Der Durchbruch zum Frieden begann auf dem Bürgenstock

Dass die Teilung des Sudans halbwegs friedlich verläuft, ist auch ein Verdienst der Schweizer Diplomatie: Das Bürgenstock-Abkommen hat Vorbildcharakter.

Der Rebellenführer: John Garang.

Der Rebellenführer: John Garang. Bild: Keystone

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Am Anfang des Schweizer Engagements für den Frieden im Sudan stand eine Freundschaft: Josef Bucher, Geschäftsträger der Schweiz in Libyen, war gut bekannt mit dem Botschafter des Sudan. Die beiden trafen sich häufig in Tripolis, und der Kontakt vertiefte sich, zumal Bucher Arabisch sprach. Das war 1992.

Das Sackmesser als Vertrauensbeweis

Damals tobte der Bürgerkrieg zwischen dem Nord- und dem Südsudan. Bis 2005 starben zwei Millionen Menschen. 1992 indes spaltete sich die Rebellenbewegung im Süden und schwächte sich so selbst. Khartum, das Machtzentrum des Nordens, hielt die Gelegenheit für günstig, um einen vorteilhaften Frieden zu schliessen. Was fehlte, waren Kontakte zur Rebellenarmee SPLA.

Hier kommen Josef Bucher und mit ihm die Schweiz ins Spiel. Der sudanesische Botschafter bat ihn im Namen seiner Regierung, im Südsudan einen Kontakt zu den Rebellen herzustellen. Bucher reiste in die Konfliktregion und fand nach einigen Tagen John Garang, den legendären SPLA-Führer, der später bei einem Helikopterabsturz starb. Er schenkte ihm ein Schweizer Sackmesser und gewann so sein Vertrauen.

Reisen in die Schweiz

Nun entwickelte sich ein Dialog zwischen der sudanesischen Regierung im Norden und den Rebellen im Süden, auch wenn der Krieg weiterging. John Garang und die Vertreter der Regierung von Präsident Omar al-Bashir, der 1993 an die Macht gekommen war, reisten mehrmals in die Schweiz, um auf neutralem Boden erste Gespräche zu führen. Immer mit dabei: Josef Bucher. «Ich war Botschafter in Libyen, und der Sudan war mein Hobby», sagt der seit kurzem pensionierte Diplomat.

1997 wurde Bucher als Botschafter nach Kenia versetzt, um sein heimliches und auch gegenüber der Öffentlichkeit nicht bekannt gegebenes «Hobby» noch besser pflegen zu können: In Nairobi hatten vor allem auch die Rebellen aus dem Sudan ihre Vertretung. 2001 wurde das Hobby schliesslich zum Beruf: Der Bundesrat ernannte Bucher zum Botschafter für Konfliktbearbeitung im Rahmen der Guten Dienste der Schweiz.

«Nicht mit uns»

Gleichzeitig kam in den USA die Regierung Bush an die Macht. Washington wollte mit dem Sudan über die Rebellion im Süden verhandeln. Allerdings war dieses Ansinnen bei den evangelikalen politischen Rechten in den USA, welche mehrheitlich George W. Bush gewählt hatten, unpopulär, weil im Sudan Christen verfolgt wurden. Deshalb wollten die USA zunächst einen Testlauf machen, um herauszufinden, ob ein Abkommen zwischen dem Norden und dem Süden überhaupt möglich wäre. Bucher reiste nach Washington und deckte erstmals gegenüber dem US-Aussenministerium seine bereits zehnjährige Vermittlertätigkeit im Sudan auf. Die USA hätten inoffiziell aber wohl schon längst Bescheid gewusst, vermutet Bucher.

Anfänglich seien die Amerikaner wenig begeistert gewesen vom Schweizer Engagement, erinnert er sich heute. «Die wollten das mit den Engländern und den Norwegern machen, nicht mit uns.» Aber man war sich einig, dass der Konflikt in den Nuba-Bergen zwischen den Nuba-Rebellen und den Regierungstruppen geeignet war als Test. Vor allem, weil die Nuba-Berge strategisch uninteressant sind: Sie liegen mitten im Sudan, es gibt keinen Hafen, keine Verbindung ins Ausland, kein Öl. Das erhöhte die Chancen für einen Kompromiss.

In den Verhandlungen ging es um ein Gebiet doppelt so gross wie die Schweiz mit 500 000 Einwohnern. Die Rebellen wollten nicht im arabischen Kairo verhandeln, die Regierung nicht im afrikanischen Nairobi. Die Amerikaner schlugen Norwegen vor, doch die Sudanesen wollten wieder in die Schweiz, die sie inzwischen als Vermittlerin schätzen gelernt hatten. Das habe den Amerikanern «gar nicht gepasst», berichtet Bucher. Doch dann willigten sie ein und baten Bucher gar, den Vorsitz für die Verhandlungen zu übernehmen. «Da habe ich leer geschluckt», räumt er ein.

Botschafter Buchers Geschick

Im Januar 2002 traf man sich auf dem Bürgenstock, die Sudanesen beider Seiten, die Amerikaner und die Schweizer, in jeder Delegation Diplomaten und Offiziere. Bucher kannte die Nord- wie die Südsudanesen und galt als unvoreingenommen. Nach einer Woche einigte man sich auf einen Waffenstillstand und – entgegen den Erwartungen – gar auf eine Entflechtung der Truppen. Die Regierungstruppen mussten sechs Kasernen räumen, die Rebellen 50 Stützpunkte.

Zudem bildete man eine Überwachungskommission. Sie bestand aus Sudanesen beider Seiten sowie 15 ausländischen Offizieren, Briten, Amerikanern Norwegern. Die Schweizer kümmerten sich um die Verwaltung. Eine solche Kommission war ebenfalls ein Novum für den Sudan und der Vorläufer für die spätere UNO-Mission im Süden.

Entscheid für die Sezession

Das Abkommen wurde im Sudan begrüsst: bei den Politikern und Offizieren, weil sie wenig verloren hatten, und bei den Menschen, weil die Hilfswerke nun in den Nuba-Bergen arbeiten konnten. Vor allem aber schuf das Abkommen Vertrauen. «Es wurde zum Katalysator für die Verhandlungen zwischen dem Norden und dem Süden», sagt Bucher.

Wenige Monate später traf man sich wieder in Nairobi. «Man begann mit viel Optimismus, weil das Nuba-Abkommen gut umgesetzt wurde.» Dabei half, dass sich beide Parteien bemühten, das Abkommen einzuhalten, um im angestrebten Friedensabkommen nicht für Fehler büssen zu müssen. Man rechnete mit drei Monaten Verhandlungszeit. Es wurden drei Jahre. Am Tisch war auch die Schweiz, wenn auch nur in beratender Funktion. Kenia hatte die Führung übernommen, um eine afrikanische Lösung zu erzielen; die USA sekundierten.

2005 schlossen die sudanesischen Konfliktparteien Frieden. Und sie vereinbarten, dass der Süden 2011 in einem Referendum darüber befinden kann, ob er weiter zum Sudan gehören oder sich abspalten möchte. Nun hat sich der Süden für die Sezession entschieden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2011, 15:33 Uhr

1995 trifft Josef Bucher (l.) erstmals Rebellenführer John Garang. (Bild: PD)

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