Stimmen aus dem Ägypten nach Mubarak

Der Aufstieg der Islamisten entzweit Ägyptens Frauen

Die einen freuen sich auf die Scharia, die andern sprechen von einem Rückschlag – zwei Stimmen aus dem Ägypten nach Mubarak.

Ungewisse Zukunft: Ägyptische Frauen an einer Demonstration der Muslimbrüder in Kairo.

Ungewisse Zukunft: Ägyptische Frauen an einer Demonstration der Muslimbrüder in Kairo. Bild: Keystone

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Beide waren auf dem Tahrir-Platz, haben für die Revolution geschrien, gezittert, gelitten. Als Frauen, als Ägypterinnen. «Auf dem Platz wurden wir respektiert; wir waren gleichberechtigt. Es war, als wäre in der Geschlechterfrage eine neue Ära angebrochen», erinnert sich die Frauenrechtlerin Fatma Khafagi nostalgisch. Die Islamistin Manal Abul Hassan hingegen hebt die Hand und zeigt ihren schweren Ring. Damit hat sie im Januar einen Soldaten geschlagen: «Wir Frauen haben uns zum Platz durchgekämpft, weil die Sicherheitskräfte uns ja nicht angegriffen haben. Wir haben den Männern den Weg freigemacht. Und dann haben wir auf dem Tahrir gebetet.»

Knapp 100 Jahre nachdem Aufrührerinnen in Ägyptens erster Frauenbewegung gegen die britische Kolonialmacht marschierten, war das politische Engagement von Frauen wieder erwünscht und die Geschlechtertrennung im Zeltlager auf dem Tahrir kein Thema. Aber wenn Khafagi und Hassan erklären, was der Sturz Mubaraks den Ägypterinnen gebracht hat, klingt es, als lebten sie in verschiedenen Welten. Khafagi, Feministin, Vorstandsmitglied der Allianz arabischer Frauen, Anhängerin des liberalen Parteibündnisses «Die Revolution geht weiter», ist bitter enttäuscht. Einen «Rückschlag» hätten die Frauen erlitten, sagt sie. Regierung und Militärrat seien taub für deren Belange; bei den Wahlen senkten die Generäle die Frauenquote von 64 Sitzen im Parlament auf eine Kandidatin pro Liste, was zu einer fast frauenfreien Volksversammlung führen werde. An Demonstrantinnen führten sie «Jungfräulichkeitstests» durch, deren Ergebnis ein General so kommentierte: «Stellen Sie sich vor, keines der Mädchen war Jungfrau!» Und nun gewinnen bei den Wahlen auch noch die Islamisten.

Die Politik wird islamischer

Manal Abul Hassan, Professorin für Medien, Anhängerin der islamistischen Muslimbruderschaft und Kandidatin ihrer Partei Freiheit und Gerechtigkeit, sieht das ganz anders. Die Revolution sei ein Geschenk für die Frauen gewesen. Es gebe haufenweise weibliche Kandidaten bei den Wahlen, sie selbst zum Beispiel. Sogar unter den ultrakonservativen Salafisten seien Kandidatinnen. Um wählen zu gehen, haben viele Frauen zum ersten Mal in ihrem Leben überhaupt Ausweise beantragt. Demokratie – ein Glück für die Frauen. Und natürlich auch für die Muslimbrüder.

In Ägypten und Tunesien, den Pionierstaaten der Volksaufstände, vollzieht sich auf parlamentarische Weise das Erwartete. Nach Jahrzehnten im Untergrund bietet diese erste Phase des Wandels den Religiösen eine historische Chance. In Tunesien stellt die Ennahda-Partei den Premierminister, doch sie muss die Macht mit liberalen Kräften teilen. In Ägypten könnten die Islamisten nach dem Wahlmarathon im Frühjahr auf 70 Prozent der Stimmen kommen. Die Muslimbrüder haben eine Koalition mit den radikalen Salafisten ausgeschlossen, schicken Delegationen in die Türkei und nach Malaysia. Beobachter sagen, sie begriffen ihren Machtgewinn als politische Herausforderung, nicht als religiöse. Aber die Regierung, die Gesetze, die Verfassung werden islamischer.

Frauenrechtlerinnen unter Kollaborationsverdacht

Habib Bourguiba, der Vater des modernen tunesischen Staates, gab seinen Töchtern das modernste Familienrecht der arabischen Welt, verbot Polygamie, erlaubte Abtreibungen und verfügte ein gleichberechtigtes Scheidungsrecht. 70 Prozent der tunesischen Frauen können lesen und schreiben, zwei Drittel der Studenten sind Frauen. Bei der Wahl galt eine 50-Prozent-Quote für Parteilisten. Rashid Ghannouchi, der Chef der islamistischen Ennahda, führt heute zwar das Bekenntnis zu Frauenrechten im Munde, aber vor ein paar Jahren empfahl er Frauen die palästinensischen Märtyrermütter, deren Söhne als Selbstmordattentäter starben, als Vorbild. In Tunesien wie in Ägypten war staatliche Frauenarbeit Schaufensterpolitik für den Westen – und ein Fusstritt für die Demokratie. Ägyptens Präsidentengattin Suzanne Mubarak, die meistgehasste Frau des Landes, förderte ein moderneres Scheidungs- und Sorgerecht, bessere Sozialversicherungen, das Verbot der Genitalverstümmelung – gegen ein konservatives Parlament. «Unsere Organisationen bereiteten die Informationen vor, dann rief Frau Mubarak den Parlamentssprecher an und sagte, er solle sich überlegen, wie er das Gesetz durchbringe», sagt Khafagi.

