Der Bombenentschärfer von Mosul

Der irakische Oberleutnant Abdelaziz al-Amir spürt Sprengsätze der Terrormiliz IS auf: in Autos, hinter Türen und Fenstern. Für Todesangst bleibt dabei keine Zeit.

Präsenz markieren: Irakische Sicherheitskräfte patrouillieren in Mosul. Foto: Marko Djurica (Reuters)

Präsenz markieren: Irakische Sicherheitskräfte patrouillieren in Mosul. Foto: Marko Djurica (Reuters)

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Oberleutnant Abdelaziz al-Amir hängt mit dem Oberkörper im Fond eines weissen Autos. Wo einmal die Rücksitze waren, haben die Terroristen des Islamischen Staates (IS) eine Art Regal aus Stahlträgern in den Kia Sportage geschweisst. Der Oberleutnant knipst gerade mit einem Seitenschneider die letzten Zündkabel und Sprengschnüre durch. «Sie nehmen immer Pick-ups oder Geländewagen», sagt er. Andere Autos können die Last der aufgeschweissten Panzerplatten aus Stahl und den Sprengstoff gar nicht tragen. 400 Kilogramm Ammoniumnitrat in 20 Plastikeimern hat Amir aus dem Wagen geholt, selbst gemischter Sprengstoff aus Dünger. «Wenn das in einer Strasse explodiert, stürzen die Häuser daneben ein», sagt er.

Der IS schickt Selbstmordattentäter mit diesen fahrenden Bomben los; die Front ist bis auf einen Schlitz aus Panzerglas mit Stahlplatten verstärkt. Sie rasen so nah an die irakischen Truppen heran, wie sie nur können, und sprengen sich in die Luft. Oder inmitten von Zivilisten. Selbst gepanzerte Fahrzeuge halten dem nicht stand. Und im Westen von Mosul müssen die Sondereinheiten in den engen Strassen zu Fuss vorrücken, Haus für Haus. Je näher sie den verwinkelten Gassen der Altstadt kommen, desto mehr Sprengfallen haben die Terroristen gelegt, in Strassen, Häusern, unter Kanaldeckeln und in Bäumen. Überall. Tückische Konstruktionen, die so viele Soldaten und Zivilisten töten sollen wie nur möglich. Und Oberleutnant Abdelaziz muss sie entschärfen.

«Man muss schnell sein», sagt er, «sonst muss die ganze Einheit warten.» Das ist gefährlich, weil es dem Feind Zeit gibt zum Angreifen, um seine Autobomber zu schicken. Abdelaziz gehört zu den Krisen-Reaktionskräften des Innenministeriums, einer Elitetruppe, die zusammen mit der direkt dem Premierminister unterstellten Antiterror-Einheit der Goldenen Division an der Font gegen den IS kämpft. «Es ist ein sehr gefährlicher Job», sagt Abdelaziz, «aber man gewöhnt sich daran. Und dann wird es immer einfacher.» Einfacher, nicht dauernd daran zu denken, dass eine falsche Bewegung den Tod bedeutet? «Dafür hast du gar keine Zeit», sagt er.

«Irgendwer muss es machen»

Der 31-Jährige ist ein drahtiger, durchtrainierter Mann, die schwarzen Haare von den Schläfen abwärts rasiert. Die braunen Augen kneift er im Zwielicht des bedeckten Himmels zu Schlitzen zusammen, das lässt ihn streng und unerbittlich aussehen. Er hat ein sehr nüchternes, fast distanziertes Verhältnis zu seinem Job, der Vater von zwei Töchtern, fünf und ein Jahr, und einem Sohn, drei. Seine Kinder wissen nicht, was er tut; sie sind zu jung. Seine Frau finde es «okay», sagt er. Job ist nun mal Job, und Militär ist Militär, da «führt man Befehle aus», sagt Oberleutnant Abdelaziz. Er erzählt all das, ohne eine Miene zu verziehen, fast regungslos mit ruhiger, leiser Stimme. Kurze Handbewegungen hier und dort. Dieser Mann hat sich extrem gut unter Kontrolle. Wahrscheinlich geht das auch gar nicht anders.

Er spricht fliessend Englisch, er hat die Sprache einmal studiert, aber den amerikanischen Akzent hat er sich in Filmen abgeschaut. «Ich habe mir das meiste selber beigebracht», sagt er. So war es auch mit dem Bombenentschärfen. Er war noch normaler Offizier, Zugführer und damit Vorgesetzter von einem Dutzend Soldaten, als seine Einheit im Juni 2014 vom IS eingeschlossen wurde auf dem Gelände der Raffinerie von Baiji, 150 Kilometer südlich von Mosul. Vier Monate waren sie von Jihadisten umringt. Wenn sie überleben wollten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Sprengfallen unschädlich zu machen.

