Hintergrund

Der 28-Jährige, der im Hintergrund die Fäden zieht

Mohammed al-Baradei ist offiziell die Stimme der ägyptischen Opposition. Als wahre Drahtzieher des Aufstands gegen Mursi gelten jedoch die Tamarod-Bewegung und ihr Gründer Mahmoud Badr.

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Als Mohammed Mursi im letzten November nach einem 15-stündigen Sitzungsmarathon die neue Verfassung vorstellte, hat Mohammed al-Baradei das Unheil bereits kommen sehen: «Sie wird Teil der politischen Folklore sein und im Mülleimer der Geschichte landen», sagte der Gründer von Hizb al-Dostour – der ägyptischen Verfassungspartei.

Ein gutes halbes Jahr später scheint es nun wahrscheinlicher denn je, dass Baradeis Prophezeihung eintritt. Die Macht von Präsident Mursi hängt an einem seidenen Faden und er sieht sich mit einer schier unerfüllbaren Forderung konfrontiert, deren Frist heute endet: den Wünschen der Opposition gerecht zu werden. Mit der umstrittenen Verfassung hat sich Mursi ins eigene Fleisch geschnitten. Was ihm zunächst eine Fülle von Macht versprach, könnte ihn zu Fall bringen.

«Eine Stimme verleihen»

Die grösste Mobilisierung seit der Revolution 2011 läuft unter dem Motto «Tamarod – Rebellion». Innert kürzester Zeit ist es der oppositionellen «Front des 30. Juni» gelungen, die Massen zu mobilisieren: Mehr als 15 Millionen Unterschriften will die Gruppierung gemäss eigenen Angaben bereits gesammelt haben. Damit soll eine vorgezogene Präsidentschaftswahl erwirkt werden. Diesem Ziel ist sie nun näher denn je.

Während die Drahtzieher von Tamarod in Ägypten auch öffentlich in Erscheinung treten, ist im Westen wenig über die Gruppierung bekannt. Weil ihre Mobilisierung grösstenteils über Social-Media-Kanäle erfolgt, erscheint sie in den hiesigen Medien seltsam gesichtslos. Gestern ernannte die Opposition den im Westen bestens bekannten Baradei zu ihrem Sprecher. Der Friedensnobelpreisträger und frühere Chef der Internationalen Atomenergiebehörde soll der Bewegung «eine Stimme verleihen».

«Kein Mann des Volkes»

In den westlichen Medien wird der 71-Jährige oft als ägyptischer Rebellionsführer dargestellt. Und nun soll er im Namen der Opposition «ein Szenario entwerfen», mit dem «der politische Übergang» nach Mursi geregelt werden soll, wie ein Oppositionssprecher gegenüber AP mitteilt. Dabei ist Baradei «kein Mann des Volkes», wie TA-Korrespondent Tomas Avenarius aus Kairo sagt: «Mit Baradei will die Opposition lediglich ihre Akzeptanz im Westen fördern. Er gehört hier nicht zu den Drahtziehern.»

Die Leute in den Strassen von Kairo identifizieren sich mit anderen Figuren. Beispielsweise Hamdin Sabahi. Der Aktivist errang bei den Präsidentschaftswahlen im letzten Jahr am drittmeisten Stimmen und gilt als «Ikone der Revolutionsjugend». Er politisiert jedoch am linken Rand und gilt als kompromisslos. Im Gegensatz zur Konsensfigur Baradei geniesst Sabahi im Westen «wenig Prestige», sagt Avenarius.

Der Initiator des Aufstands

Auch Mahmoud Badr dürfte als international anerkannte Führungsfigur weniger infrage kommen. Der 28-Jährige gilt als Gründer der Tamarod-Bewegung. Ihm und seinen Helfern ist es gelungen, die beeindruckende Mobilisierung zu entfachen, die sich nun in einer zweiten ägyptischen Revolution zu entladen scheint. Badr beteiligte sich bereits an den Aufständen 2011, operierte jedoch aus dem Hintergrund und war bis anhin wenig bekannt. Gemäss dem amerikanischen Onlinemagazin «The Daily Beast» arbeitete er in der Zwischenzeit als freier Journalist und beobachtete die Entwicklungen unter der Muslimbruderschaft mit Argwohn: «Mursi ist gegen die Revolution», sagt Badr, der in der Öffentlichkeit mit Jeans und T-Shirt auftritt. Ein Mann von der Strasse.

In diesem Frühling warf Badr seinen Beobachterstatus über Bord und wurde aktiv. Der 1. Mai signalisierte den Startpunkt von Tamarod. Die Bewegung nutzte sämtliche Social-Media-Kanäle und lief von Haustür zu Haustür, um ihre Anliegen unter dem Volk zu verbreiten. Innert Wochen kamen Millionen Stimmen zusammen und Tamarod gelang es, all diese Leute auf die Strasse zu bringen: «Ich bin so stolz auf die ägyptische Bevölkerung. Wir stehen kurz davor, unser Ziel zu erreichen», sagt Badr gegenüber «The Daily Beast».

Armee als entscheidendes Element

Noch vor kurzem hätte niemand eine solche Entwicklung für möglich gehalten. Am wenigsten wohl die Islamisten im Land, die einen Fall des demokratisch legitimierten Präsidenten für unmöglich hielten. Der Salafisten-Scheich Mohammed Abdel Maksud bezeichnete im November eine Gruppe, die auf dem Tahrir-Platz gegen die Verfassung demonstrierte, als «lächerliche Minderheit».

Die erstaunliche Entwicklung vom überschaubaren Grüppchen zur Massenbewegung ging jedoch nicht ohne Kompromisse vonstatten. Experten werten das Verhalten des Militärs als entscheidend: «Der Erfolg von Tamarod basiert auf der Zusammenarbeit mit den Streitkräften», sagt Shadi Hamid, Direktor des Brookings Doha Center, das sich auf die Ereignisse im Nahen Osten spezialisiert hat. Badr ist sich bewusst, dass in Ägypten nur funktioniert, was den Segen der Armee erhält: «Wir begrüssen die Armee. Sie hat gezeigt, dass sie auf der Seite des Volkes steht.» Seine Revolutionsgenossen kritisierten Badr auch schon für seine Militärfreundlichkeit. Doch er wird sich wohl bewusst sein, dass ein Umsturz ohne Kompromiss keine Chance hat. Die Ernennung von Baradei – als Stimme der Opposition – erscheint in diesem Kontext nur konsequent. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.07.2013, 15:14 Uhr

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