Gute, sinnvolle Programme von Nichtregierungsorganisationen wurden durch verhasste Regierungsangestellte vermittelt. Auch deshalb stehen Frauenrechtlerinnen heute unter Kollaborationsverdacht, das weiss Khafagi. Aber hatten sie eine Wahl?Zum Gespräch hat sie in die Zentrale ihres Parteibündnisses geladen. «Die Revolution geht weiter» liegt derzeit bei 3 Prozent. Die Islamisten fegen die Liberalen vom Platz. Der Kampf gegen den Islamismus war eine Entschuldigung für die meisten Verbrechen der arabischen Polizeistaaten. Nach Jahrzehnten der Verfolgung, Verfemung und Folter strahlen die Islamisten heute für viele Menschen Unverbrauchtheit, ja Reinheit aus. Sie hoffen darauf, dass die Islamisten ihre Wohltätigkeitsarbeit in der Regierung fortsetzen, dass aus Almosen Sozialpolitik wird und die Politik weniger käuflich: Ein guter Muslim stiehlt nicht. Selbst in Ägyptens Strandhotelburgen wie Hurghada haben die Islamisten gut abgeschnitten, obwohl sie mit ihren Reden von getrennten Badestränden und Alkoholverbot die Tourismusindustrie in Panik versetzt haben. Auch viele Frauen wählen die Islamisten, was Khafagi fast verzweifeln lässt: «Sie ahnen nicht, dass es mit einem Opfer nicht getan ist. Am Ende steht ein Sklavenleben.»

«Wo wart ihr?»

Anderseits kennt sie die Defizite. «In den Armenvierteln hören wir: Wo wart ihr? Die Einzigen, die sich um uns gekümmert haben, waren die Salafisten», sagt sie. Liberale Politik wird auf Facebook verkündet, in Zeitungen ausgebreitet, im Fernsehen diskutiert, aber sie findet nicht den Weg in die Dörfer. «Wir dachten, dass die direkte Kommunikation mit den Menschen nicht wichtig sei», sagt Khafagi. Aber die Masse zählt, auch in der Frauenfrage, das hat sie nach den Millionenaufmärschen auf dem Tahrir begriffen. Und: Frauen müssen Allianzen schmieden. Bald wollen sie mit den Tourismusangestellten gegen die Islamisten demonstrieren: «Wir haben viel gelernt.»

Manal Abul Hassan trägt das Kopftuch seit 35 Jahren. Mitte der 80er-Jahre war sie an der Medienfakultät die einzige Verschleierte: «Religion war aus den Universitäten verbannt.» Ihre Familie war religiös; Manal heiratete einen Funktionär der Muslimbrüder, es war der Beginn jahrzehntelanger Untergrundarbeit. Bis heute haben die Muslimbrüder ihre sektiererische Geheimniskrämerei nicht abgelegt.

Ausnahmsweise empfängt Hassan zu Hause, in einer aseptisch sauberen bürgerlichen Idylle im wohlhabenden Kairoer Stadtteil Heliopolis mit golden glänzenden Möbeln, mit Gobelins und Flachbildfernseher. Auf dem Tisch liegt das Hochzeitsfoto ihrer Tochter Sondos, die an der Amerikanischen Universität in Kairo ihre Examensarbeit über soziale Medien schreibt. Sie heiratete in Weiss – und verschleiert. «Mein Mann zahlt Tausende Dollar für die Ausbildung seiner Tochter, aber mein Sohn muss arbeiten: Und dann heisst es, bei uns würden Mädchen benachteiligt», sagt Hassan.

Make-up? «Für zu Hause!»

Über Jahre hat sie sich in den islamistischen Frauenzirkeln nach oben gearbeitet, Koranstudium, Fürsorgearbeit, sogar Make-up-Tipps wurden besprochen. Make-up? «Für zu Hause!» Eine Mehrheit der Muslimbrüder im Parlament, eine islamische Regierung wäre ein Segen für die Frauen, schwört sie. Das islamische Erbrecht spreche Töchtern zwar weniger zu als Söhnen, aber andere weibliche Verwandte – Nichten, Tanten – könnten durchaus mehr als die Männer bekommen. «Die Muslimbrüder wollen Frauenrechte durchsetzen, die nicht mal die UNO fordert», trumpft sie auf. Kein Gedanke an Kopftuchzwang und Bikiniverbot, ihre Fraktion werde die Frauen stärken, die Scheidungsraten senken und mehr Arbeitsplätze für Frauen schaffen.

Gewiss, die Scharia sei oberstes Kriterium, aber man werde auch prüfen, wie die Gesellschaft reagiere und Experten konsultieren. Das Heiratsmindestalter von 18 Jahren müsse allerdings abgeschafft werden, es mache Erwachsene zu Kindern, sagt sie. Aber was ist mit den saudischen Petro-Prinzen, die Minderjährige aus armen Familien schwängern, im Schutz der Heiratsurkunde? «Das tun sie heute auch schon. Wir haben ein Gesetz, und es nützt nichts», sagt Hassan. «Die Scharia wird die Frauen schützen.»Für Frauenrechtlerinnen wie Khafagi klingt das wie eine Drohung. Die arabischen Frauen haben sich für die Demokratie entschieden, aber wenn es schlecht läuft, war es eine Entscheidung gegen ihre eigenen Interessen.

Erstellt: 17.12.2011, 15:10 Uhr

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