Abdelaziz al-Amir hat sich sein Handwerk selber beigebracht. Foto: PKR

Sie hatten keine Spezialisten dabei. «Irgendwer musste es machen», sagt Abdelaziz al-Amir. «Wenn du weisst, wie es funktioniert, ist es immer das Gleiche», fährt er fort. «Jede Bombe besteht aus einer Stromquelle, einem Zünder und explosivem Material, nur in unterschiedlichsten Ausführungen.» Der IS habe ein paar Leute, die es verstünden, die Dinge kompliziert zu machen, Mehrfachsprengsätze und andere Finten. Aber alle liessen sich nach dem gleichen Muster unschädlich machen. «Du suchst die Stromquelle. Wenn du sie entfernen kannst, passiert in der Regel nichts mehr», dann den Zünder aus dem Sprengstoff ziehen und diesen an einem sicheren Ort unschädlich machen. Auch das sagt Abdelaziz, als wäre er ein Elektriker, der den ganzen Tag kaputte Boiler repariert.

Keine Schutzkleidung, keine Panzerung

Er trägt bei der Arbeit keine Schutzkleidung, keine Panzerung, nur seine normale Uniform. «Gegen die Wucht der Explosion gibt es bei diesen Bomben keinen Schutz», sagt er. «Die zerfetzt dich so oder so.» Der einzige Schutz sind seine Erfahrung, maximale Aufmerksamkeit und absolute Konzentration. «Ich habe schon viele Dinge gesehen», sagt er und fischt eine Einwegspritze aus Plastik aus seiner Hosentasche. Der Kolben ist durch ein Metallplättchen ersetzt, das an einem Gummiring hängt. An das Plättchen ist eine durchsichtige Angelschnur gebunden, hinausgeführt durch die Düse an der Spitze. Kurz davor sind zwei blanke Kupferdrähte durch den Plastikzylinder hindurchgebohrt. Abdelaziz zieht an der Schnur, das Plättchen berührt die Drähte, die rote Leuchtdiode blinkt auf. «Und bumm», sagt er trocken. Ein Zünder. «Sie verminen damit Türen und Fenster», erklärt er, «oder sie bauen mehrstufige, komplexe Sprengfallen.»

Das Offensichtliche lässt ihn stutzig werden. Wenn ein Sprengsatz gut sichtbar herumliegt, dann hat das einen Sinn. Meist knüpfen die Terroristen einen zweiten daran. Manchmal einen dritten. Bewegt er die erste Bombe, fliegt die andere Ladung hoch. «Das Wichtigste sind deine Augen. Man muss sich das jedes Mal ganz genau ansehen», sagt er. Die Umgebung, die Kabel, jede Winzigkeit, die auf eine neue tückische List der Bombenbauer hindeuten könnte. Noch einmal schauen, wenn sich auf den ersten Blick einfache Lösungen bieten. Nur mit einem Drahtschneider in der Hand muss er binnen Minuten entscheiden, welchen der Drähte er kappt.

Bombenfabriken in jedem Viertel von Mosul

Hinter einem einfachen Zaun neben dem Haus, in dem seine Einheit Quartier bezogen hat, liegen am Boden die Bomben, die sie in den vergangenen Wochen entschärft haben. Es sind Hunderte. Stahlzylinder, die der IS in seinen Werkstätten zusammengeschweisst hat. In jedem Viertel von Mosul, das sie befreit haben, fanden sie solche Fabriken. Daneben verrostete Mörser- und Artilleriegranaten, zu Sprengfallen umfunktioniert. Plastikeimer und Reifen, die mit TNT befüllt sind, Minen, Rohrbomben und Zünder, die vergraben werden und auf Druck reagieren. Und Selbstmordwesten. Sprengstoffpakete, auf der einen Seite mit Metallkugeln gespickt, auf der anderen die Sprengschnur, die das Paket zur Explosion bringt, alles mit durchsichtigem Klebeband eingepackt. «Wir sammeln das hier, und das meiste bringen wir nach Bagdad», sagt er.

Zu Ausbildungszwecken. Die meisten seiner Soldaten haben, anders als er, ihr Handwerk systematisch gelernt. «Manche von ihnen sind inzwischen besser als ich», sagt er und lächelt zum ersten Mal. Sie lernen die Theorie, trainieren mit Attrappen. Doch das Wichtigste ist Zuschauen. Wie ein Sushi-Lehrling die Fingerfertigkeit des Meisters durch Beobachten zu verstehen beginnt. «Die ersten hundert Mal machen sie nichts, sie stehen nur daneben», sagt Abdelaziz. Viel zu nervös sind die Anfänger. «Beim ersten Mal zittert man noch, mit der Zeit wird man zum Experten», sagt er.

Und doch hat auch er manchmal Angst. Neulich, als sie einen Kleinlastwagen mit einem blauen Tank auf der Ladefläche entdeckten. Mit einer unbekannten Flüssigkeit darin. Und verdächtigen Kabeln. Er wusste, dass es eine Bombe war – nur, was für eine? War die Flüssigkeit ein Sprengstoff? Oder Chemiewaffen-Brühe? Er weiss es bis heute nicht; die Armee hat die Analyse übernommen. Er weiss nur, dass es unheimlich war. Und dass er das richtige Kabel durchgeschnitten hat. Seine Erfahrungen hält er auf seinem Laptop fest, er schreibt an einem Buch. Nicht nur über die Sprengfallen, sondern eine Innenansicht über den Kampf gegen den IS. Er will es veröffentlichen, wenn der Krieg gegen den IS vorbei ist. Wenn er dann noch lebt.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 10.04.2017, 12:09 Uhr

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