren Osten mit Ihrer Aussenpolitik zerstören, die all die Jahre versagt hat.»

Wie stark die Muslimbrüder die ägyptische Politik in Zukunft mitbestimmen werden, hängt nicht zuletzt davon ab, ob sie oder das Militär den laufenden Machtkampf für sich entscheiden können. Der Präsident des ägyptischen Parlaments, Saad al-Katatni, hat Mursis Dekret umgesetzt und die Abgeordneten des aufgelösten Parlaments für Dienstag zu einer Sitzung einberufen. Der Oberste Militärrat war nach der Entscheidung Mursis am Sonntag zu einer Dringlichkeitssitzung zusammengekommen. Bislang hat er sich noch nicht zu dem Vorgehen des Präsidenten geäussert.

(Artikel angereichert mit Material der SDA)

Erstellt: 09.07.2012, 13:54 Uhr

«Der politische Islam, das Herz der Muslimbruderschaft, ist Antimoderne, Antifortschritt, Antimenschenrechte»: Tarek Heggy.

Tarek Heggy

Der liberale Ägypter ist für seine kritischen Kommentare über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Heggy war Nahost-Berater von Shell und sass im Verwaltungsrat verschiedener Ölfirmen. Heute führt er seine eigene Ölfirma, die Tana Petroleum Middle East und hat Einsitz in gut vierzig verschiedene Thinktanks und Organisationen, unter anderem der Rand Corporation in Washington.

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